10.10.2023
Four Downs: Die NFL-Kolumne von Adrian Franke
Woche 5 sorgt für große Fragen: Wann wackelt der Stuhl von Bill Belichick bei den Patriots? Gehören die Cowboys noch in den Kreis der NFC-Titelanwärter? Sind Burrow und die Bengals zurück? Und: Welche Stars könnten bis zur Deadline noch per Trade wechseln?

Die Negativ-Rekorde fliegen den Patriots nach der 0:34-Pleite gegen New Orleans nur so um die Ohren. Seit 34 Possessions hat die Offense keinen Touchdown erzielt, mit Abstand die längste aktive Marke ligaweit. Zum ersten Mal seit 1970 setzte es aufeinanderfolgende Niederlagen mit je über 30 Punkten Differenz, das 0:34 gegen die Saints war die erste Shutout-Heimniederlage in der Franchise-Geschichte. Es ist auch das erste Mal, dass ein von Bill Belichick gecoachtes Patriots-Team in aufeinanderfolgenden Spielen 34 oder mehr Punkte kassiert hat.
Belichick beschönigte nach dem Spiel auch nichts: "Das war heute ein schwacher Auftritt. Wir müssen Wege finden, um besser zu spielen und besser zu coachen. Ganz einfach." Fast noch tiefer ließ seine Antwort auf die Frage blicken, ob er sich überlegt hatte, beim Stand von 0:24 an der gegnerischen 40-Yard-Line Vierter-und-Drei auszuspielen: "Solange wir nicht bei Third Down und bei Fourth Down besser sind nicht, nein."
Eine Aussage, die in erster Linie unterstreicht, wie desolat die Dinge auf der offensiven Seite des Balls in New England stehen. "Wir müssen Dinge verbessern", kündigte Belichick am Montagmorgen mögliche Veränderungen an, "und wir werden sehen, was das alles umfasst."
Fakt ist: Belichick steht als Head Coach vor und nach der Tom-Brady-Ära bei 80 Siegen und 92 Niederlagen. Zwischen 2001 und 2019 gewannen die Patriots 219 Spiele, bei nur 64 Niederlagen. Was nach Bradys Abschied aus New England eine nervige Diskussion für Social-Media-Kommentarspalten und laute TV-Talkshows war - lag es an Brady oder lag es an Belichick? Wer war, und am besten alleine, sonst macht es ja keinen Spaß, verantwortlich für den Erfolg in New England? - kann knapp vier Jahre später etwas nuancierter aufgezogen werden.
Dabei geht es nicht darum, Belichick als schlechten Coach darzustellen, der von Brady getragen wurde. Nichts dergleichen, es geht vielmehr darum, zu beobachten, wie die Patriots in den vergangenen Jahren ihr Team zusammengestellt haben. Wie gewisse Entscheidungen getroffen wurden. Und dann würde ich mir die Frage stellen: Wie wären diese Dinge mit Brady gelaufen? Und wie kompetitiv wäre der gleiche Kader über die letzten Jahre mit Brady gewesen?
Hätte es mit Brady auch die berüchtigte 2021er Free-Agency-Shoppingtour gegeben, in der unter anderem Matt Judon, Kendrick Bourne, Nelson Agholor und die beiden Tight Ends Jonnu Smith und Hunter Henry verpflichtet wurden? Und wenn ja: Wie hätte die Offense mit Brady funktioniert? Die Patriots waren in den Brady-Jahren selten ein aggressives Free-Agency-Team, Belichicks 180-Grad-Drehung kurz nach Bradys Abgang legt nahe, dass diese Shopping-Tour eine Reaktion auf die neue Situation war.
Hätte Brady eine Offensive-Coordinator-Situation akzeptiert, wie sie Belichick Mac Jones letztes Jahr präsentiert hat? Mit Matt Patricia und Joe Judge als verantwortliche Coaches für die Offense?
