22.08.2025
GFL-Kolumne von Philipp Forstner
Mehr als ein Jahrzehnt waren die Schwäbisch Hall Unicorns das Maß aller Dinge im deutschen Football. Doch beim Dauergast im GFL Bowl läuft es derzeit nicht mehr so rund. Die Gründe für die aktuelle Krise sind dabei vielschichtig.

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Die German Football League erlebt aktuell große Veränderungen. Neben strukturellen Reformen, die eine Reduzierung der Teams in der ersten Bundesliga vorsieht, scheint sich auch das Kräfteverhältnis im deutschen Oberhaus des American Footballs zu verschieben.
Schwäbisch Hall galt über zwei Dekaden als wahre Macht im Süden. Unangefochten zog man seine Kreise an der Spitze der GFL Süd. Häufig erreichte man ungeschlagen das Endspiel um die Deutsche Meisterschaft, wo man sich dann mit den New Yorker Lions aus Braunschweig, den Dresden Monarchs oder zuletzt mit dem amtierenden Champion Potsdam Royals duellierte.
Nachdem die Serie von neun Finalteilnahmen im letzten Jahr mit dem überraschenden Viertelfinal-Aus gegen die Hildesheim Invaders endete, wird nun auch Schluss mit der erneuten Titelverteidigung im Süden sein. Auch wenn sie dieser Tatsache in Schwäbisch Hall vielleicht noch nicht ins Auge sehen wollen und weiter an die theoretische Chance glauben, wird man in drei Spielen die Lücke von zwei Niederlagen mehr und dem Nachsehen im direkten Vergleich mit den ifm Razorbacks aus Ravensburg kaum noch aufholen.
Stattdessen suchte Head Coach Felix Brenner nach der letzten deutlichen 21:48-Niederlage gegen Dresden nach Gründen, die sich mehr nach Ausreden anhören, als nach einem unbedingten Willen, die Titeljagd wieder aufzunehmen. "Wir hatten heute allein die Ausfälle von fünf Startern zu verkraften. Dazu noch die Sperre von Justin Fords, was die Defense weiter geschwächt hat", erklärte er. "Glückwunsch an Dresden, aber wenn wir an einigen Stellen konsequenter agieren, können wir das Spiel deutlich enger gestalten. Die nötige Durchschlagskraft konnten wir heute jedoch nicht entfalten."
Dabei spricht Brenner neben verletzungsbedingten Ausfällen auch die Strafe gegen Justin Fords an. Undiszipliniertheiten auf dem Platz haben die Fans im heimischen Optima-Sportpark in diesem Jahr leider häufiger erleben müssen. Doch bevor wir näher auf die Gründe für die aktuelle Krise eingehen, geht der Blick auf die Ursachen.
Nach der Saison 2022 verkündet Jordan Neuman seinen Abgang als Head Coach in die European League of Football zur Stuttgart Surge. Seit 2009 war er zunächst als Offensive Coordinator, später als Cheftrainer und sogar als Trainer der deutschen Nationalmannschaft tätig.
Welchen Einfluss der gebürtige Texaner auf den American Football in Deutschland nimmt, zeigte sich nicht nur in Schwäbisch Hall nach seinem Verlust, sondern auch bei der Surge, die nach einer Saison ohne einzigen Sieg mit Neuman in seinem ersten Jahr direkt ins Endspiel der jungen Liga einzogen.
Für die Haller bedeutete sein Abgang den Aderlass. Wichtige Assistenztrainer und zahlreiche Spieler wechselten nämlich gleich mit in die baden-württembergische Landeshauptstadt. Im Gegensatz zu anderen Teams konnten die Unicorns diesen Einschnitt zunächst sogar mit Spielern aus der eigenen Jugend kompensieren und erneut den GFL Bowl erreichen.
Daher lässt sich der aktuelle Einbruch auch nicht allein mit der Zäsur am Ende der Saison 2022 begründen, weshalb es ein Trugschluss für den Klub wäre, die wahren Gründe für ihre derzeitige Krise nur darin zu suchen. Denn die Playoffs sind in diesem Jahr akut in Gefahr und das liegt an den aktuellen Protagonisten und nicht an der Vergangenheit.
