26.08.2025
NFL-Kolumne von Adrian Franke
Für die Detroit Lions beginnt ein neues Kapitel: Nachdem vier Jahre lang kontinuierliche Fortschritte gelangen, erfolgt erstmals in der Dan-Campbell-Ära ein radikaler Umbruch. Ist das Team dafür gewappnet? Und was bedeutet das für die Erfolgschancen in der neuen Saison?

"Ich habe den Jungs gesagt: Das war vielleicht unsere einzige Chance. Glaube ich das? Nein. Aber ich weiß, wie schwer das ist. Und es wird doppelt so schwer sein, nächstes Jahr an den Punkt zu kommen, an dem wir dieses Jahr standen."
Mit dieser ungewohnt ehrlichen Aussage sorgte Lions-Coach Dan Campbell zum Ende der 2023er Saison für Aufsehen. Sein Team hatte gerade das NFC Championship Game gegen die San Francisco 49ers verloren, nachdem Detroit eine 17-Punkte-Führung abgegeben hatte. Jenes Lions-Team war die positive Überraschung, zum ersten Mal seit 1993 hatte Detroit seine Division und erstmals seit 1991 ein Playoff-Spiel gewonnen.
In der vergangenen Saison gewann Detroit dann sogar noch mehr Spiele, mit 15-2 ging man als Nummer-1-Seed in die Playoffs. Doch statt den nächsten Postseason-Run hinzulegen, verabschiedeten sich die Lions sang- und klanglos als haushoher Favorit mit einer Niederlage gegen die Washington Commanders direkt in die Offseason.
Mit diesem Schicksal sind sie nicht alleine. Die Green Bay Packers hätten sich kaum träumen lassen, dass sie nach ihrem Super-Bowl-Titel 2010 mit Aaron Rodgers keinen einzigen weiteren Super Bowl erreichen würden. Gleiches gilt für die New Orleans Saints, die im Jahr davor den Titel gewinnen konnten, nur um danach kein einziges weiteres Mal mit Drew Brees ins Finale zu kommen.
Auch die Seattle Seahawks erwischte es hart: 2014 verpassten sie auf berüchtigte Art und Weise gegen die New England Patriots die Titelverteidigung. Russell Wilson und die Legion of Boom sollten danach nicht einmal mehr ein Conference Championship Game erreichen.
Campbells Aussage hallt bis heute nach, und die Lektion hier ist offensichtlich: So viele Faktoren spielen eine Rolle und so viel muss gut laufen, damit Teams tiefe Playoff-Runs hinlegen.
Verletzungen sind häufig ein Tie-Breaker, aber auch Tagesform und schlichtweg Glück sind Faktoren, die in einem Ein-Spiel-Playoff-Format besonders gravierend sind. Selbst einige der besten Quarterbacks der letzten 20 Jahre mussten diese Erfahrung machen.
Dan Campbell war das nach der Niederlage in San Francisco nur allzu schmerzhaft bewusst. 2023 lief sehr vieles extrem gut für Detroit und die Tatsache, dass das Team sich 2024 in fast jeder Statistik nochmal merklich verbesserte, ist unheimlich beeindruckend. Doch Verletzungen dezimierten die Defense, sodass Washington den Lions 45 Punkte einschenken und den Top-Seed gleich im ersten Spiel aus dem Wettbewerb werfen konnte.

Wenn man als ganz allgemein formulierte Prämisse festhält, dass ein Team einen perfekten Sturm braucht, um einen tiefen Playoff-Run hinlegen zu können, kann man daraus eine Frage extrahieren: Wie wahrscheinlich ist es, dass den Lions dieser in diesem Jahr gelingt?
Sicher, die Defense sollte rein statistisch deutlich weniger Verletzungspech haben als letztes Jahr. Auch wenn Detroit mit Levi Onwuzurike den ersten Spieler schon für die ganze Saison verloren hat und Alim McNeill sich noch von seinem im Dezember erlittenen Kreuzbandriss zurückarbeitet. Die Offense auf der anderen Seite hatte letztes Jahr nahezu keine und keinerlei langfristige Ausfälle zu beklagen.