Belichick wurde am Montag gefragt, warum er der richtige Kandidat sei, um die Franchise einem Neustart zu unterziehen. Seine Antwort war gewohnt nebulös, er werde sein "Bestes geben, um unserem Football Team zu helfen. Das ist mein Job." Ich denke nicht, dass wir in erster Linie über Bill Belichick den Coach hier sprechen, auch nicht, wenn es darum geht, ob Belichicks Stuhl wackelt, und darüber, ob die Patriots nach der Saison Schluss machen sollten.

In erster Linie geht es um das Gesamtpaket Bill Belichick. Den Head Coach Belichick, der sich für Judge und Patricia entschied. Den GM Belichick, der einige gravierende Free-Agency-Flops über die letzten Jahre zu verantworten hat, und der einen Kader zusammengebaut hat, der nur mit einem Elite-Quarterback wirklich kompetitiv wäre. Ein Kader für Tom Brady, wenn man so will.
Wie attraktiv sind Jobs bei den Patriots unter Belichick dieser Tage überhaupt? Wie groß ist der Kandidatenpool, wenn man davon ausgehen muss, dass alles sehr strikt nach Belichicks Ideen abläuft? Bräuchten die Patriots vielleicht einen stärkeren internen Gegenpol zu Belichick - und würde Belichick das akzeptieren? Wenn es ihm wirklich darum geht, den All-Time-Wins-Rekord von Don Shula zu übernehmen, fehlen Belichick noch 30 Regular-Season-Siege. Mit der aktuellen Herangehensweise, so weit würde ich mich festlegen, wird er diese Marke nicht knacken. Jedenfalls nicht in New England.
Die Fragen danach, ob es einen Quarterback-Wechsel geben könnte, häufen sich natürlich. Belichick sagte am Sonntag nach dem Spiel auf die direkte Frage, ob Mac Jones noch sein Quarterback sei: "Ja, wir hatten heute viele Probleme. Es lag mit Sicherheit nicht nur an ihm."
Wenn es so weitergeht, wird irgendwann Bailey Zappe ein Spiel starten, aber die Quarterback-Frage fühlt sich sehr nebensächlich an. Könnte Zappe etwas besser sein als Mac Jones? Zumindest als die aktuelle Version von Mac Jones, ja. Aber würde es einen gravierenden Unterschied für die Offense oder für die Patriots in ihrem aktuellen Zustand insgesamt machen?
Vermutlich nicht, nein. Es wäre mehr der sprichwörtliche Tropfen auf den heißen Stein, denn die Probleme sind viel tiefgreifender - und sie fangen weiter oben in der Hierarchie an.
Nach Woche 8 - am 31. Oktober, um genau zu sein - ist die diesjährige Trade-Deadline in der NFL. In aller Regel ein Jahr für Jahr enttäuschendes Event, mit wenigen Deadline-Deals. Kaum war überhaupt mal ein großer Name hier tatsächlich involviert.
Das änderte sich letztes Jahr.
In den zehn Tagen vor der Deadline bis dann zum Ende des Trade-Fensters ging unter anderem Christian McCaffrey von den Panthers zu den 49ers, die Ravens holten Roquan Smith aus Chicago, Kadarius Toney ging nach Kansas City, die Dolphins holten Bradley Chubb von den Broncos, Chicago machte den verhängnisvollen Chase-Claypool-Trade, Calvin Ridley wurde mit sehr kreativer Trade-Kompensations-Struktur von Atlanta nach Jacksonville geschickt und T.J. Hockenson wurde sogar innerhalb der Division getradet, die Lions und die Vikings einigten sich zur Deadline auf diesen Wechsel.
Es war ein Trade-Feuerwerk, wie es das vielleicht noch nie in der NFL während der Saison gegeben hatte. Die spannende Frage ist: War das ein einmaliger Zufall? Oder war es der Beginn einer Trendwende?
Sicher wissen werden wir das erst im Laufe der nächsten zwei bis drei Wochen, meine Vermutung aber ist, dass wir künftig eher häufiger solche Blockbuster-Trades während der Saison bekommen werden. Einfach weil wir sehen, dass Teams bereit sind, All-In zu gehen, aggressive Moves zu machen - und wir sehen, dass Teams bereit sind, auch radikale Umbrüche einzuleiten. Diese beiden Aspekte in Kombination damit, dass Teams auch zunehmend unterschiedliche Auffassungen von Positional Value und Trade Value haben, erhöht die allgemeine Chance auf Trades deutlich.
