20.08.2025
Minnesota Vikings vor der Saison 2025
Die Minnesota Vikings sind eines der spannendsten Teams dieser Saison. Der Kader in seiner Gesamtqualität muss sich vor niemandem in der NFL verstecken - doch die Quarterback-Position ist das große Fragezeichen. Welche Erwartungen sind realistisch für ein solches Team? Und was wäre überhaupt eine erfolgreiche Saison für Minnesota?

Erwartungen zu managen ist eine der komplizierteren Offseason-Aufgaben. Denn im August kann sich jede Fan-Base einreden, dass die Moves der Offseason greifen werden, dass die Schwachstellen der vergangenen Saison repariert sind und dass jetzt der nächste Schritt kommt. Mit Draft und Free Agency, gefolgt von mehreren Monaten der Antizipation, reizt die NFL das Prinzip Hoffnung voll aus.
Erwartungen zu managen heißt aber nicht nur, einen möglichst realistischen Blick auf Teams zu kreieren. Es wird dann komplex, wenn man überhaupt erst einmal die Parameter festsetzen muss, die Erfolg in der kommenden Saison definieren sollen. Was wäre der "nächste Schritt" für ein Team wie Minnesota? Die Vikings gewannen 14 Spiele letztes Jahr. Sicher, gefolgt von einem enttäuschenden Playoff-Aus in der ersten Runde - aber ist das genug, und vor allem ausreichend relevanter Kontext, um schon die Erwartungen für die kommende Saison zu definieren?
Minnesota ist eines der spannendsten Teams vor der neuen Spielzeit. Weil die Vikings auf der einen Seite nach der überraschend positiven Saison von Sam Darnold mit J.J. McCarthy auf der wichtigsten Position den Schritt ins Unbekannte wagen. Darnolds erfolgreiches Vorjahr, das ihm den Posten des Starting-Quarterbacks der Seattle Seahawks einbrachte, wurde überhaupt nur möglich, weil sich McCarthy in der vergangenen Preseason den Meniskus riss.
Teams mit neuen Quarterbacks sind natürlich keine Seltenheit. Doch ein Team, das 14 Siege in der Vorsaison gewann und dann in der Offseason aggressiv investierte, um seine größten Schwachstellen signifikant zu verbessern, während es einen neuen Quarterback installiert? Das ist schon deutlich ungewöhnlicher.
An diesem Punkt stehen die Vikings. Minnesotas größte Baustellen vergangenes Jahr waren die Interior Offensive und Defensive Line. 186,72 Millionen Dollar Gesamt-Vertragsvolumen investierten die Vikings in dieser Free Agency allein in diese beiden Mannschaftsteile: Javon Hargrave und Jonathan Allen werden die Starting Defensive Tackles sein, Will Fries und Ryan Kelly werden auf Guard und Center starten. All das zusätzlich zum eigenen Erstrunden-Pick, welcher in Guard Donovan Jackson investiert wurde. Viel mehr Investment in einzelne Positionsgruppen geht kaum.
Head Coach Kevin O’Connell sprach bei KFAN Ende Juli über genau diese Strategie. Er sei "ein sehr starker Befürworter der Idee, dass der Entwicklungsprozess eines Quarterbacks mehr als nur den Quarterback selbst beinhaltet".
Und weiter: "Ich denke, dass man ein wirklich gutes Team um jeden Quarterback herum bauen muss. Wenn man einen jüngeren Spieler hat, in dem finanziellen Rahmen, in dem wir uns in der heutigen NFL bewegen, kann man noch ein wenig mehr um ihn herum investieren. Bevor man dann dafür planen muss, wie es aussieht, wenn er einer der bestbezahlten Spieler des Teams ist."
Davon ist McCarthy selbstredend noch weit entfernt, aber O’Connells Aussage ist keineswegs kontrovers. Ganz im Gegenteil, es ist der gemeinhin gängige Ansatz: Wenn ein Team einen jungen Quarterback auf dem Rookie-Vertrag hat, ist das die beste Zeit, um Geld in die Hand zu nehmen und ein Titelfenster zu öffnen.
Die Houston Texans haben genau diese Strategie nach der Rookie-Saison von C.J. Stroud versucht. In dieser Offseason sehen wir einen solchen Ansatz bei den Washington Commanders, nachdem Jayden Daniels das Team als Rookie bis ins NFC Championship Game geführt hat.
