20.04.2026
Rhein Fire, München, New York
Wie schafft man den Sprung von Europa in die NFL? Leander Wiegand gab im Gespräch mit football-world exklusive Einblicke in seinen einzigartigen Weg, seine Zeit bei den Jets und seine Rückkehr zu Rhein Fire in die AFLE.

Leander Wiegand gehört zu den wenigen deutschen Spielern, die den Sprung über die ELF und das International Player Pathway Program in die NFL geschafft haben. Der Offensive Lineman spielte unter anderem für die Munich Ravens und Rhein Fire, überzeugte beim Pro Day mit 38 Bench-Press-Reps und sammelte anschließend Erfahrungen bei den New York Jets.
Im Gespräch mit football-world.news spricht Wiegand über seinen Weg von Europa in die NFL, entscheidende Momente seiner Karriere, Unterschiede zwischen ELF und NFL sowie seine persönlichen Learnings. Zudem gibt der O-Liner Einblicke in seine aktuelle Situation und richtet eine klare Botschaft an junge deutsche Football-Spieler.
Guten Tag Herr Wiegand, vielen Dank für ihre Zeit. Wie blicken Sie heute auf ihren Weg von der ELF über das International Player Pathway Program bis in die NFL zurück?
Voller Dankbarkeit. Dass ich das alles so erleben durfte und diese verschiedenen Stationen hatte - von Köln über Düsseldorf und München bis ins IPP und schließlich nach New York - war genial. Ich durfte auf diesem Weg viele tolle Menschen kennenlernen, von Mitspielern bis Coaches, und konnte mich stetig weiterentwickeln und verbessern. Am Ende hat es dann sogar für die NFL gereicht.
Denken Sie, dass Ihrem Weg in Zukunft noch viele europäische Spieler folgen könnten?
Auf jeden Fall. Ich bekomme viele Nachrichten von Spielern, vor allem aus Deutschland, aber mittlerweile auch aus anderen europäischen Ländern, die sich über College, das IPP und die NFL informieren. Schon damals hatte ich Kontakt zu Spielern wie Björn Werner, Efe Obada oder Jakob Johnson. Es gibt heute mehr Ressourcen und der Weg wird immer häufiger gegangen. Das hat mich auch motiviert. Ich habe mich sehr gefreut, Europa beziehungsweise Deutschland vertreten zu dürfen. Mit Felix Lepper ist jetzt wieder ein Spieler aus Deutschland und aus der European League of Football diesen Weg gegangen. Ich hoffe, dass sich das weiter fortsetzt.
Vom ELF-Champion über die Munich Ravens bis in die NFL - inklusive eines starken Pro Days mit 38 Reps und ihrem Preseason-Debüt: Welcher Moment war rückblickend der wichtigste in ihrer Karriere?
Der größte Moment war wahrscheinlich mein NFL-Debüt im MetLife Stadium gegen die Giants. Der entscheidende Wendepunkt war aber mein Pro Day im letzten Jahr. Dort konnte ich das Blatt wenden. Vorher lief es im Trainingslager nicht optimal und ich stand bei den Scouts nicht besonders hoch im Kurs. An diesem Tag konnte ich zeigen, was ich kann. Der 26. März 2025 wird wahrscheinlich immer einer meiner Lieblingstage bleiben, weil sich dort sehr viel verändert hat.
Haben Sie erwartet, dass Sie beim Pro Day 38 Reps schaffen - und dass diese Leistung so viel Aufmerksamkeit erzeugt?
Ich wusste auf jeden Fall, dass ich den NFL-Rekord schlagen kann und besser bin als der bisher Beste aus den USA. Wie viele Wiederholungen es genau werden würden, wusste ich nicht. Dass das Ganze so eine große Aufmerksamkeit erzeugen würde, hätte ich auch nicht gedacht. Es war natürlich sehr cool, weil es mir geholfen hat, sichtbarer zu werden. Am Ende muss man wahrgenommen werden, und dabei hat diese Leistung sehr geholfen. Es ist schön zu sehen, dass sich harte Arbeit über viele Jahre auszahlt.
Welche Teams haben sich nach dem Pro Day bei ihnen gemeldet - und wie lief der ganze Prozess ab?
Direkt nach dem Pro Day waren viele Scouts vor Ort. Vorher hatten sie eher mit anderen Spielern gesprochen, aber danach standen plötzlich viele von ihnen um mich herum. Ich habe Visitenkarten bekommen, E-Mail-Adressen ausgetauscht, auch die Jets waren dabei. Mein Agent hat anschließend mit verschiedenen Teams gesprochen. Als ich wieder in Deutschland war, hatte ich Zoom-Meetings mit den Jets, Titans, Browns und Colts, weitere Teams hatten ebenfalls Interesse. So wurde klar, dass sich eine Chance ergeben könnte. Am Morgen des Drafts haben mir die Jets geschrieben, dass sie mich holen werden, und direkt danach ging es für mich nach New York.