Sollte der Trade-Markt in diesem Jahr abermals so heiß laufen, wären das hier einige der prominenten Trades, die ich mir vorstellen kann:
Receiver Jerry Jeudy von den Broncos zu den Panthers: Bereits seit über einer Woche kursieren Gerüchte darüber, dass die Panthers im Receiver-Markt sind. Und das ergibt Sinn: Carolina musste im Zuge des Draft-Trades für Bryce Young seinen Nummer-1-Receiver D.J. Moore abgeben. Dieses Defizit merkt man, bis zu dem Punkt, dass es ein Problem für Youngs Entwicklung darstellen könnte. Jeudy wäre genau der Receiver-Typ, der hier fehlt: ein schneller Separator, der Young offene Passfenster anbieten und First Downs kreieren kann.
Jeudy ist in Denver in seinem vorletzten Vertragsjahr, und gut möglich, dass Sean Payton die Offense perspektivisch ohnehin noch mehr nach seinem Geschmack formen und besetzen will - und dass der Ausverkauf in Denver bald beginnt. Rookie-Receiver Marvin Mims drängt sich bereits für mehr Spielzeit auf und Denver könnte sich etwas Draft-Kapital zurückholen, von dem man über die letzten Jahre sehr viel weg getradet hat.

Quarterback Ryan Tannehill von den Titans zu den Falcons: Okay. Ich weiß. Es müsste schon sehr viel passieren, dass Mike Vrabel bereit ist, die Saison so aufzugeben, dass er seinen Quarterback weg tradet. Und gut möglich, dass sie schon jetzt zu viele Spiele für ein solches Szenario gewonnen haben.
Aber vielleicht ändert sich das über die kommenden Wochen ja. Und vielleicht gibt es intern die Überlegung, dass es sinnvoller ist, Will Levis (oder Malik Willis?) über mehrere Spiele zu testen, damit man mit einer klaren Quarterback-Vorstellung in die kommende Offseason geht.
Denn dann müssen kritische Entscheidungen getroffen werden: Tannehills Vertrag endet nach dieser Saison.
Tennessee spielt bis zur Deadline noch gegen die Ravens, hat dann seine Bye-Week und trifft Ende Oktober auf - ausgerechnet - die Atlanta Falcons. Ich würde darauf tippen, dass es bis dahin die Taylor-Heinicke-Falcons sein könnten, auch wenn Ridder jetzt gerade sein mit Abstand bestes Saisonspiel hatte. Doch egal, ob Ridder oder Heinicke: Es wird eine Achterbahn auf der Position bleiben, und Atlanta könnte mit vernünftigem und verlässlichem Quarterback-Play ein Play-off-Team in dieser Saison sein. Die Verbindung zwischen Tannehill und Arthur Smith würde das zu einem logischen Trade machen.
Ein letzter Punkt noch aus Titans-Sicht, und was Tennessee direkt von den Falcons lernen kann: Atlanta wäre gut beraten gewesen, in der vergangenen Saison Desmond Ridder deutlich früher rein zu werfen. Hätte es dann nämlich bei Ridder in größerer Sample Size ähnliche Skepsis gegeben wie heute, hätten die Falcons vielleicht die Position in der Offseason anderweitig adressiert. Tennessee sollte nicht den gleichen Fehler mit seinen Post-Tannehill-Optionen machen.
Running Back Saquon Barkley von den Giants zu den Browns: Ich denke es ist kein kontroverses Statement, wenn man hinter diese Giants-Saison einen ersten Haken setzt. Es scheint offensichtlich, dass man nicht auf der überraschend starken Vorsaison aufbauen kann und dass dieses Team noch klaren qualitativen Nachholbedarf hat.
