25.09.2020
Patriots-Fullback spircht über das veränderte Spiel mit Newton
Jakob Johnson sieht die New England Patriots trotz des Abgangs von Tom Brady stark aufgestellt. Das hat der deutsche NFL-Fullback am Freitag in einer Medienrunde, an der auch der kicker teilgenommen hat, verraten - und dabei natürlich auch über seinen Rekord gesprochen.

Der sechsmalige Super-Bowl-Sieger Tom Brady spielt inzwischen für die Tampa Bay Buccaneers, in New England hat der 43-Jährige so seit diesem Jahr große Fußspuren hinterlassen - die Nachfolger Cam Newton (31, bestens bekannt aus seiner erfolgreichen Zeit bei den Carolina Panthers) schon gut ausfüllt. Nach zwei überragenden Auftritten des Spielmachers (fünf Total Touchdowns, 674 Total Yards, ein Sieg, eine Niederlage) scheint schon jetzt eine neue Zeitrechnung bei den Patriots begonnen zu haben.
Mittendrin: Der deutsche Fullback Jakob Johnson, der vergangene Woche bei der dramatischen wie knappen 30:35-Niederlage in Seattle deutsche Geschichte geschrieben hat (zweiter "deutscher" Touchdown der Geschichte, erster "deutscher" Touchdown eines NFL-Offensivakteurs).
Für den früheren Kellner und gebürtigen Stuttgarter, der den Weg in die beste Football-Liga über das talentfördernde "International Player Pathway"-Programm gefunden hat, ist der gute Saisonstart keine große Überraschung. Für Johnson sei schlichtweg die höhere Variabilität durch Nachfolger Newton ausschlaggebend für die effektiven Leistungen, weil dieser nach den vielen Verletzungen in den letzten Jahren wieder komplett fit zu sein scheint und mit seiner Kraft wie Schnelligkeit im Gegensatz zum "lauffaulen" Brady mächtig Betrieb macht. "Er ist ein anderer Athlet als Tom, dementsprechend haben wir eine andere Dynamik und andere Spielzüge mit mehr Laufspiel des Quarterbacks", so der gut gelaunte und oftmals fröhlich ins Mikrofon lachende Fullback am Freitag in einer Videoschalte in die USA, an der etliche deutsche Medien teilgenommen haben - darunter auch der kicker.
Dabei drehte sich natürlich auch viel um seinen gefangenen Touchdown vom letzten Sunday Night Game. Der 25-jährige Schwabe, der im Zuge eines an der Goal Line angetäuschten Laufspielzugs nach einem selbst angetäuschten Block halbrechts in die Box lief und so freistehend den folgenden 1-Yard-Wurf fangen konnte ("Es hat alles so geklappt, wie wir es geplant hatten"), avancierte damit erst zum zweiten deutschen Football-Profi nach Markus Kuhn, dem 2014 ein erfolgreicher Score in der Endzone nach einem eroberten Ball als Defensivspieler gelungen war.
Ein Sieg - und damit der Ausbau auf eine lupenreine 2:0-Bilanz - wäre Johnson zwar lieber gewesen, dennoch werde er den Touchdown nie mehr vergessen: "Die Erleichterung war groß, als ich den Ball gefangen hatte. Das war ein Moment, auf den ich lange hingearbeitet habe. Nicht jeder bekommt die Chance, in der NFL einen Touchdown zu scoren." Ein Sonderlob von Trainer Bill Belichick, der seit 2000 die Geschicke der Pats lenkt und eben für die sechs erreichten Super-Bowl-Triumphe hauptverantwortlich ist, habe es dafür aber nicht gegeben: "Es ist ja mein Job. Natürlich haben die Trainer ein Auge auf mich, weil sie meine Story kennen und sie ungewöhnlich ist. Aber es läuft jetzt nicht die nächsten vier Tage jeder freudig auf dich zu und klopft dir auf die Schulter."
Johnson ist übrigens mittlerweile in seiner zweiten NFL-Saison (2019 nach anfänglich guten Leistungen verletzt ausgeschieden) - und in der Hierachie durch das Karrierende von James Develin (32) ins erste Glied aufgestiegen. In Deutschland war der kraftvolle, schnelle Fullback einst für die Stuttgart Scorpions in der GFL (German Football League) aktiv.
Große Unterschiede habe Johnson in seiner Zeit in Amerika nun schon ausmachen können. Das Anforderungsprofil sei schlicht viel höher, die Trainingsabläufe deutlich massiver - und die "Trainer verlangen von einem, auch von mir, sehr viel". Sobald sich in diesem Korsett voller Konkurrenzkampf dann eine Chance bietet, "muss man diese nutzen" - sonst könne man in dieser hochprofessionellen Liga direkt aussortiert werden. Alles müsse sich jeder Spieler selbst verdienen - und dürfe im Anschluss dann bei erolgreichen Spielzügen oder Erfolgen eben nicht zu viel Lob erwarten. Schließlich habe man dafür all die Arbeit zuvor mit den Trainern und Kollegen investiert. Es gebe im Team auch keine "Awards" für bestimmte Errungenschaften, allerdings "habe ich den Ball vom Spielzug behalten dürfen. Die Jungs haben ihn mir nach Bosten mitgebracht."
Ein ganz besonderes Erinnerungsstück für ihn selbst - aber vor allem auch an seinen erst kürzlich verstorbenen Coach Chris Corprew, dem Johnson diesen Touchdown widmet: "Ich habe in der Offseason mit ihm trainiert. Das war ein Dankeschön an ihn. Er hat mir beigebracht, wie ich Bälle fange."

Und das möchte Johnson auch weiterhin tun: Bälle fangen, blocken, hart arbeiten, Siege feiern - und im nächsten Jahr nach dieser Saison auch mal die Stadt Boston sowie die schöne Region rund herum genießen. Für Sightseeing habe der Deutsche nämlich auch aufgrund von Corona bis auf ein paar wenige freie Tage noch kaum Zeit gefunden: "Das will ich aber nachholen." Genauso wie er auch wieder Zeit für die Bundesliga aufwenden möchte - schließlich habe er vom Erstliga-Auftakt seines VfB Stuttgart (bitteres 2:3 gegen Freiburg) nichts mitbekommen: "Ich muss ehrlich sagen, dass ich das gar nicht verfolgt habe. Das ist leider traurig, aber wahr. Doch wegen des NFL-Starts konnte ich das nicht. Aber oh weh, gegen Freiburg ... das klingt bitter. Aber ich glaube fest daran, dass es der Klub mit den vielen neuen Spielern schafft. Die Jungs drehen das auf jeden Fall."
Apropos Deutschland und deutsche Fans. Für diese möchte Johnson in der nächsten Offseason ein besonderes Geschenk mitbringen: seinen Quarterback. Ob's gelingt? "Ich werde ihn fragen, ob er mal mit nach Deutschland kommen mag. Denn ich glaube, dass es viele Fans von Cam Newton hier gibt, die sich freuen würden, ihn mal live zu sehen."
Daniel Klee/Markus Grillenberger