10.09.2020
NFL 2020: Kann Brady auch ohne Belichick?
Tom Brady in einem anderen Trikot als dem der New England Patriots: Daran werden sich NFL-Fans erst einmal gewöhnen müssen. Seine Tampa Bay Buccaneers blasen mit dem "GOAT" in jedem Fall nun zum Großangriff - und sind doch in einer hochklassig besetzten Division mit drei Top-Quarterbacks nicht einmal der Favorit.

Nahezu verflucht dürften sich Fans der New Orleans Saints in den vergangenen Jahren vorkommen. Dreimal in Folge ging das Team aus Louisiana als einer der großen Favoriten auf den Titel ins Rennen, dreimal scheiterte es auf dramatische Art und Weise. So wirklich viel geändert hat sich vor der neuen Saison nicht: Wieder stellt New Orleans den vielleicht komplettesten Kader der gesamten Liga, wieder ist das Team um Quarterback-Legende Drew Brees, der sich in den letzten Monaten auch einen Aussetzer geleistet hat, ein heißer Anwärter auf die Vince Lombardi Trophy.

Durch die ein oder andere Gehaltsumschichtung haben die Verantwortlichen den hochdotierten, hart auf Kante des Salary Caps genähten Kader in großen Teilen zusammengehalten - und sogar noch verbessert. In Wide Receiver Emmanuel Sanders (zuletzt San Francisco) und Safety Malcolm Jenkins (zuletzt Philadelphia) kamen zwei höchst erfahrene Spieler nach New Orleans, die jeweils schon den Super Bowl gewonnen haben. Es deutet also wenig darauf hin, dass "The Big Easy" einen Rückschritt macht, solange Brees sein konstant hohes Niveau auch im fortgeschrittenen Alter aufrechterhält. Es könnte sein letzter großer Angriff auf den ersehnten zweiten Ring werden.
Das Franchise aus Georgia versucht, mit einem kleinen Umbruch wieder in den Win-now-Modus zu kommen. Der Grund ist klar: Star-Receiver Julio Jones und Top-Quarterback Matt Ryan werden nicht jünger. Die Offense, ohnehin das Prunkstück in Atlanta, wurde im Backfield prominent verstärkt: Todd Gurley ist im Vergleich zu Devonta Freeman ein klares Upgrade, doch Zweifel ob der Verletzungshistorie sind beim langjährigen Rams-Running-Back angebracht.

Inwieweit die Offense glänzen kann, hängt stark von der Defensive ab. Diese steht - wieder mal - auf wackligen Beinen. Im Pass Rush bekommt Grady Jarrett immerhin mit Dante Fowler (zuletzt Rams) dringend benötigte Unterstützung, zudem hoffen die Falcons darauf, dass die verletzungsgeplagten Säulen Deion Jones (Linebacker) und Keanu Neal (Safety) dauerhaft fit bleiben können. Sorgen machen die Cornerbacks - ein echtes Problem in der mit so vielen Star-Receivern gespickten NFC South (z.B. Michael Thomas in New Orleans). Rookie A. J. Terrell - an 16. Stelle gepickt - muss direkt als Starter überzeugen, wenn Atlanta nicht zu einfach durch die Luft geschlagen werden will. Ein weiteres Jahr Mittelmaß werden die Verantwortlichen nur schwer akzeptieren können - bleibt der Erfolg aus, wird ein umfangreicher Umbruch erfolgen müssen. Dann höchstwahrscheinlich ohne den bereits angezählten Head Coach Dan Quinn.
Aus Tampa Bay wurde "Tompa Bay". Der größte Name, den dieser Sport zu bieten hat, ist in Florida gelandet. Ausgerechnet bei einem Team, das seit 2007 nicht mehr die Play-offs erreicht (zweitlängste Wartezeit in der NFL nach Cleveland) und in der Vergangenheit alles andere als NFL-Glamour versprüht hat. Das hat sich jetzt, innerhalb von nur einer Offseason, radikal geändert.
Nach Tom Bradys Wechsel kam auch Tight-End-Ikone Rob Gronkowski aus der NFL-Rente, kurz vor Saisonstart sicherten sich die Bucs dann auch noch die Dienste von Running Back Leonard Fournette (zuletzt Jacksonville). Gemeinsam mit den beiden Wide Receivern Chris Godwin und Mike Evans, dem wohl besten Duo, das die NFL zu bieten hat, liest sich das offensive Waffenarsenal um Brady nun fast schon wie ein All-Star-Kader - zumal die Buccaneers in der Vorsaison mit Jameis Winston statt Brady schon die drittbeste Offensive der Liga stellten.

Umso mehr richtet sich der Blick auf die andere Seite des Balles. Die Defense der Bucs wird getragen vom starken Linebacker-Duo Devin White und Lavonte David sowie den D-Line-Routiniers Ndamukong Suh und Jason Pierre-Paul. Fraglich ist allerdings, ob Pass Rusher Shaquil Barrett seine Fabelsaison 2019 (19,5 Sacks, die meisten in der NFL) noch einmal ansatzweise wiederholen kann und ob die enorm junge Secondary (kein Starter älter als 24) sich wie erhofft entwickelt. Werden die beiden Fragezeichen zu Ausrufezeichen und kommt Brady mit Head Coach Bruce Arians ähnlich gut zurecht wie mit Bill Belichick, hat der 43-Jährige eine legitime Chance auf Ring Nummer sieben.
In Charlotte, North Carlolina ist eine Ära zu Ende gegangen. In den 10er-Jahren gehörten die Panthers zu einem der aufregendsten Teams der Liga mit Quarterback Cam Newton, Star-Linebacker Luke Kuechly, Tight End Greg Olsen und Head Coach Ron Rivera. Nun sind alle vier auf einmal weg. Newton, Rivera und Olsen wurden entlassen, Kuechly beendete mit nur 28 Jahren seine Karriere. Das Ende einer Ära soll nun den Beginn einer neuen einleiten: Der neue Head Coach Matt Rhule, bislang fast ausschließlich im College-Bereich tätig, wurde gleich mit einem Siebenjahresvertrag ausgestattet. Die Botschaft dahinter: In Carolina soll eher lang- denn kurzfristig der Erfolg zurückkehren.

Als Newton-Nachfolger haben die Panthers Teddy Bridgewater aus New Orleans geholt. Der 27-Jährige bekommt die Chance, sich womöglich als langfristige Lösung im Panthers-Neuaufbau zu empfehlen. Herzstück der Offensive bleibt aber Christian McCaffrey, der derzeit vielleicht beste Running Back der NFL und als Allzweckwaffe auch im Passing Game eine feste Größe. Zum großen Problem Carolinas könnte die Defense werden. Neben Kuechly brachen in der Offseason auch andere erfahrene Säulen weg und wurden hauptsächlich durch junge Spieler ersetzt. Diese Struktur birgt - zumindest für die kommende Saison - ein hohes Risiko, vor allem die Secondary erscheint unzureichend besetzt. Ein Play-off-Ticket befindet sich für die Panthers somit in sehr weiter Ferne. Es dürfte aber auch kein primäres Ziel der Verantwortlichen sein.
mib/mlr