Dafür brauchen die Giants Ressourcen. Was sie in einer verlorenen Saison nicht brauchen, ist ein teurer Running Back, dessen Vertrag nach der Saison ohnehin ausläuft. Barkley wäre deutlich attraktiver für Teams, die um die Play-offs spielen und Barkley für den Rest der Saison einsetzen können, bevor sie ihn dann gehen lassen.
Vor vier Wochen hätte ich nicht gedacht, dass die Browns dafür in Frage kommen. Weil ich bei Cleveland als Play-off-Team skeptisch war - und weil die Browns mit Nick Chubb einen der besten Running Backs in der NFL haben. Doch die Dinge ändern sich in der NFL schnell, und gerade mit Blick darauf, dass die Browns mehr in der Shotgun sein wollen und der Running Back in der neuen Interpretation der Offense vielleicht auch mehr im Passspiel eingebunden werden könnte, wäre Barkley ein spannendes Upgrade für einen Play-off-Push.
Pass Rusher Danielle Hunter von den Vikings zu den Jaguars: Vor der Saison einigten sich die Vikings mit Hunter auf einen angepassten Einjahresvertrag und beendeten so die langanhaltenden Trade-Gerüchte um den Pass-Rusher, nachdem Hunter für die ersten Teile der Offseason nicht zum Team gekommen war.
Es schien selbst mit dem neuen Vertrag absehbar, dass es Hunters letztes Jahr in Minnesota werden würde - und jetzt könnte man einen Case dafür machen, dass seine Zeit bei den Vikings noch etwas früher zu Ende gehen sollte. Denn Minnesota ist klar im Umbruch, das war vergangene Offseason schon deutlich, und wenn man dann im Frühjahr auf Quarterback-Suche geht, wird sich das fortsetzen.
Jetzt könnte ein guter Zeitpunkt für die Vikings sein, um Draft-Ressourcen schon für die kommende Offseason - im Gegensatz zu einem theoretischen Compensatory Pick, sollte Hunter als Free Agent gehen - zu erhalten. Jacksonville braucht dringend mehr Pass-Rush-Hilfe, Travon Walker scheint dieser Aufgabe nicht gewachsen zu sein und wäre in einer Rotationsrolle besser aufgehoben. Das wäre für Jacksonville ein interessanter Win-Now-Move, den man mit Blick auf das Trevor-Lawrence-Fenster rechtfertigen könnte.
Receiver Davante Adams von den Raiders zu den Lions: Raiders-Fans wollen das vermutlich nicht hören, aber es ist an der Zeit, der Realität ins Auge zu blicken: Dieses Team braucht einen radikalen Neustart. Ich hatte letzte Woche schon darüber geschrieben, wie richtungslos das alles wirkt - Adams zu traden und den Rebuild einzuleiten wäre der klarste und nachvollziehbarste Kurswechsel, an den ich mich bei den Raiders erinnern kann.
Und natürlich steht hier die Frage im Raum, inwieweit das mit Blick auf die handelnden Personen passt. Head Coach Josh McDaniels und GM Dave Ziegler sind erst in ihrer zweiten Saison, insbesondere McDaniels könnte aber schon bald wackeln. Oder bekommen beide intern zugesichert, dass sie 2024 noch bekommen, sodass sie auch Entscheidungen treffen können, die mittel- und langfristig im besten Sinne der Franchise sind?
Denn das wäre ein Adams-Trade in meinen Augen. Die Lions auf der anderen Seite sind klar auf Play-off-Kurs und mit der Rückkehr von Jameson Williams kommt jetzt auch ein neues Element in die Offense. Doch die Offense ist nach wie vor stark über den Slot-Receiver und den Tight End im Passspiel aufgebaut. Hier einen der drei, vier besten Receiver in der NFL und eine Nummer 1 im klassischen Sinne rein zu werfen, könnte die Offense nochmal auf ein neues Level heben und den Lions in den NFC Playoffs eine echte Chance auf einen tieferen Run geben.
