30.11.2020
Den Denver Broncos sind die Männer ausgegangen
Die Denver Broncos haben am Sonntag keinen einzigen Quarterback zur Verfügung gehabt. Aus der Not geboren deswegen die Maßnahme, einen eigentlichen Wide Receiver in die Startformation zu befördern. Freilich ging der Plan nach hinten los, sorgte aber trotzdem für positives Feedback gerade für den unfreiwilligen Mann im Blickpunkt.

Weil die verfügbaren Spielmacher der Denver Broncos jüngst bei einem Treffen ohne Maske aufgefallen waren und sich prompt mit dem Coronavirus infiziert hatten (der positiv getestete Spielmacher Jeff Driskel hatte engen Kontakt zu Drew Lock, Brett Rypien und Blake Bortles bei einem Videostudium), musste das Team am Sonntag beim Heimspiel gegen die so oder so hochfavorisierten New Orleans Saints kreativ werden. Denn: Einen Quarterback kurzfristig zu verpflichten war nicht mehr möglich, ein Assistenztrainer durfte nach NFL-Absage auch nicht ran - und scherzhafte Twitter-Comeback-Rufe von Fans nach Legenden wie John Elway (General Manager in Denver) waren eben nur eines: scherzhaft gemeint.
Also was tun? Die Broncos-Verantwortlichen entschieden sich letztlich dafür, aus dem erweiterten Kader dem Undrafted-Spieler Kendall Hinton das Vertrauen zu schenken. Der 23-Jährige ist zwar eigentlich Wide Receiver, hat aber im College für die Wake Forest Demon Deacons (North Carolina) auch als Backup-Quarterback gewirkt.
Also stand Hinton auf einmal an der Seitenlinie, bereitete sich auf diese unglaubliche Aufgabe gegen die immens starke Defense aus New Orleans vor - und betrat das Feld. 60 Spielminuten und rund drei Stunden reale Zeit später stand dann ein Ergebnis auf der Anzeigentafel, das sicherlich keinen der vielen interessierten Zuschauer überraschte: Denver (4:7) verlor mit 3:31 gegen die fortan bei 9:2 stehenden Saints.

Und Hinton, der sich vor einem Monat noch als Spendensammler über Wasser gehalten, ehe ihm Denver eine Chance im Practice Squad verschafft hatte? Der Notfall-Spielmacher, der laut bösen Zungen auch manch einem Broncos-Verantwortlichen bis dato kein Begriff gewesen sei, durfte neunmal werfen. Einen Pass für 13 Yards brachte der fast 90 Kilogramm schwere Akteur an den Mann, schaffte wenig verwunderlich keinen Touchdown - und leistete sich zwei Interceptions. Und das kam gut an, hatte man im Vorfeld durchaus schlimmere Zahlen erwartet.
"Der finale Spielstand ist, wie er ist", twitterten die Denver Broncos noch am Sonntagabend (Ortszeit) und bedankten sich für den Einsatz des Spielers. "Undrafted Rookie Wide Receiver Kendall Hinton ist vom Practice Squad gekommen, hatte null Übungseinheiten und bestritt sein erstes NFL-Spiel als Broncos-Quarterback - eine unvorhergesehene Situation." Dafür, so das Team weiter via Social Media, "verdient er allen Respekt".
"Es waren die ereignisreichsten 24 Stunden meines Lebens", gab derweil Hinton selbst zu Protokoll - sichtlich froh, diese unglaubliche Situation geschafft zu haben. Schließlich hatte er zuletzt vor drei Jahren einen Pass im College geworfen, nun sollte er ohne Vorbereitung ein NFL-Team anführen. "Ein, zwei Tage mehr Training hätten sicher geholfen", ergänzte der Rookie nach dem deutlichen 3:31 gegen die Saints humorvoll.
So aber musste Hinton in kürzester Zeit "20 bis 30 Spielzüge" auswendig lernen, etwa ein Zehntel des üblichen Playbooks. "Er hat alles versucht. Es war eine große, große Bitte - und es hat einfach nicht funktioniert", sagte Denvers Head Coach Vic Fangio hinterher. Eine Anfrage der Broncos, Assistenztrainer Rob Calabrese zum Quarterback zu machen, hatte die Liga laut "ESPN" wie bereits erwähnt abgelehnt. Auch die Bitte um eine Spielverschiebung war nicht von Erfolg gekrönt gewesen - wohl um Härte im Umgang mit den Corona-Regeln zu zeigen. Denn den Broncos droht nach dem Quarterback-Ausfall zusätzlich eine Geldstrafe.
Und diese könnte groß ausfallen, denn: Die Saints und die Las Vegas Raiders hatten zuletzt schon eine halbe Million US-Dollar an die Liga für Verstöße gegen die Hygienevorschriften zahlen müssen. Auch Draft-Picks waren abgezogen worden. Nicht nur im ganzen Land, auch bei den 32 Teams steigen die Corona-Fälle scheinbar unaufhaltsam an. Bei den Baltimore Ravens stehen etwa gleich 20 Spieler auf der COVID-19-Liste, darunter Quarterback Lamar Jackson. Das Spiel in Pittsburgh zur Primetime an Thanksgiving musste verlegt werden, erst auf Sonntag, nun auf Mittwoch (MEZ).
Im Januar sollen schließlich die Play-offs über die Bühne gehen, die NFL denkt deswegen über "lokale Bubbles" nach. Das würde bedeuten: Isolation aller Beteiligten in Hotels, Reduktion der Kontakte auf ein Minimum. Und falls Spiele in den nächsten Wochen tatsächlich nicht stattfinden können, könnten die Play-offs von 14 auf 16 Teams aufgestockt werden.
mag