Der große Unterschied zu McCarthy und den Vikings? Diese Teams wurden signifikant verstärkt, nachdem der junge Quarterback jeweils gezeigt hat, dass er einer der besseren Spieler auf seiner Position werden kann. McCarthy kommt in ein unheimlich stark besetztes und gut gecoachtes Team, noch bevor er seinen ersten Regular-Season-Snap gespielt hat.
Das führt zurück zum Thema Erwartungen. Als Erstrunden-Pick in einer mehr oder weniger idealen Situation muss die Erwartungshaltung gegenüber McCarthy hoch sein. Und in der Folge auch die Ansprüche an das ganze Team. Darnold war letztes Jahr im Liga-Mittelfeld unter Starting-Quarterbacks; wenn McCarthy das ebenfalls schafft, sollte das Team insgesamt noch stärker sein als die 2024er Vikings.

O’Connell und die Verantwortlichen in Minnesota haben McCarthy zwar noch nicht in echten Spielsituationen gesehen. Trotzdem haben sie in der vergangenen Saison einen sehr viel besseren Eindruck von ihrem jungen Quarterback gewinnen können. Ein Fakt, den man bei der Investitionsbereitschaft in dieser Offseason nicht vergessen darf.
Während der gesamten Saison trafen sich McCarthy und O’Connell ein Mal pro Woche im Büro des Head Coaches. Das Treffen fand in der Regel statt, nachdem der offensive Game Plan für die Woche feststand, sodass McCarthy konkrete Fragen stellen konnte, die den Game Plan, Strategien, die Vorbereitung oder auch Trainingseindrücke betreffen.
Der junge Quarterback hatte dafür das reguläre Tape, aber auch Zugriff auf das Material aus einer Kamera, die laut ESPN spezifisch an Darnolds Helm angebracht wurde, damit der Rookie bestmöglich nachvollziehen konnte, was Darnold auf dem Platz sah.
Aber es ging bei diesen Treffen nicht nur um Football, wie O’Connell gegenüber ESPN verriet: "Ich wollte ihm einfach eine Plattform mit mir geben. Mal ging es um Football, mal nicht. Während der Saison habe ich nicht viele Zeitfenster, aber ich wollte sicherstellen, dass wir diese Zeit zusammen haben."
Die Treffen halfen dem Head Coach dabei, einzuschätzen, wie McCarthy tickt - und in welchen Bereichen er mit ihm noch arbeiten muss. Und sie halfen dem Quarterback dabei, die Details der Offense zu verstehen und die Vorbereitung in der Saison zu verinnerlichen.
Als McCarthy jüngst gefragt wurde, inwieweit sich dieses Training Camp anders anfühlt als das im Vorjahr, sickerten diese Effekte unweigerlich durch. Er kenne die Offense besser, er verstehe die Coaching-Punkte besser, er verstehe die tägliche Arbeit besser.
Und: Er will all das zu seinem Vorteil nutzen. "Die verschiedenen Gelegenheiten, um zu wachsen. Darauf freue ich mich", erklärte McCarthy zu Beginn des Camps. "Es gibt so viele Aspekte des Spiels, in denen man sich verbessern kann. Protections, Reads, auf verschiedene Strategien der Defense in der Pocket reagieren. Und was Coverages angeht, kann man viel lernen, wenn man jeden Tag gegen diese Defense spielt."
"Diese Defense" ist jene von Brian Flores. Die zweitbeste Defense der vergangenen Saison nach Expected Points Added pro Play, vor allem, weil die Vikings die Könige der Big Plays waren. Mit 49 Sacks belegte Minnesota Platz vier in der Regular Season, mit 24 Interceptions mit Abstand Platz eins. Die Texans rangierten mit fünf Team-Interceptions weniger auf dem zweiten Platz, ansonsten kam kein Team auf über 17 Picks. 33 Turnover insgesamt waren der geteilte erste Platz für die Vikings-Defense.
Doch Turnover sind nur sehr bedingt planbar. Die Vikings selbst sind das beste Beispiel: 2023 hatte Minnesota elf Interceptions, 2024 mehr als doppelt so viele. Minnesota hatte in der vergangenen Saison bei über 77 Prozent der Spiele mehr Takeaways als der Gegner - das war die Basis für den Erfolg in der Regular Season.