Tight End Zach Ertz von den Cardinals zu den Cowboys: Die Frage wird nicht sein, ob Zach Ertz zu haben ist - da bin ich relativ sicher. Arizona ist in einem Rebuild, das neue Regime ist ganz klar darauf aus, Draft-Kapital anzuhäufen und Ertz ist im Spätherbst seiner Karriere mit einem teuren Vertrag. Plus: Mit Trey McBride haben die Cardinals einen jungen Tight End in der Hinterhand, der mehr Spielzeit braucht.
Den Vertrag müsste Arizona vermutlich zu großen Teilen schlucken, um einen Trade hinzubekommen. Aber ich denke schon, dass es Teams gibt, die ein verlässliches Underneath-Target für den Rest dieser Saison gebrauchen können.
Vielleicht ein Team wie die Cowboys. Dallas hat einen verlässlichen Allrounder auf der Position, Jake Ferguson. Ferguson ist ein echter In-Line-Tight-End der auch blocken kann, mit Ertz hätte Dallas ein spannendes 12-Personnel-Set. Insbesondere vor dem Hintergrund, dass die Cowboys nach wie vor nach Receiver-Konstanz außerhalb von CeeDee Lamb suchen.
In dieser künftig festen Kategorie soll es um einen Quarterback gehen, der diese Woche eine Partie hatte, die gesondert betrachtet werden muss. Dabei geht es nicht zwangsläufig um den besten Quarterback der Woche - es kann auch mal der schlechteste der Woche hier behandelt werden -, sondern auch um übergreifende Punkte. Diesen Quarterback analysiere ich ausführlich und präsentiere ihn euch hier.
Hätten die Bengals dieses Spiel in Arizona verloren, hätte ich vermutlich irgendwo in dieser Kolumne einen Part darüber geschrieben, wie Cincinnatis Saison ihrem Ende entgegen taumelt. Wie Burrows Wade es nicht zulässt, dass die Offense ihre Feuerkraft auf den Platz bringen kann, die Line ein Problem ist, die Defense anfängt zu wackeln und Cincinnati so in der AFC nicht mithalten kann.

Das Bild nach dem Sieg in Arizona könnte sich nicht deutlicher davon unterscheiden.
Nicht einfach nur, weil die Bengals dieses Spiel gewonnen haben. Arizona ist immer noch ein klarer Kandidat für einen Top-5-Pick, und während die Offense zwar über die ersten fünf Wochen absolut die Erwartungen übertrifft, ist die Defense - erwartungsgemäß, wenn man so will - eine der schlechtesten Defenses in der NFL.
Es war vor allem die Art und Weise, wie Burrow spielte, die Hoffnung für den weiteren Verlauf dieser Bengals-Saison gibt. Denn, und da lege ich mich ganz eindeutig fest: So fit und so sicher auf der Wade habe ich Burrow in dieser Saison noch nicht gesehen, nicht einmal ansatzweise.
Und man merkte Burrow selbst an, dass er das ebenso empfand. Zum ersten Mal in dieser Saison warf Burrow den Ball im Schnitt erst nach über 2,45 Sekunden - über die ersten vier Spiele blieb er immer unter 2,35 Sekunden, zwei Mal sogar unter 2,3. Burrow war sicherer in der Pocket, und die Big Plays folgten.
Über die ersten vier Spiele hatte Burrow keinen einzigen (!) Touchdown bei Plays geworfen, bei denen er den Ball länger als 2,5 Sekunden nach dem Snap hielt. In diesen Situationen war er der vielleicht schlechteste Quarterback in der NFL bis dato, mit durchschnittlichen Yards pro Pass von unter 5,5 Yards in allen vier Spielen, keinem Touchdown und zwei Picks.
Gegen Arizona, und das war vielleicht die auffälligste statistische Beobachtung, änderte sich das radikal. Burrow warf drei Touchdown-Pässe 2,5 Sekunden oder später nach dem Snap, legte 8,7 Yards pro Pass auf - und warf den Ball bei diesen Plays im Schnitt 13,6 Yards tief! Über die ersten vier Spiele kam er kein einziges Mal auf über 8,8 Yards.