Stattdessen sind es die Veränderungen, die hier im Fokus stehen. Mit Ben Johnson verlieren die Lions einen der besten offensiven Play Caller der letzten beiden Jahre, mit Frank Ragnow und Kevin Zeitler sind die Fixpunkte der Interior Offensive Line weg. Das wird auch Detroits Protection-Anpassungen auf dem Platz beeinträchtigen.
In Summe liegt die Vermutung nahe, dass Jared Goff mehr unter Druck stehen wird - im übertragenen, wie auch im ganz praktischen Sinne auf dem Platz. Goff war noch nie ein kreativer Pocket-Passer, seine Qualität liegt eher darin, tough, on-time und präzise aus der Pocket den Ball zu verteilen, die Mitte des Feldes zu attackieren und die Offense zuverlässig umzusetzen.
Dafür braucht es aber bestimmte Säulen, die intakt sein müssen, und das ist gewissermaßen die Geschichte von Goffs Karriere. Wenn er bei den Rams und jetzt bei den Lions in sehr guten Umständen gespielt hat, kann die Offense eine Top-5-Unit sein. Bisher zumindest konnte man von ihm aber nicht erwarten, dass er eine Offense maßgeblich trägt. Vielleicht ist er an diesem Punkt seiner Karriere dazu eher in der Lage, doch es ist ein großes Fragezeichen in der Prognose der kommenden Saison.
Das ist der richtige Moment, um John Morton in den Vordergrund zu rücken. Morton ist der neue Offensive Coordinator, er beerbt Ben Johnson. Morton war bereits 2022 als Offensive Assistant in Detroit, die letzten beiden Saisons verbrachte er als Pass Game Coordinator unter Sean Payton in Denver.

Als Play Caller ist Morton eine Unbekannte, seine einzige Saison als Offensive Coordinator kam 2017 bei den Jets unter Todd Bowles. Mortons Offense belegte Platz 24 nach Expected Points Added pro Play und Platz 30 nach Success Rate, nach einem Jahr wurde er wieder entlassen.
Natürlich hatte Morton damals nicht ansatzweise das Talent, das er jetzt in Detroit vorfindet. Josh McCown war der Quarterback der 2017er Jets, seine Top-Targets waren Robbie Anderson, Jermaine Kearse und Austin Seferian-Jenkins. Die Lions haben einen der besten Slot-Receiver der NFL in Amon-Ra St. Brown, Jameson Williams hatte letztes Jahr seinen Breakout, Sam LaPorta ist eine feste Größe in der Offense und Detroit verfügt über das wohl beste Backfield-Duo ligaweit.
Es ist realistisch, zu erwarten, dass Mortons Lions-Offense signifikant besser sein wird als seine Jets-Offense. Doch wir sprechen über eine Offense, die letztes Jahr Platz 1 in Punkten, Platz 2 in Yards, Platz 3 in Expected Points Added pro Play und Platz 1 in Success Rate belegte. Will sagen: Ein Drop-Off ist mehr als nur wahrscheinlich, selbst wenn Morton seine Sache ordentlich macht. Und wenn er ein deutliches Downgrade gegenüber Johnson darstellt, ist auch ein sehr deutlich spürbarer Drop-Off realistisch. Trotz der individuellen Qualität.
Die Offense ist das große Thema in der generellen Betrachtung dieses Lions-Teams. Da läuft es fast etwas unter dem Radar, dass die Lions trotz der zahlreichen Ausfälle letztes Jahr die siebtbeste Defense nach Expected Points Added pro Play und die achtbeste Defense nach Success Rate hatte, und die Saison nach zugelassenen Punkten auf Platz 7 beendete.
