28.04.2026
NFL Kolumne von Adrian Franke
17 Wide Receiver wurden in den ersten drei Runden des 2026er NFL Drafts ausgewählt, eine Einstellung der bisherigen Bestmarke. Natürlich werden nicht alle davon einschlagen, und für manche ist die Ausgangslage sehr anders als für andere. Adrian Franke ordnet die Receiver-Picks der ersten beiden Draft-Tage in unterschiedlichen Kategorien ein.

Die beiden Top-10-Picks sind hier die offensichtlichen Favoriten. Carnell Tate, den die Titans mit dem Nummer-4-Pick ausgewählt haben, und Jordyn Tyson, der an Position 8 zu den New Orleans Saints ging, sollen direkt große Rollen einnehmen.
Und die Situationen sind ebenfalls vergleichbar. Beide kommen zu jungen Quarterbacks, die in ihr jeweils zweites Jahr gehen. Beide kommen je zu einem Team, das ein bis zwei etablierte Playmaker hat. Und beide bringen ein Skillset mit, das der jeweiligen Offense noch gefehlt hat.
Im Fall von Tate ist das der Receiver, der vertikal am Catch Point gewinnt und Plays Downfield macht. Kein Titans-Receiver hatte letztes Jahr mehr als sieben Downfield-Catches (mindestens 20 Yards das Feld runter), zum Vergleich: Ligaweit knackten 25 Wide Receiver diese Marke. Cam Ward ist ein Quarterback, der aggressiv spielen will und auch enge Passfenster nicht scheut. Jetzt hat er den Receiver dafür.
Bei den Saints ist Chris Olave der vertikale Ball-Winner. 33 Downfield-Targets erhielt Olave in der vergangenen Regular Season, kein anderer Receiver hatte mehr als 28. Hier wird Tyson mehr die Possession-Receiver-Rolle einnehmen - und sollte jede Menge Arbeit bekommen. Letztes Jahr hatte kein Receiver außer Olave bei den Saints über 100 Targets. Einzig Tight End Juwan Johnson hatte sonst noch überhaupt mehr als 66 Targets. Tyson, sofern er fit bleibt, sollte alle Rookies in Targets anführen.
Beide haben eine reelle Chance auf eine 1.000-Yard-Saison. Das gelang in der vergangenen Regular Season unter den Rookie Receivern einzig Tetairoa McMillan. Der Tie-Breaker zugunsten von Tyson könnte zum einen die geringere Konkurrenz sein: Bei den Titans gibt es mit Wan’Dale Robinson, Calvin Ridley, Elic Ayomanor und Chimere Dike mehrere andere Spieler, die auf ihre Targets kommen werden. Die Saints sind hier außerhalb von Chris Olave sehr viel dünner aufgestellt. Und auch Tysons Rolle dürfte dafür sorgen, dass er noch konstanter Teil des Game Plans ist.
Drei Receiver, die innerhalb von zwölf Picks spät in der dritten Runde nacheinander vom Board gingen, fallen allesamt in diese Kategorie: Chris Brazzell (Panthers), Ted Hurst (Buccaneers) und Chris Bell (Dolphins).
Ein faszinierendes Trio. Brazzell bewegt sich erstaunlich scharf für seine Länge, was zu einigen spektakulären Routes führt. Derart große Receiver können selten so harte Cuts setzen und so plötzlich ihr Momentum abbrechen, was es Brazzell in Kombination mit seiner Beschleunigung erlaubt, überraschend große Separation zu kreieren.

Er hat nur leider so gar keine Power in seinem Frame, wodurch Cornerbacks ihn Richtung Sideline bearbeiten können. Receiver, die nicht dieses Mindestmaß an Play Strength haben, bekommen in der NFL meist größere Probleme. Brazzell muss bei den Panthers nur die Nummer 3 sein und streitet sich vermutlich mit Xavier Legette um diesen Platz. Aber es ist auffällig, dass die Panthers ein sehr groß gewachsenes Receiver Corps aufbauen - vielleicht auch, um Bryce Young das Leben zu erleichtern?
Auch Hurst ist groß, mit eindrucksvoller Explosivität und gutem Top-Speed. 34 Catches über mindestens 20 Yards über die letzten beiden Saisons unterstreichen das, gleichzeitig muss man hier berücksichtigen, dass der Sprung von Georgia State in die NFL ein großer sein wird. Auch Hurst muss noch mehr Power in sein Spiel bekommen, er wird seinen Route Tree und sein Release Package deutlich erweitern müssen. Hurst wird Zeit brauchen und vermutlich keinen sofortigen Impact haben. Die Bucs haben mit Emeka Egbuka, Chris Godwin, Jalen McMillan und Tez Johnson genügend Receiver-Qualität, um Hurst langsam heranzuführen.