Und man musste gar nicht lange nach diesen Plays suchen:
Erstes Viertel, 7:15 auf der Uhr, 3rd&Goal: Beim ersten Red-Zone-Drive brach Burrows Pocket zusammen, bevor einer der vier Receiver Separation kreiert hatte. Doch statt den Ball schnell weg zu werfen - wie in den vergangenen Wochen häufig zu beobachten - konnte Burrow nach rechts aus der Pocket ausweichen, die Füße neu setzen und quar über seinen Körper zurück in die andere Richtung werfen, wo sich Ja’Marr Chase hinten in der Endzone freigelaufen hatte. Touchdown.
Erstes Viertel, 2:35 auf der Uhr, 3rd&Goal: Kein Touchdown dieses Mal, aber ein Play, das unterstreicht, wie viel mobiler Burrow in diesem Spiel war. Erneut bekommt er schnellen Druck, dieses Mal von beiden Edge Rushern (Nebenbemerkung: Die Offensive Line ist immer noch ein echtes Problem). Burrow windet sich aus dem ersten Sack, springt dann nach hinten, um dem heranfliegenden Pass Rusher auszuweichen und wird schließlich vom dritten Rusher zu Boden geworfen. Diese Ausweichmanöver hätte Burrow vor zwei Wochen nicht ansatzweise gemacht.
Zweites Viertel, 4:41 auf der Uhr, 1st&10: Eine kurze Completion über die Mitte, aber der Weg dahin unterstreicht: Joe Burrow, der Playmaker ist zurück! Dieses Mal zwingt ihn der Edge-Pressure von der linken Seite in die Pocket, Burrow dreht sich einmal um die eigene Achse, kommt schließlich rechts aus der Pocket und wirft dann gegen erneut nahenden Pressure den Ball zurück über die Mitte. Letztlich nur eine 4-Yard-Completion, aber sehr viel Ermutigendes aus Bengals-Sicht.
Drittes Viertel, 0:26 auf der Uhr, 1st&10: Vielleicht der deutlichste Beweis dafür, dass die Wade wieder intakt ist. Absolut niemand ist offen, Burrow muss in die Pocket treten und die Mitte des Feldes ist komplett unbesetzt. Er scrambelt und holt das First Down raus und zeigt dabei seine Beschleunigung.
Und es war nicht nur Burrow, der viel, viel besser spielte. Mir gefiel auch Cincinnatis Plan für das Quick Game besser, um eben aus den kurzen Pässen wieder mehr zu machen. Auch das hat in den ersten Wochen der Saison zu häufig gefehlt.
Der lange Touchdown auf Chase war weniger eine Situation, in der die Bengals Burrows Playmaker-Qualitäten benötigten, denn hier hatte er vielleicht die beste Pocket im ganzen Spiel. Doch auch hier konnte man sehen, dass er viel sicherer in so einen tiefen Wurf tritt, die Wade vernünftig belasten kann und dann auch den Ball tief gut platziert. Das war auch beim Flea-Flicker-Wurf zu Irwin zu beobachten, auch wenn hier am Ende ein paar Zentimeter fehlten.
Die Saga um Burrows Wade zieht sich jetzt schon über zwei Monate, und das einzige, was wir in dieser Saison über die ersten vier Wochen gesehen hatten, ist die Achterbahnfahrt von "leichter Besserung" hin zu "doch wieder schlimmer".
Die simple Realität ist vielleicht einfach, dass Burrow ein paar Wochen Pause gebraucht hätte - eine Pause, welche die Bengals ihm nie geben wollten, weil sie es verpennt haben, sich um eine vernünftige Back-up-Option zu kümmern, und als man dann erst 0:2 stand, stand gefühlt jede Woche die Saison auf dem Spiel.
Das sind einige der Gegner, die in dieser Saison noch auf Cincinnati warten: San Francisco, Buffalo, Baltimore, Jacksonville, Kansas City, Cleveland. Eine nachhaltige Verbesserung ist also essentiell, um die Kurve Richtung Playoffs noch zu bekommen.
