07.09.2023
NFL 2023: Broncos, Raiders, Chargers, Chiefs im Check
Die Chiefs setzen weiter auf eine einfache Erfolgsformel, die Chargers müssen ein notorisches Problem in den Griff bekommen, die Raiders bewegen sich wie ein Krebs - und die Broncos setzen auf einen Heilsbringer, der gar nicht spielt. Die AFC West im kicker-Check.

"Einer der schlechtesten Coaching Jobs der NFL-Geschichte": So bezeichnete der neue Broncos-Coach Sean Payton die Leistung seines entlassenen Vorgängers Nathaniel Hackett in der Offseason. Damit zog Payton nicht nur viel Kritik auf sich, er erhöhte auch den Druck auf sich selbst. Wobei die Erwartungen auf dem langjährigen Saints-Coach ohnehin schon riesig sind: Mit ihm soll alles besser werden, muss alles besser werden - vor allem Russell Wilson. Die spektakuläre Verpflichtung des Quarterbacks im Vorjahr endete in einem katastrophalen Debütjahr. Mit Payton als einem der profiliertesten Playcaller der letzten Jahre soll die Offense nun wieder Fahrt aufnehmen.
Die Hoffnungen ruhen aber auch deshalb auf Payton, weil sich ansonsten im Vergleich zum Vorjahr gar nicht so viel getan hat in Denver. Wilsons Offensive Line wurde zwar etwas aufgebessert und sollte dem Quarterback mehr Zeit verschaffen, auf den Skill Positions liegt weiterhin viel unausgeschöpftes Potenzial. Prunkstück des Teams bleibt die Secondary um Star-Cornerback Pat Surtain und Safety Justin Simmons. Auf dem Papier liest sich das alles solide, wenn auch nicht spektakulär. Einen Angriff auf die Play-offs wird Denver aber nur unternehmen können, wenn die neue Kombination aus Wilson und Payton ihrem Namen auch gerecht wird.
Eine Ära ist vorbei, doch die Aufbruchsstimmung hält sich in Grenzen. Nach neun Jahren verließ Quarterback Derek Carr die Raiders, als Ersatz verpflichtete Las Vegas aber in Jimmy Garoppolo einen Spielmacher, der nur unbedeutend jünger ist als Carr - und allenfalls unbedeutend besser, wenn überhaupt. Eine Entwicklung auf der Quarterback-Position, die wohl eher in Krebsbewegungen seitwärts verläuft - zumal Carr der Grund war, dass sich Star-Receiver Davante Adams vor einem Jahr den Raiders angeschlossen hatte.
Rund um den daher unzufriedenen Adams, den nach Vertragsstreitigkeiten ebenfalls unzufriedenen Running Back Josh Jacobs und den in der Vergangenheit oft verletzten Garoppolo muss Head Coach Josh McDaniels nun seine Offense aufbauen - auf dem Papier alles andere als schwach, aber mit ordentlich Explosionsgefahr behaftet. Zumal die Offense vermutlich wieder den Großteil der Last schultern muss, denn defensiv sind die Raiders mit Ausnahme von Pass Rusher Maxx Crosby weiterhin unterdurchschnittlich besetzt, vor allem die Cornerback-Position könnte zum großen Problem werden. Vieles deutet in der Spielermetropole, wo im nächsten Jahr der Super Bowl steigt, auf einen Verbleib im unteren Mittelfeld der Liga hin.
Der historische Kollaps gegen die Jacksonville Jaguars in den Play-offs hinterließ einen bitteren Beigeschmack nach einer eigentlich vielversprechenden Saison. Wie in den vergangenen Jahren gehen die Chargers ambitioniert in die Saison - aber schaffen sie es endlich, sich nicht selbst im Weg zu stehen? Mit der Verpflichtung von Offensive Coordinator Kellen Moore herrscht zumindest Hoffnung, dass der hochveranlagte Quarterback Justin Herbert in seiner vierten NFL-Saison sein volles Potenzial entfaltet und die stark besetzte Offense endgültig zu einer der besten der Liga macht.
Größtes Problem in Los Angeles ist allerdings die Run Defense. Seit Jahren präsentieren sich die Chargers gegen den Lauf notorisch löchrig, in der abgelaufenen Saison waren sie gar statistisch das mit Abstand schlechteste Team gegen gegnerische Running Backs und mit dem Ball sprintende Quarterbacks. Wenn sich die Defense, die ansonsten mit dem Pass-Rush-Duo Khalil Mack und Joey Bosa sowie Safety Derwin James über absolute Top-Spieler verfügt, in dieser Hinsicht nicht deutlich steigert, dürfte es trotz großem Potenzial schwer werden mit einem tiefen Play-off-Run - und der Stuhl von Head Coach Brandon Staley könnte dann zumindest vibrieren.

Der beste Quarterback der Liga und der vielleicht beste Head Coach der Liga: Die Kombination aus Patrick Mahomes und Andy Reid hat die Chiefs nicht nur zu drei Super-Bowl-Teilnahmen und zwei Trophäen in den letzten vier Jahren gebracht, sie macht die Chiefs erneut zum Top-Favoriten auf die Vince Lombardi Trophy. Auf den beiden wichtigsten Positionen im American Football verkörpert Kansas City das Maß aller Dinge, hinzu kommen in Tight End Travis Kelce und Defensive Tackle Chris Jones zwei weitere Akteure, die ein Match im Alleingang entscheiden können - eine kaum schlagbare Erfolgsformel, wenn Jones nicht tatsächlich seinen Streik verlängert und nicht aufläuft.
Dass der Rest des Teams eher gehobener Durchschnitt ist, hat die Chiefs schon in der Vergangenheit nicht gestört und dürfte auf dem Weg in die Play-offs auch in dieser Saison wohl kaum ein Hindernis darstellen. Dort muss sich dann zeigen, ob das neu verpflichtete Tackle-Duo aus Donovan Smith und Jawaan Taylor den höchsten Ansprüchen gewachsen ist und ob die jungen Receiver wie Skyy Moore und Kadarius Toney das Duo Mahomes/Kelce entlasten können. Wenn beide Fragen mit "Ja" beantwortet werden, dann führt der Weg in den Super Bowl wieder nur über Kansas City.
mib