08.01.2019
New England Patriots treffen auf die Los Angeles Chargers
Im Grunde gehört Tom Brady zu den NFL-Play-offs wie das Ei aufs Football-Feld. Eine Endrunde ohne den fünfmaligen Champion und achtmaligen Finalteilnehmer? Seit 2001 nahezu unvorstellbar. Und obwohl sein Ausweis inzwischen ein Alter von 41 Jahren offenbart und die Saison teilweise durchwachsen war, greift "TB12" abermals nach der Krone - zusammen mit dem Mastermind in seinem Rücken. Doch ein angriffslustiger Gegner will die Suppe versalzen.
Die Play-offs der NFL gehen jetzt erst richtig los, schließlich steigen die vier besten Teams der Regular Season ein. Und wenngleich vom Gefühl her die Spielzeit der New England Patriots nicht überragend war, so schafften es Trainer Bill Belichick, Quarterback Tom Brady & Co. doch zum neunten Mal in Folge, neben den Chiefs, Saints und Rams eine gern genommene Bye-Week zu ergattern (Rekord).
Zugleich bestreiten die Pats in der nun bevorstehenden Divisional-Round ein Heimspiel im Gillette Stadium in Foxboro (Sonntag, 19.05 Uhr MEZ), wo es gemeinhin jeder Kontrahent immens schwer hat. Nur ein paar Fakten dazu: In der Regular Season 2018 hat New England (11:5) alle acht Heimspiele gewonnen - darunter zum Beispiel mit 43:40 gegen Kansas City, das laut Bilanz (12:4) beste Team der AFC. Außerdem haben die Patriots vor heimischer Kulisse seit dem 1. Oktober 2017 nicht mehr verloren (30:33 gegen Carolina), in den Play-offs gar seit dem AFC-Finale 2013 ( 13:28 gegen den späteren Super-Bowl-Sieger Baltimore ).
Der Ertrag unter Belichick/Brady dürfte ohnehin bestens bekannt sein: Seit 2001, als "TB12" Starter und damit Nachfolger von Drew Bledsoe wurde, erreichte das Franchise aus Massachusetts 16-mal die Play-offs (Rekord), gewann 16-mal die AFC East (Rekord), gewann die Division zudem zuletzt zehnmal in Folge (Rekord), zog letztlich achtmal in den Super Bowl ein (Rekord) und gewann diesen fünfmal. Nur die Pittsburgh Steelers haben einen Titel mehr - dafür brauchte "Steel City" aber einen Zeitraum zwischen 1974 und 2009. Kurzum: Kein anderes Team kann seit der Jahrtausendwende den Erfolgen der Pats das Wasser reichen.
Eng verknüpft ist der Erfolg dabei nicht nur mit Taktik-Meister Bill Belichick (Ex-Schützling und Hall of Famer Randy Moss: "Der erfolgreichste Trainer der NFL-Geschichte: Das ist Bill Belichick!"), sondern auch mit Brady himself. Der Quarterback, im NFL-Draft 2000 in der 6. Runde an 199. Stelle gezogen, war für viele Experten nie gesegnet mit einem unfassbaren Arm wie Aaron Rodgers oder Patrick Mahomes, ist nicht mobil wie ein Cam Newton (Panthers) oder Russell Wilson (Seahawks), galt zudem nie als kommender Superstar - und hat sich doch genau dahin entwickelt. Nimmt man rein die Erfolge zur Grundlage und schiebt Skandale wie "DeflateGate" zur Seite, ist der fünfmalige Champion "Tom Terrific" der beste Quarterback der NFL-Historie .