So erlaubt die Defense ähnlich viele Punkte wie im Vorjahr. In Rushing und Passing Yards zeigt sich die Abwehr und auch die Offense in vergleichbarer Produktivität. Sogar die erzwungenen Ballverluste konnten weiter hochgehalten werden, was ein wichtiger Indikator für erfolgreiche Teams im Football sein müsste.
Doch die Resultate fehlen und das liegt an den erzielten Punkten. Im Schnitt macht der Angriff einen Touchdown weniger pro Spiel als im letzten Jahr. Das ist der Unterschied von drei Niederlagen in 2024 zu derzeit fünf Losses, obwohl noch drei weitere Begegnungen zu spielen sind.

Probleme im Scoring sind in der Regel auf zwei Elemente einer Offense zurückzuführen: Die Playmaker-Fähigkeiten des Quarterbacks und das Play Calling von der Seitenlinie. Spielmacher Josh Taylor ist ein laufstarker Quarterback, dem es gelingt, Raumgewinne und wichtige Punkte auch dann zu erzielen, wenn alles um ihn herum nicht zu funktionieren scheint. Sehr häufig will er in der Redzone auf den letzten 20 Yards seinen wichtigsten Receiver Austin Brock einbinden. Der bringt es aber nur auf eine Fangquote von 53 Prozent, weil er ständig von mehreren Verteidigern gleichzeitig in die Mangel genommen wird.
Für Taylor scheint Brock dennoch weiterhin die beste Option zu sein. Denn seine nächsten vier Receiver bringen es gemeinsam gerade auf die gleiche Anzahl an Catches, Receiving Yards und Touchdowns wie der Go-to-Guy Brock. Ein Umstand, der mittlerweile jeder Defense in der GFL aufgefallen sein dürfte.
Zu durchschaubar ist der Angriff der Unicorns aus Mangel an Alternativen. Je kürzer das Feld in Richtung Endzone wird, desto mehr fällt die Eindimensionalität des Passspiels in die Waagschale. Lösungen präsentiert Head Coach und Play Caller Felix Brenner derzeit keine. Denn es fehlen tatsächlich die Optionen, dabei waren diese vor nicht allzu langer Zeit noch im eigenen Haus und diesmal sind nicht die Stuttgart Surge und Coach Neuman Schuld daran.
Luca Hirschberger spielt für den direkten Konkurrenten, die Pforzheim Wilddogs, und erlebt eine fabelhafte Saison beim Aufsteiger aus der GFL2. In acht Spielen erzielte er 34 Catches für 599 Yards und acht Touchdowns. Bei den Unicorns wurde er nach vier Jahren aussortiert und spielte dort eine sehr untergeordnete Rolle. Allein gegen sein altes Team machte Hirschberger einen Score und fing Pässe für über 100 Yards. So schmerzte seine Nichtberücksichtigung bei der Kaderplanung von Schwäbisch Hall gleich doppelt.
Schwäbisch Hall hat seinen Erfolg den jungen und aufstrebenden Talenten seiner eigenen erstklassigen Jugendarbeit zu verdanken. Eine Besinnung auf ihre ursprünglichen Tugenden hat bereits nach dem Aderlass im Winter 2022/23 dazu geführt, dass die Unicorns trotz wichtiger Abgänge vom Leistungslevel her kaum eingebüßt haben.
Langfristig ist man da auch wieder auf einem guten Weg. So steht Josh Taylor hinter einer blutjungen Offensive Line und man wird sich in Hall darauf verlassen können, dass diese Einheit sich zu einem festen Bestandteil dieser Mannschaft etabliert. Das nützt ihnen nur in diesem Jahr nicht mehr viel.
Neben Austin Brock scheint es im Receiving Corps keine Alternativen zu geben und die, die man eigentlich schon im Team hatte, spielen jetzt für die Konkurrenz. Die Krise sollten die Schwäbisch Hall Unicorns nicht unterschätzen. Fehler im Coaching und bei der Evaluation von Talenten sind gemacht worden und sollten ihnen in den nächsten Jahren nicht häufiger unterlaufen. Dann geht es ganz schnell wieder zurück an die Spitze. Doch die Konkurrenz schläft nicht
Philipp Forstner