21.10.2026
Draft Nerd Notebook #1
Arch Manning gegen Drew Mestemaker. Der Nummer-Eins-Recruit gegen einen Walk-On, der in der High School keinen Snap als Quarterback gespielt hat. Mein Urteil nach dem Tape: Manning ist overhyped. Der Walk-On ist das bessere Prospect.

Willkommen beim Draft Nerd Notebook. Hier geht es ab sofort um College Football und den NFL Draft. Meiner Arbeitsweise zugrundeliegend, kommt das Tape zuerst und die Zahlen zur Kontrolle. Am Ende scheut sich diese Kolumne nicht, zu einer klaren Meinung zu stehen.
In den USA werden Footballer schon mit 15 oder 16 bewertet. Portale wie 247Sports, On3 oder ESPN vergeben Sterne. Five Stars bekommen pro Jahrgang nur rund 30 Spieler. Die können sich ihr College aussuchen. Four Stars sind die nächsten paar hundert. Three Stars bilden das Fundament der meisten Kader. Zero Stars sind nicht schlecht bewertet, sie wurden einfach von keiner offiziellen Seite angeschaut und gelistet.
Noch unterm Zero-Star-Recruit steht der Walk-On. Ohne Stipendium zahlt er sein Studium selbst und hofft, am Training im Scout-Team teilnehmen zu dürfen. Für Scouts und NFL-Teams dürfte eine Unterteilung, die mit 16 Jahren und teilweise noch vor dem Wachstumsschub getroffen wurde, daher keine Rolle spielen. Das tut sie aber. Unabhängig vom Tape zählen leider oft die großen Namen.
Jeder Quarterback wird von Scouts auf seine Fähigkeiten und Anlagen geprüft, die darüber entscheiden, ob ein Spielmacher früh im NFL Draft ausgewählt wird oder erst spät seinen Namen auf der Bühne hört. Um als zukünftiger Starter bei den Profis zu gelten, müssen fast alle diese Anforderungen erfüllt sein oder zumindest im Training zu entwickeln sein.
1. Ball Placement: Kommt der Ball an und wird er so platziert, dass er für Yards after Catch verarbeitet wird?
2. Pocket Präsenz: Wie geht er mit Druck um, wann bleiben seine Augen auf den Receivern und wann setzt er auf seine Grundathletik?
3. Spielverarbeitung und Spielintelligenz: Liest er die Coverage und geht er durch seine einzelnen Receiver-Optionen?
4. Arm Talent und Wurfbewegung: Wie ist es um die innere Rotation des Balles bei tiefen Würfen und aus der Bewegung heraus bestellt?
5. Entscheidungsfindung und Selbstvertrauen: Was passiert in kritischen Situationen, wenn der Druck bei Third Downs, im Rückstand oder kurz vor Spielende steigt?
6. Athletik, Körpermaße und Toughness: Kann er Plays mit den Beinen verlängern oder kreative Lösungen finden?
7. Arbeitsmoral und Führungsqualitäten: Wie engagiert ist er im Training und geht er als Anführer mit gutem Beispiel voran?
8. Antizipation und Übersicht: Wirft er seine Receiver offen und erkennt Lücken anhand der Defense oder wartet er auf freiwerdende Passoptionen?
Arch Manning war 2023 der Nummer-Eins-Recruit des Landes. Dazu hat er den berühmtesten Nachnamen im Football. Opa Archie, Onkel Peyton und Onkel Eli versorgten Arch mit mehr Vorschusslorbeeren, als er es verdient hat. Denn ohne einzigen Start galt er 2025 bereits als früher Favorit auf die Heisman Trophy.
Nach sechs Spielen steht er in diesem Jahr bei einer Completion Rate von 63,9 Prozent, 1.195 Passing Yards, elf Touchdowns und fünf Interceptions. 17 Mal wurde er gesackt. Es gibt die besonderen Momente, in denen er andeutet, welche natürlichen einzigartigen Anlagen er besitzt. Doch gleichzeitig erleben wir immer wieder konservatives Spiel, wenn Aggressivität gefragt wäre und ein übersteigertes Selbstbewusstsein, wenn seine Texas Longhorns einfach nur einen Spielverwalter benötigen. Arch Manning muss bessere Entscheidungen treffen, präziser werfen und den Ball schneller loswerden. Die Physis ist da. Doch im Kopf hakt es leider.