Bell könnte der größte athletische Freak der Gruppe sein - leider werden wir das vermutlich nie erfahren. Ein Ende November erlittener Kreuzbandriss verhinderte, dass er im Pre-Draft-Prozess die Tests absolvieren konnte und wird ihn auch noch im weiteren Verlauf der Saisonvorbereitung limitieren.
Aber man sieht die Explosivität auf Tape. Bell ist ein ehemaliger 200-Meter-Sprinter, und im Gegensatz zu Brazzell und Hurst hat er keine Probleme in puncto Physis. Er ist ein Bulldozer in der Route und vor allem nach dem Catch, wo seine besten Plays kommen. Hier nimmt Bell sehr gut Tempo auf, er gewinnt am Catch Point, seine Qualitäten kommen aber am besten zur Geltung, wenn er den Ball im Quick Game bekommt und dann nach dem Catch Schaden anrichten kann. Ein wenig erinnert er mich in dem, was er aktuell noch ist, an Xavier Legette.
Gut möglich, dass wir Bell in der kommenden Saison nur sehr wenig sehen werden, während er sich von der Verletzung zurückarbeitet. Wenn er fit ist, wird er in einem sehr überschaubaren Dolphins Receiving Corps jede Chance auf Snaps haben. Und dann kann er vielleicht einen Vorgeschmack auf das liefern, wozu er in der Lage ist. Müsste ich langfristig auf einen Receiver aus diesem Trio setzen, dann wäre es Bell.
Dass die Eagles Makai Lemon so dringend haben wollten, dass sie in der ersten Runde in letzter Sekunde noch vor die Steelers sprangen, ist sehr spannend. Das ist ein Eagles-Team, das seit Jahren keinen verlässlichen Slot Receiver hatte - das aber eben die Mitte des Feldes auch nur sehr vereinzelt attackiert. Und das lag nicht nur an der Slot-Receiver-Qualität, sondern es war eine Kombination aus schematischen Entscheidungen und mutmaßlichen Präferenzen des Quarterbacks.
Wir wissen, dass die Eagles mit einem neuen Offensive Coordinator auch ihr Scheme radikal umbauen wollen. Und wir wissen, dass A.J. Brown mit sehr hoher Wahrscheinlichkeit später im Sommer noch nach New England getradet wird.
Dass die Eagles jetzt im Draft nicht etwa einen X-Receiver als Browns Nachfolger priorisierten, sondern für einen Slot Receiver hoch tradeten, verrät uns also etwas. Ich bin sehr gespannt darauf, wie die neue Offense aussieht, wie Hurts sich darin schlägt und wie Philadelphia seine Playmaker-Rollen und seine Targets verteilt. Lemon, Dallas Goedert, Eli Stowers, Dontayvion Wicks, Elijah Moore, das sind alles Spieler, die am besten kurz und Intermediate über die Mitte des Feldes funktionieren.
Zu den schwierigeren Prognosen zumindest für 2026 gehören auch KC Concepcion und Denzel Boston, die beiden Receiver, die die Browns hoch gedraftet haben. Die beiden ergänzen sich dabei sehr gut: Concepcion ist für mich der beste reine Separator in diesem Draft, ein sehr guter Route Runner, der mit Speed, Quickness und Route-Running-Qualitäten gewinnt. Boston ist mehr der große Receiver, der nah an der Formation blocken, aber auch X-Receiver spielen kann.
Die Problematik in der Prognose liegt hier zum einen in der Frage der Rollen bei den Browns: Concepcion, Jerry Jeudy und Harold Fannin dürften einige Überschneidungen in ihren jeweiligen Rollen haben. Zum anderen aber muss man hier natürlich die Quarterback-Situation in Cleveland mit berücksichtigen. Wir werden vermutlich wieder Deshaun Watson und Shedeur Sanders in der kommenden Saison sehen, ehe der neue Coaching Staff dann voraussichtlich 2027 seinen Wunsch-Quarterback draften kann. Ich mag das neue Receiver-Duo der Browns, aber Geduld ist hier gefordert.
Zachariah Branch konnte man als schwierige Prognose bezeichnen, ganz unabhängig davon, wer ihn draftet. Es waren letztlich die Atlanta Falcons, die Branch in der dritten Runde auswählten und die Frage lautet: Ist er nur eine Gadget-Waffe? Oder kann er ein Starting Slot Receiver werden?
Die athletischen Tools sind so verlockend. Branch ist wahnsinnig agil und explosiv, mit dem Ball in der Hand ist er irre quick, hat spektakulären Speed und lässt Gegenspieler reihenweise aussteigen. Aber er ist eben klein, leicht und wirkt noch sehr unterentwickelt als Route Runner und am Catch Point. Und seine Rolle bei Georgia spiegelte das wieder.
Über die Hälfte seiner Targets kam hinter der Line of Scrimmage, ein absurder Wert. Seine durchschnittliche Target Tiefe lag bei 3,6 Yards, das ist besseres Running-Back-Territorium. Über 300 seiner 811 Receiving Yards in der vergangenen Saison kamen bei Screens.