Das kann man mit Blick auf die kommende Saison erstmal positiv interpretieren: Eine Top-10-Defense mit so vielen Ausfällen? Wie gut kann die Unit sein, wenn sie fit ist? Mit Onwuzurike hat Detroit zwar einen wichtigen Spieler schon verloren und Aidan Hutchinson kommt von einer schweren Verletzung zurück, generell aber liegt die Vermutung nahe, dass die Lions deutlich mehr Snaps von ihren etatmäßigen Startern bekommen werden.
Doch wenn man eine solche Diskrepanz sieht - also die Vielzahl an gravierenden Ausfällen und dennoch Top-10-Production - muss man über den Play Caller sprechen. Und Aaron Glenn hat nicht ohne Grund den Head-Coach-Posten bei den New York Jets erhalten. Hier blieb Dan Campbell komplett intern, Kelvin Sheppard war seit 2021 im defensiven Trainerstab der Lions, erst als Outside, dann als Inside Linebackers Coach. Damit hat er seine ganze bisherige Coaching-Karriere unter Glenn verbracht.
Es ist also davon auszugehen, dass Sheppard in der generellen schematischen Herangehensweise an Glenns Arbeit anknüpfen will. Das heißt: Viel Man Coverage - kein Team spielte so viel Man Coverage wie die Lions letztes Jahr -, viel Blitzing, viele Stacked Boxes. Das ging für Detroit letztes Jahr auf: Die Lions belegten Platz 6 in puncto Success Rate, wenn sie blitzten.
Gerade Blitz-Packages können eine sehr sensible Angelegenheit sein. Sowohl was die spezifischen Designs, als auch was das Timing im Spiel angeht. Sheppard verfügt über eines der besten Safety-Duos in der NFL, aber er wird einen Sprung von Vorjahres-Rookie Terrion Arnold brauchen. Dann könnten Arnold und Neuzugang D.J. Reed ein sehr gutes Cornerback-Duo bilden.

Wie man es auch dreht und wendet, es gehört viel Fantasie dazu, sich vorzustellen, dass die Lions besser sein könnten als in der vergangenen Regular Season.
Doch ist das vielleicht auch gar nicht das direkte Ziel. Natürlich, jedes Team will sich steigern. Aber ein Team, das an dem Punkt angekommen ist, an dem die Lions jetzt stehen, hat schon fast naturgemäß den Anspruch, in die Playoffs zu kommen.
Diese Hürde muss erst einmal genommen werden, die entscheidendere Frage für solche Teams aber sollte sein: Können sie zum Start der Playoffs voll da sein?
Die Lions könnten sich Richtung Playoffs steigern. Wenn die beiden neuen Play Caller ihren Groove finden, wenn Hutchinson wieder näher an den 100 Prozent ist, wenn sich die beiden jungen Guards Tate Ratledge und Christian Mahogany stabilisiert haben.
Doch natürlich gibt es keine Garantien, dass einer dieser Punkte eintritt. Kein Head Coach ist so fehlerfrei, dass er bei Coordinator-Besetzungen nie daneben haut. Goff muss in einer Rolle glänzen, die wir so von ihm noch nie gesehen haben. Junge Spieler müssen in große Fußstapfen treten.
Die Lions wären längst nicht das erste Team, das selbst mit nur einem dieser Punkte erhebliche Schwierigkeiten hat, geschweige denn, wenn sie alle in der gleichen Saison bewältigt werden müssen. Allein eine längere Anpassungsphase könnte angesichts des harten Schedules und der starken Division die Playoffs in Gefahr bringen.
Dan Campbell hat sich die Vorschusslorbeeren verdient, dass man ihm zutraut, diese Widrigkeiten zu überwinden und mit den Lions eine weitere erfolgreiche Saison zu spielen. Viele Faktoren werden dann ab September erst einmal nur bedingt in seiner Hand liegen.
Doch Lions-Fans können sicher sein, dass Campbell selbst eine sehr realistische Perspektive einnimmt. Und dass er am besten versteht, wie schwer es ist, den Erfolgen des Vorjahres nachzujagen. Jetzt beginnt ein neues Kapitel, doch mit dem Mann am Steuer sollten sie dafür gerüstet sein.
Adrian Franke