Die gute Nachricht ist, dass trotz eines maximal holprigen Starts die Bengals nur ein Spiel hinter den Ravens und Steelers in der eigenen Division stehen. Wenn Burrow den Trend aus dem Cardinals-Spiel bestätigen kann, ist weiterhin alles drin.
In der AFC-Spitze ist die Inkonstanz die Konstante. Während man in der NFC nach fünf Wochen relativ klar formulieren kann, dass die Eagles und 49ers die beiden Titelanwärter sind, mit den Cowboys und womöglich den Lions im Tier dahinter, ist das Bild in der AFC viel unklarer. Und das ergibt irgendwo auch Sinn, immerhin ging die AFC mit dieser breiten Gruppe an möglichen Titelkandidaten in die Saison, ein viel größeres Feld an Top-Teams, sodass hier auch mehr hochkarätige Spiele und mehr potenzielle Stolperer eingeplant werden müssen.
Der Unterschied zur NFC ist, dass sich über die ersten fünf Spiele kein Team absetzen kann.
Sicher, die Dolphins haben eine fantastische Offense - die Defense aber ist löchrig, und kann man der Offensive Line oder auch Tua wirklich vertrauen? Die Chiefs haben vielleicht die beste Defense der Mahomes-Ära, dafür wackeln die Tackle und das In-Season-Live-Casting für verlässliche Starting-Receiver geht weiter.
Jacksonville und Baltimore fallen in dieser Saison in erster Linie mit zwei Dingen auf: Sehr gutem Quarterback Play, sowie dem unwiderstehlichen Drang, sich selbst in den Fuß zu schießen. Die Bills über die Wochen zwei bis vier sahen aus wie das beste Team in der NFL, doch die Defense ist zunehmend heftig angeschlagen und offensiv lauert leider stets die Gefahr eines "schlechten" Josh-Allen-Spiels. Die Browns haben vielleicht die beste Defense in der NFL, die Offense aber knackt aktuell vermutlich nicht mal meine Top 20.
Das trägt dazu bei, dass Teams wie die Bengals oder die Chargers trotz eines verpatzten Saisonstarts in den Standings weiterhin mittendrin stehen. Ich würde das oberste AFC-Tier aktuell auf Kansas City, Miami und Buffalo begrenzen, aber würde es mich wundern, würden die Eagles den Dolphins in zwei Wochen 40 Punkte einschenken? Ehrlich gesagt nicht, und das fasst das Thema vielleicht ein wenig zusammen. Uns aber kann es ohnehin egal sein, denn das bedeutet vor allem mehr Spannung für den neutralen Beobachter - und ein Play-off-Rennen, das noch ziemlich dramatisch werden dürfte.
Das Play der Woche: Der Double Reverse Flea Flicker. Trick Plays sind in der NFL keine Seltenheit, genau wie das Kopieren von Plays einer anderen Offense regelmäßig passiert.
Zugegebenermaßen selten ist es, dass zwei Teams an einem Sonntag das exakt gleiche Trick Play mit mehreren Elementen fast bis ins kleinste Detail gleich durchführen! Und das hat sogar einen Zusammenhang: Niners-Coach Kyle Shanahan verriet nach dem Spiel, dass er das Play schon für das Sunday Night Game im Kopf hatte, und als er sah, wie die Lions es erfolgreich umsetzten, hatte er ein gutes Gefühl für den gleichen Call im Spiel gegen Dallas.
Gemeint ist der Double Reverse Flea Flicker Touchdown, den zuerst die Lions im Spiel gegen Carolina zu Sam LaPorta warfen, und dann später im Sunday Night Game die Niners gegen Dallas im gleichen Stile George Kittle den langen Touchdown auflegten. Beide Male klappte das Play exakt so wie geplant, beide Male war der Tight End komplett offen.
Beide Offenses hatten links einen Receiver eng an der Formation und den Tight End, der den Ball fangen soll, rechts eng an der Offensive Line.
Der einzige Unterschied in der Formation war, dass Detroit die beiden Receiver auf der rechten Seite in einem Stack aufgestellt - also nah beieinander - während sich die Niners auf der Seite etwas breiter formierten.