Das alles hat sich Brady mit akribischer Arbeit, mit grenzenlosem Ehrgeiz und mit bedingungslosem Einsatz erarbeitet. "Der seltsame Fall des Benjamin Brady" geht sogar soweit, dass der Spielmacher auch mit seinen aktuell 41 Jahren noch immer aktiv ist und weiterhin plant, auch 2019, 2020 und eventuell darüber hinaus in der NFL zu spielen. Ein Zitat diesbezüglich des ernährungsbewussten Athleten, der einige Geheimnisse in seinem Buch "The TB12 Method" preisgibt: "Ich sage immer bis Mitte 40, was natürlich erst einmal etwa 45 bedeutet. Wenn ich an diesen Punkt komme und mich noch so fühle wie heute - dann sehe ich nicht, warum ich nicht weitermachen sollte."
Neuestes Zeugnis seines Ehrgeizes: seine Arbeit auf das kommenden Spiel gegen die Chargers um deren Oldie-Quarterback Philip Rivers (37 Jahre). Im direkten Duell führt Brady dabei zwar mit 7:0, lehnt sich deswegen aber nicht zurück. Ganz im Gegenteil: Das L.A.-Weiterkommen vom Wochenende, das 23:17 in Baltimore , hat "TB12" genau beobachtet - und sich noch direkt danach an die Arbeit gemacht.
"Nachdem das Spiel zu Ende war, war ich die gesamte Nacht wach, um den Film zu analysieren", so Brady in seiner wöchentlicher Radio-Show bei "WEEI". "So läuft das. Das ist für mich die wichtigste Woche des gesamten Jahres - und darauf musst du dich fokussieren. Du kannst nicht genug studieren, du kommst nicht zur Ruhe. Es geht einfach darum, dass wir unser Bestes geben können, wenn die bislang wichtigsten drei Stunden in dieser Saison beginnen."
Alt oder gar abgeschlagen fühlt sich der 41-Jährige vor dem 38. Play-off-Spiel seiner grandiosen Laufbahn nicht: "Sicherlich geht nicht mehr vieles so leicht von der Hand wie früher, umso härter muss ich trainieren. Doch ich fühle, dass ich weiterhin die Sinne schärfen kann. Besonderen Druck verspüre ich aber nicht, den gibt es bei den Patriots ohnehin seit dem Tag, als ich das erste Mal durch die Tür marschiert bin. Auch der Trainer setzt uns konstant unter Druck, weil er das Beste von seinen Spielern verlangt - und er verlangt sehr viel."
Dass Belichick gegen die Chargers besonders viel verlangen wird, versteht sich von selbst: Denn Los Angeles spielt eine bärenstarke Saison, hat Zauber versprüht - und verfügt eben über Quarterback Rivers, der im Spätherbst seiner Laufbahn endlich den ersten Titel einheimsen will. Der Spielmacher sei laut Belichick "ein starker Spieler, der in der Pocket schwer angreifbar ist. Ich habe immensen Respekt vor ihm, denn er ist schlau."
Das will auf der anderen Seite auch L.A.-Trainer Anthony Lynn sein. Er will den Patriots mit seinem auswärtsstarken Team (7:1, plus ein gewonnenes "Heimspiel" in London) in deren Festung in die Suppe spucken - und setzt neben Rivers, dem wieder fitten Tight End Hunter Henry und Kicker Michael 'Money Badger' Badgley (Undrafted Rookie, der in Baltimore mit fünf Field Goals einen Play-off-Rekord aufgestellt hat) auch auf eine besondere Maßnahme. Einfach formuliert: Die Offensive New Englands soll massiv unter Druck geraten. Komplizierter: Während der NFL-Saison hat kein Team sieben Defensive Backs in mehr als 18 Snaps einer Partie genutzt. Die Chargers dagegen nutzten diese Maßnahme am Sonntag in Baltimore ganze 58-mal bei 59 Möglichkeiten. "Unsere Defensive-Coaches haben gedacht, dass es eine gute Möglichkeit gegen die Ravens wäre, eng zu stehen. Das hilft, um den Quarterback zu analysieren."
Heißt aber noch nicht, dass es auch gegen die Patriots helfen wird - zumal Brady womöglich mit schnellen Screes Richtung Julian Edelman sein Heil suchen wird und sicher auch mit weiten Würfen auch sicher Tight End Rob Gronkowski einbinden will.
mag