Ähnlich und doch ganz anders wie die Frage, ob man am besten um einen Quarterback herum baut, der noch nie gespielt hat, stellt sich diese Problematik dar: Wie plant man etwas, das man nicht planen kann, das aber ein so essenzieller Treiber für den Erfolg des Teams war?
Minnesotas Antwort: Den Floor stabilisieren, um sicherzustellen, dass das Ceiling in Reichweite bleibt.
Dabei könnten die Vikings einen Trend fortsetzen. Denn 2023 blitzte Brian Flores bei mehr als der Hälfte der gegnerischen Dropbacks. Nach der 2023er Saison verließ zwar mit Danielle Hunter Minnesotas bester Pass-Rusher das Team, doch mit Jonathan Greenard, Andrew Van Ginkel und Dallas Turner wurde im Gegenzug dreifach nachgelegt. Die Vikings blitzten immer noch intensiv, weil das Flores’ defensive Identität ist. Doch die Blitz Rate fiel von 51,5 Prozent auf 38,9 Prozent.
Der Produktivität tat das keinerlei Abbruch, ganz im Gegenteil. Selbst über den Anstieg in den totalen Sacks hinaus. Die Pressure Rate ging von 2023 auf 2024 hoch, von 33 auf 36,3 Prozent, die Sack Rate stieg von 6,4 auf 6,8 Prozent.
Minnesota hat investiert, um diesen Trend - weniger Aggressivität, bessere Produktivität - fortzusetzen. Jonathan Allen und Javon Hargrave hatten letztes Jahr beide langwierige Verletzungen, 2023 kam Allen auf 49 Pressures und Hargrave auf 52. In der vergangenen Saison war Minnesotas produktivster Interior-Pass-Rusher Jerry Tillery mit 17 Pressures.
Die Vikings hatten auch letztes Jahr einen produktiven 4-Man-Rush, weil sie schematisch so schwer lesbar waren. Die Neuverpflichtungen könnten dafür sorgen, dass Flores seine Secondary auch in dieser Hinsicht mehr entlasten kann, was womöglich ein kritischer Aspekt ist. Denn Cornerback, und je nachdem, wie viel Harrison Smith noch im Tank hat, auch Safety, ist die potenziell größte Schwachstelle dieses Teams.
Minnesotas Offense war durch Darnolds unerwartete Saison die präsentere Story der vergangenen Vikings-Spielzeit. Doch die Defense war der primäre Treiber. Platz zwei in Expected Points Added pro Play, Platz fünf in Success Rate auf der defensiven Seite. Die Offense? Platz 14 in EPA pro Play, Platz elf in Success Rate. Die Defense war eine klare Top-5-Unit, die Offense eher in der Top-12-Kategorie.
Die Defense kann ihr Top-10-Ranking womöglich halten. Die Infrastruktur ist stark, der Pass-Rush sollte einer der besten in der NFL sein. Doch was wäre ein guter Ausgang für diese Vikings-Saison? Playoffs? Ein Playoff-Sieg? Die beste Defense der Liga zu haben?
All das wäre selbstredend positiv. Doch das Nummer-1-Ziel ist es, zu dem Schluss zu kommen, dass all die Hoffnungen und Roster-Building-Vorschusslorbeeren in McCarthy gerechtfertigt waren. Zu wissen, dass man hier tatsächlich einen Quarterback hat, um den herum man ein Titelfenster öffnen kann.
"Ich hatte zuvor keine so lange Verletzungspause", kann McCarthy mittlerweile zurückblicken, "und ich bin sehr dankbar für die Gelegenheit, dass ich mit einem Vorsprung was den mentalen Part des Spiels angeht starten kann."
Erweist sich McCarthy als Volltreffer, könnte Minnesota in der kommenden Offseason weiter nachlegen und wäre dann ein legitimer Titelanwärter. Das läge dann maßgeblich im Aufgabenbereich von General Manager Kwesi Adofo-Mensah, der ebenfalls eine eigene Erwartungshaltung an die 2025er Vikings hat: "Die Idee ist, dass wir ein Team haben, das sich in ein Duell stürzen kann, ohne zu wissen, welche Art Kampf es wird - und das am Ende als Sieger hervorgeht. Wir wollten ein Team aufbauen, das vielseitig ist und auf verschiedene Arten gewinnen kann."
"Und wir denken, dass wir das geschafft haben."
Adrian Franke