08.01.2021
Einsatz von Rams-Quarterback Goff weiter fraglich
In der ersten Saisonhälfte pflügten Russell Wilson, D.K. Metcalf & Co. regelrecht durch die NFL und ließen ein Spektakel aufs nächste folgen. Die Wende folgte gegen den ersten Play-off-Gegner.

So richtig zu erklären sind manche plötzlich einsetzende Trends ja nicht. Schon gar nicht, wenn es quasi zwei Teams in einem sind, die sich in komplett gegensätzliche Richtungen entwickeln. Umso größer ist das Rätsel, das die Seattle Seahawks in dieser NFL-Saison aufgeben - denn sowohl Offense als auch Defense haben mitten in der Spielzeit quasi eine 180-Grad-Wende vollzogen.
In der ersten Saisonhälfte reihte das Team Spektakel an Spektakel. Dank einer geänderten Offensiv-Philosophie durfte Quarterback Russell Wilson nun "kochen", das Spiel wurde getreu dem Motto "Let Russ cook" immer mehr in seine Hände gelegt und der Top-Spielmacher zahlte das Vertrauen mit überragenden Leistungen zurück, galt zu Saisonbeginn als Top-Favorit auf den MVP-Titel. Zudem machte Kraftpaket DK Metcalf einen riesigen Schritt nach vorne und entwickelte sich zu einem der spektakulärsten Wide Receiver der NFL. Die Seahawks boten in fast jedem Spiel eine große Show, zauberten in sieben ihrer ersten acht Matches mindestens 30 Offensiv-Punkte auf die Anzeigetafel.
In den zweiten acht Saisonspielen gelang den Seahawks allerdings nur noch ein einziges derartiges Spiel, das 40:3 bei den qualitativ weit abgeschlagenen New York Jets. Wilson zeigte ungeahnte Schwächen, warf kein einziges Mal mehr über 300 Yards (in der ersten Saisonhälfte noch fünfmal) und leistete sich immer wieder Turnover. Metcalf erreichte in keinem der letzten fünf Spiele noch mehr als 80 Receiving Yards, war zuletzt kaum noch ein Faktor.
"Es ist alles ein bisschen verloren gegangen", gestand Head Coach Pete Carroll zuletzt auf einer Pressekonferenz ein. "Wir würden gerne unsere explosiven Spielzüge wieder zurück bekommen, das war ein bisschen anders zuletzt."
Was jedoch nicht anders geworden ist: Weiterhin gewinnt Seattle Spiele. Der Grund hierfür ist die zweite wundersame Wandlung der Saison. Die Defense der Seahawks legte in den ersten Wochen vor allem gegen den Pass historisch schwache Zahlen hin, die Wilson & Co. quasi zum Abliefern zwangen. Nur in einem der ersten acht Spiele ließ Seattle weniger als 25 gegnerische Punkte zu - und danach in keinem einzigen mehr als 23.
Unter anderem mit der Verpflichtung von Pass Rusher Carlos Dunlap aus Cincinnati während der Saison und der Leistungssteigerung des vor der Saison gekommenen Star-Safetys Jamal Adams hat sich die Seahawks-Defense deutlich stabilisiert. Adams sprach zuletzt sogar davon, er und seine Kollegen würden "die beste Defense der Liga" stellen.

Aber woher kommen diese gegenläufigen Tendenzen? Es lohnt sich ein Blick auf den Wendepunkt der Saison in Woche 10. Nach einem gewohnt wilden 34:44 in Buffalo in Woche 9 kam dieser mit einem biederen 16:23 gegen die Los Angeles Rams - ausgerechnet das Team, auf das Seattle am Samstag (22.40 MEZ) in der Wild-Card-Runde trifft. Damals, Mitte November, leistete sich der zuvor so stark aufgelegte Wilson gleich drei Turnover und meinte im Anschluss noch kämpferisch: "Wenn du gar nicht wirfst, dann wirst du auch nichts erreichen."
Doch die Zahlen belegen: Seit eben jenem Spiel hat Wilson im Schnitt tatsächlich deutlich weniger geworfen als noch zuvor. Eine Vorsichtsmaßnahme der Coaches oder einzig das Resultat der verbesserten Defense? Und weitergehend die Frage: Was bringt Seattle in den nun anstehenden Play-offs weiter - ein "kochender" Wilson oder eine starke Defense? Ist die doppelte Trendwende am Ende Fluch oder Segen?
In jedem Fall verspricht das dritte Aufeinandertreffen mit den Rams in dieser Saison viel Spannung. Der Super-Bowl-Teilnehmer von 2019 präsentierte sich zuletzt etwas konsistenter in seinen Leistungen als der Divisions-Rivale aus Seattle. Die Defense um die beiden Stars Aaron Donald und Jalen Ramsey gehört zu den besten der gesamten Liga, die Offense hingegen hatte über die gesamte Saison hinweg immer wieder Probleme.
Zur entscheidenden Frage, ob Los Angeles für Seattle tatsächlich zum Stolperstein werden könnte, dürfte die Personalie Jared Goff werden. Der Quarterback der Rams hatte sich in Woche 16 - ausgerechnet beim Rückspiel gegen die Seahakws (20:9 für Seattle) - am Daumen verletzt und daraufhin das finale Saisonspiel gegen Arizona am vergangenen Sonntag (18:7) verpasst.
Ob der in dieser Saison nicht immer überzeugende 26-Jährige am Samstag auflaufen kann, wird sich laut Head Coach Sean McVay erst kurzfristig entscheiden. Ansonsten wird der unerfahrene No-Name-Backup John Wolford, der gegen Arizona sein Debüt feierte, erneut das Ruder übernehmen. Der hatte die große NFL-Karriere eigentlich schon abgehakt und sich ein zweites Standbein als Eigenkapital-Analyst aufgebaut. Sein LinkedIn-Profil musste er nun kürzlich aktualisieren. Statt "Finanzexperte" steht dort seit einigen Tagen "Quarterback der Los Angeles Rams". So schnell kann es manchmal gehen. Wie bei den Seahawks.
mib