15.05.2026
Schwerer Start in Cleveland
Der Fall von Shedeur Sanders zählt bis heute zu den größten Überraschungen der NFL-Draftgeschichte der vergangenen Jahre. Noch Monate vor dem Draft galt der Quarterback als möglicher Erstrundenpick, manche Experten sahen ihn sogar in den Top 5. Stattdessen fiel der Sohn von Football-Ikone Deion Sanders bis in die fünfte Runde - und wurde erst an Position 144 von den Cleveland Browns ausgewählt.

Zwischen öffentlicher Kritik, Gerüchten über schwierige Team-Interviews und enormem Erwartungsdruck entwickelte sich die Geschichte von Shedeur Sanders zu weit mehr als nur einem sportlichen Thema. Für Vater Deion Sanders war der gesamte Prozess vor allem eines: zutiefst persönlich. "Er musste durch die Hölle gehen", sagte der frühere NFL-Superstar nun rückblickend über die Monate rund um Draft und Rookie-Saison seines Sohnes.
Noch vor dem Draft 2025 galt Shedeur Sanders als eines der bekanntesten Quarterback-Talente des Jahrgangs. Seine starke College-Karriere bei Colorado unter seinem Vater hatte den Hype zusätzlich befeuert. Doch während andere Quarterbacks früh vom Board gingen, wartete Sanders vergeblich auf den erlösenden Anruf.
Erst am dritten Draft-Tag griffen die Browns zu. General Manager Andrew Berry sagte am Telefon zu Sanders: "Wir nehmen dich jetzt vom Board." Gleichzeitig machte er dem Quarterback Mut, "allen zu beweisen, die an ihm vorbeigingen, dass sie falsch lagen".
Die Bilder dieses Moments gingen durch die NFL-Welt: Statt der glamourösen Atmosphäre des ersten Draft-Abends stand Sanders schließlich im Garten seines Elternhauses, im schwarzen ärmellosen Shirt, als endlich der Anruf aus Cleveland kam.
Der tiefe Fall im Draft hatte mehrere Gründe. Besonders häufig wurde über angeblich schwierige Interviews mit NFL-Teams berichtet. Laut ESPN sollen einige Franchises mit Sanders’ Auftreten während der Gespräche unzufrieden gewesen sein. Zudem verzichtete er darauf, beim NFL Combine zu werfen, und wartete stattdessen bis zu seinem Pro Day in Colorado.
Ein AFC-Scout sagte rückblickend sogar: "Ich dachte, er hätte einen besseren Frühling." Zudem seien einige Interviews "schwierig" verlaufen.
Für Deion Sanders waren viele dieser Vorwürfe jedoch schlicht falsch. Besonders Berichte, sein Sohn sei unvorbereitet zu Meetings erschienen, trafen ihn persönlich. "Das hat wehgetan", sagte Sanders später öffentlich.
Noch deutlicher wurde der Hall-of-Famer in einem Podcast-Auftritt. Dort verteidigte er die Professionalität seines Sohnes vehement und bezeichnete Teile der Berichterstattung als "foolish stuff".
Trotz aller Diskussionen hielten die Browns intern offenbar große Stücke auf Sanders. Andrew Berry beschrieb ihn als "beeindruckenden jungen Mann" und betonte mehrfach dessen Arbeitseinstellung.
Auch Sanders selbst versuchte nach seiner Auswahl, den Fokus schnell auf die Zukunft zu legen. Direkt nach dem Draft erklärte er: "Alles außerhalb der Organisation ist jetzt ein Nonfaktor für mich."
In Cleveland begann er sofort damit, sich öffentlich zu zeigen. Schon wenige Tage nach dem Draft tauchten Videos von Trainingsläufen in der Stadt auf, später besuchte er Schüler einer Highschool und sprach über seine neue Aufgabe bei den Browns.
Die erste NFL-Saison verlief jedoch turbulent. Sanders startete zunächst nur als dritter Quarterback hinter Veteranen und Konkurrenten im Browns-Kader. Später erhielt er dennoch seine Chance und absolvierte die letzten sieben Saisonspiele.
Sportlich blieb die Bilanz allerdings gemischt. Die Browns gewannen mit ihm drei Spiele bei vier Niederlagen. Gleichzeitig geriet Sanders erneut massiv unter öffentliche Beobachtung. Kritiker verwiesen auf schwache Statistiken und Probleme im Passspiel.
Sanders selbst versuchte öffentlich Ruhe auszustrahlen. "Es gibt keine Ausreden", sagte er während des Minicamps, obwohl er weniger Trainingseinheiten mit der ersten Mannschaft erhielt. Entscheidend sei allein die Leistung auf dem Feld.
Für Deion Sanders ist die Geschichte seines Sohnes bis heute nicht abgeschlossen. Der ehemalige Superstar glaubt, dass Shedeur durch den gesamten Prozess dauerhaft geprägt wurde. Die Vorwürfe, Gerüchte und öffentliche Kritik hätten "Narben" hinterlassen.
Gleichzeitig sieht er darin aber auch einen möglichen Antrieb. Schon kurz nach dem Draft verglich er die Situation mit der Motivation, die einst auch Spielern wie Tom Brady zusätzlichen Ehrgeiz verliehen habe.
Ob Shedeur Sanders die Zweifel langfristig widerlegen kann, bleibt offen. Klar ist jedoch schon jetzt: Kaum ein junger Quarterback hat in so kurzer Zeit einen derart intensiven öffentlichen Druck erlebt wie der neue Spielmacher der Cleveland Browns.
nkr