Das Play verlief dann aber gleich: Erst die Ballübergabe an den Running Back, der gibt den Ball weiter zum Receiver der einen vermeintlichen Reverse läuft, und dieser Receiver pitcht den Ball zurück zum Quarterback. In beiden Fällen sieht der Tight End so aus, als würde er für den initialen Run vorblocken, sodass die Defense ihn aus den Augen verliert, nachdem der Running Back an den Receiver übergibt. So kommt der Tight End ungehindert hinter die Defense, mit freier Wiese vor sich.
Wir haben dieses Play schon häufiger in dieser Saison gesehen. Die Titans haben es gegen die Saints gespielt, die Falcons gegen die Packers. Matt Canada (!) und die Steelers nutzten ein solches Design letztes Jahr. Es war diese Woche vor allem kurios, es so kurz nacheinander am gleichen Spieltag zu bekommen - und ich bin mir sicher, dass wir dieses Play nicht zum letzten Mal in dieser NFL-Saison gesehen haben.
Ist die NFC nur noch ein Zweikampf? Die 49ers, und das haben sie mit diesem mehr als eindrucksvollen Sieg gegen die Cowboys untermauert, sind aktuell das kompletteste Team in der NFL. Eine tolle Offense-Maschine, in der Purdy die richtigen Knöpfe drückt und das gelegentliche Play selbst macht, ergänzt mit der vermutlich besten Front Seven in der NFL.
San Francisco walzt bisher durch die Saison, während die Eagles offensiv besser rein kommen und vielleicht die einzige Defensive Line in der NFC haben, die San Francisco Probleme bereiten kann. Im Moment sind diese Teams für mich klar vor Dallas anzusiedeln. Die Cowboys werden es in die Play-offs schaffen, daran habe ich relativ wenig Zweifel.

Aber ich habe Zweifel daran, dass sie die Top-Teams schlagen können. Dass sie gerade offensiv da sein können, wenn es am meisten zählt. Das Problem hatten sie unter Kellen Moore, und es scheint sich auf diese Saison zu übertragen. Die Routes wirken isoliert, Prescott hat regelmäßig keine offenen Optionen und die Red Zone bleibt ein schwieriges Thema.
Was vor der Saison in der NFC wie ein klarer Dreikampf wirkte, scheint ein Downgrade auf einen Zweikampf erfahren zu haben. Und ich könnte mir vorstellen, dass es im Januar dann Zeit wird für einige unangenehme Fragen in Dallas, wo Head Coach Mike McCarthy fraglos am Erfolg dieser Saison gemessen wird und wo der Vertrag von Dak Prescott nach der kommenden Saison ausläuft.
Sean Payton kurz vor der Explosion? Die Jets posteten ein Bild von Kevin James als Sean Payton mit der Überschrift "Wenn man gegen die 'Offseason Champs' verliert”. Nathaniel Hackett bekam einen Game Ball und erhielt zum Ende des Spiels an der Jets-Sideline jede Menge High Fives. Sean Payton wurde nach dem Spiel natürlich zu seinen ungewöhnlich scharfen Offseason-Kommentaren über Hackett, seinen Vorgänger in Denver, angesprochen und bekam gerade so heraus: "Sie haben besser gespielt als wir, Lob dafür an Robert Saleh und den Staff. So sehe ich es." Danach verließ er schnell das Podium.
Nach dem 70-Punkte-Debakel gegen Miami, der Beinahe-Niederlage in Chicago und dieser insbesondere für Paytons Ego fraglos sehr schmerzhaften Pleite erwarte ich, dass der große Knall in Denver kurz bevorsteht. Die Broncos spielen am Donnerstag gegen Kansas City, und wenn es hier die zu erwartende Pleite setzt, könnte ich mir vorstellen, dass Defensive Coordinator Vance Joseph seinen Job los ist - und dass dann auch zumindest in Teilen der Ausverkauf des Kaders beginnt.
Payton wird diese Schmach so nicht lange auf sich sitzen lassen.
Adrian Franke