Am deutlichsten sah man das vor eineinhalb Wochen gegen Oklahoma. Drei Touchdowns, darunter ein 41-Yard-Strike auf Cam Coleman. Dann im vierten Viertel der Scramble weg vom Druck, der Ball in der Luft, Pick Six durch Peyton Bowen. 19 Sekunden vor Schluss der nächste Pick. Texas verlor als Nummer Eins des Landes 24:27 im Rivalry Game.
Sein Arm ist erstklassig und laufen kann er auch. Trotzdem würden ihn viele Scouts ohne seinen Namen wohl nur als Tag-Zwei-Talent sehen. Denn die Art und Weise, wie er sein Team in die Bredouille bringt, statt es als Anführer durch ein schwieriges Spiel zu tragen, ist mehr als diskussionswürdig. Mittlerweile wird sogar offen darüber diskutiert, ob Manning gebenched werden muss. Spätestens dann, wird ihn kein Team in der NFL mehr an erster Stelle draften.
Drew Mestemaker kommt aus Austin, also aus dem Vorgarten der Longhorns. Interessiert hat das dort niemanden. Im Juni 2024 schrieb er sich als Walk-On bei North Texas ein. Ein Jahr später führte er die FBS in Passing Yards an. 4.379 Yards, 34 Touchdowns, eine 12:2-Saison. Dazu gab es die Burlsworth Trophy für den besten Spieler, der als Walk-On angefangen hat. Dann folgte er Coach Eric Morris nach Oklahoma State.
Der Start dort war holprig. 10:24 bei Tulsa, zwei Interceptions. Eine Woche später schlug er die Nummer Sechs Oregon mit 39:31, warf für 317 Yards und lief für 109 weitere. Nach sechs Spielen steht er bei 67 Prozent Completion Rate, 1.940 Passing Yards, 16 Touchdowns und sechs Interceptions.
Was mich überzeugt: Er stand bei über 32 Prozent seiner Dropbacks unter Druck und wurde in den ersten vier Spielen trotzdem nur dreimal gesackt. Er findet den Ausgang aus der Pocket und beim tiefen Ball gehört er zu den Besten im Land.
Was mich stört: Die Technik ist eigenartig. Er trägt den Ball tief auf Hüfthöhe und wirft mit halbherzigen Release. Mestemaker traut sich jedes Fenster zu. Das führt zu großen Momenten. Man sieht aber auch einen Quarterback, der nie richtig ausgebildet wurde und dadurch noch erhebliches Potential bietet. Neben Trinidad Chambliss gehört er daher in die Auswahl zum First Overall Draftpick.
Arch Manning ist kein schlechter Quarterback, aber wenn die NFL vor dem Draft seinen Stammbaum ausklammert und nur sein Spiel bewertet, tut er gut daran, noch ein weiteres Jahr am College zu bleiben. Vielleicht transferiert er sogar am Saisonende an die Alma Mater seiner Blutlinie. Bereits Opa Archie und Onkel Eli hatten an der Ole Miss großen Erfolg. In der Nacht von Samstag auf Sonntag können sich die Rebels in Austin im direkten Duell ein Bild von Arch Manning machen.
Drew Mestemaker ist roh und auch ihm fehlt noch die Erfahrung. Aber Techniken kann man bei einem Talent noch schleifen, dass als früher Walk-On bisher keine richtige Ausbildung genossen hat. Die Spielverarbeitung kommt dann automatisch mit mehr Spielen dazu. Auf meinem Big Board steht Drew Mestemaker daher klar vor Arch Manning. Da lehne ich mich mittlerweile nicht einmal mehr weit aus dem Fenster.
Philipp Forstner