Gleichzeitig ist er so gefährlich mit dem Ball in der Hand, dass es sich eben auch lohnt, ihm diese designten Targets zu geben. Das wird sicher auch ein großer Teil seines NFL-Profils sein und es wird die Art und Weise sein, wie er als Rookie Snaps bekommt. Aber um eine größere Rolle zu spielen, um mehr zu sein als eine Art Mecole-Hardman-Level-Spieler, muss er als Route Runner auf ein Level kommen, dass er im Slot relevante Snaps spielen kann. Für Atlanta wäre das der Best Case.
Der Start in die zweite Runde war eine ziemliche Überraschung: Die 49ers wählten mit dem ersten Pick am zweiten Draft-Tag De’Zhaun Stribling aus. Keinen der noch verfügbaren Guards, keinen Pass-Rusher, nicht alternativ einen Denzel Boston beispielsweise. Es war Stribling, den die meisten mindestens eine Runde später erwartet hatten.
Bei solchen überraschend hohen Picks - und die Niners hatten mal wieder einige davon - sollte in der Analyse der Versuch im Vordergrund stehen, diese Entscheidung nachzuvollziehen. Und auch wenn Stribling bereits 23 Jahre alt ist und als Route Runner nicht das mitbringt, was man von einem Nummer-33-Overall-Pick vielleicht erwarten würde: Ich verstehe, warum Kyle Shanahan ihn so mochte. Stribling ist ein großer, physischer Receiver, ein sehr guter Blocker, der gleichzeitig noch guten Speed mitbringt. Das ist ihr Jauan-Jennings-Nachfolger, mit vielleicht noch mehr Big-Play-Potenzial. Muss man das so hoch draften? Vielleicht nicht. Aber Stribling wird eine Rolle haben, auch als Rookie.
Die noch viel fragwürdigeren Receiver-Picks an Tag 2 kamen etwas später. Die Dolphins wählten Caleb Douglas früh in Runde 3 aus, die Bears Zavion Thomas später in der dritten Runde. Insbesondere Thomas ging mehrere Runden über seinem erwarteten Draft-Spot. Ein Gadget-Spieler und Returner, der legitimen Speed hat, aber in allen anderen Bereichen größere Fragezeichen mitbringt.
Douglas hat angesichts der Receiver-Qualität in Miami eine gute Chance auf frühe Snaps und könnte Miami dementsprechend hier auch für das Vertrauen belohnen. Ein großer Outside Receiver mit gefährlichem Speed und großer Catch-Point-Reichweite, das könnte mit Malik Willis zu einigen Big Plays führen. Um sich als Starter mittel- und langfristig festzuspielen, muss er aber die Drops deutlich reduzieren und lernen, mit Press-Cornerbacks zurecht zu kommen.
Die Commanders hatten zwischen Position 8 und Position 70 keinen Pick. Nachdem sie mit dem siebten Pick Linebacker Sonny Styles ausgewählt hatten, blieb Wide Receiver als eine der größten Baustellen. Und es ist gut möglich, dass sie in Runde 3 einen Starter gefunden haben.
Antonio Williams ist ein unheimlich agiler, explosiver Slot Receiver. Hier hat er auch bei Clemson gespielt, hier kann er den Mangel an Physis kompensieren. Williams beschleunigt sehr gut, spielt dann in der Route mit seinem Tempo und kreiert "plötzliche" Separation. Das sollte gut mit Jayden Daniels funktionieren, und es ist eine stilistisch sehr gute Ergänzung zu Terry McLaurin, der in erster Linie außen als vertikaler Receiver spielt.
Deebo Samuel hatte letztes Jahr 99 Targets für die Commanders, Zach Ertz 72. Beide sind weg. Hier wird es direkt die Chance auf eine große Rolle für Williams geben.
Die Giants tradeten kurz nach dem Williams-Pick aggressiv hoch, um sich den nächsten Receiver zu schnappen, ehe der große Run auf der Position losging. New York draftete nach dem Uptrade Malachi Fields, einen großen Possession Receiver mit einigen Highlight-Catches, dessen Rolle stilistisch vermutlich in die Michael-Pittman-Richtung gehen wird. Fields bringt Größe und Physis mit, ist stark am Catch Point und arbeitet gut durch Räume gegen Zone Coverage.
Ihm fehlt der Top-Speed, sonst wäre er noch höher gedraftet worden, und dadurch sind auch seine Separation-Qualitäten begrenzt. Aber ein solcher Receiver fehlt den Giants: Malik Nabers ist die klare Nummer 1, Darius Slayton in erster Linie der vertikale Outside Receiver und Darnell Mooney ein Downfield-Speed-Receiver. Fields könnte in dieser Offense der ideale Big Slot sein, was ihn dementsprechend auch früh auf den Platz bringen würde.
Adrian Franke