Wann hatten Sie erstmals das Gefühl: Jetzt bin ich wirklich in der NFL angekommen?
Das waren mehrere Momente. Einer davon war die Vertragsunterschrift. Ein weiterer war der erste Besuch der Facility. In München haben wir uns teilweise auf einem staubigen Parkplatz getroffen, uns in Containern umgezogen und auf einem durchschnittlichen Rasen trainiert. Bei den Jets fährt man über eine eigene Straße zur Anlage, mit Sicherheitsdienst, großen Flaggen und einer beeindruckenden Infrastruktur. Da merkt man, was Profisport bedeutet. Und natürlich war auch der Moment besonders, als ich das erste Mal ins Stadion eingelaufen bin und vor rund 60.000 Zuschauern auf dem Feld stand.
Sie hatten in ihrem Debüt 22 Snaps. Erinnern Sie sich noch an ihren ersten oder letzten Snap?
An den ersten Snap erinnere ich mich, der war nicht optimal. Beim Double Team hätte ich besser reagieren können. Besonders gut erinnere ich mich an den letzten Snap, der gleichzeitig mein bester war. Dort hatte ich ein gutes Double Team, konnte den Nose Tackle kontrollieren und mit einem Pancake abschließen. In einigen 1-gegen-1-Pass-Rush-Situationen konnte ich mich ebenfalls durchsetzen. Am Ende hatte ich ein sehr gutes Rating im Vergleich zum restlichen Team, auch im Vergleich zu Startern. Das war ein sehr cooles Gefühl.

Wie läuft eine Tape-Analyse in der NFL ab? Gehen die Coaches jeden einzelnen Snap mit ihnen durch?
Ich hatte vorher bereits viele Tape-Analysen gemacht, auch von anderen Spielern, um aus deren Fehlern zu lernen. In der NFL erhält man von den Coaches eine Bewertung in Form von Plus oder Minus für jeden Spielzug. Dabei werden verschiedene Kriterien bewertet, etwa Einsatz, Ausführung oder Verständnis des Spielzugs. Für mein erstes NFL-Spiel war das Feedback insgesamt gut, natürlich mit Verbesserungspotenzial. In der NFL liegt der Fokus stark auf den Dingen, die noch nicht perfekt sind. Anfangs hatte ich das Gefühl, schlecht gespielt zu haben, aber nach und nach zeigte sich anhand der Daten, dass meine Leistung durchaus solide war.
Gab es in der O-Line jemanden, der Sie besonders unterstützt hat?
Es war eher eine Mischung aus mehreren Spielern. Viele waren sehr hilfsbereit, und ich habe viele Fragen gestellt. Nach dem Training habe ich mit einigen Spielern zusätzliche Einheiten gemacht. Die O-Line war insgesamt sehr stabil und sogar die einzige der NFL, die ohne Verletzungen durch die Saison gekommen ist. Das freut natürlich die Spieler, macht es aber für Nachrücker schwieriger. Spieler wie John Simpson, aber auch jüngere Spieler wie Olu [Fashanu] oder Alijah Vera-Tucker waren sehr hilfsbereit.
Wie war es, mit Starspielern wie Garrett Wilson oder Breece Hall zusammenzuspielen?
Es ist verrückt, plötzlich mit Spielern in einer Kabine zu stehen, die man jahrelang im Fernsehen gesehen hat. Aber sie sind sehr bodenständig. Garrett Wilson ist zum Beispiel ein sehr netter Typ. Auch Sauce Gardner war sehr humorvoll. Es gab einige lustige Momente. Am Ende sind es einfach Menschen, die Football spielen. Garrett interessiert sich auch für Deutschland und Europa und ist Fußballfan. Insgesamt waren das sehr sympathische Begegnungen.
War Garrett Wilson ihr engster Kontakt im Team?
Nein, man verbringt natürlich am meisten Zeit mit der eigenen O-Line. Aber unter den Starspielern war er wahrscheinlich derjenige, der besonders locker und offen rüberkam.
Die Jets haben die Saison mit drei Siegen beendet. Was waren ihre wichtigsten Learnings aus diesem schwierigen Jahr?
Ein zentrales Learning ist, dass am Ende nur das Ergebnis zählt. Es spielt keine Rolle, wie knapp oder aus welchen Gründen man verliert - eine Niederlage bleibt eine Niederlage. Man muss Wege finden, Spiele zu gewinnen. Gleichzeitig lernt man, mit Rückschlägen umzugehen und die eigene Arbeitsmoral hochzuhalten, auch wenn es nicht gut läuft. Gerade in schwierigen Phasen zeigt sich der Charakter eines Spielers. Wenn alles gut läuft, motiviert zu sein, ist nichts Besonderes. Die eigentliche Stärke zeigt sich, wenn es schwierig wird.
In welchen Bereichen haben Sie sich technisch am meisten verbessert - und wo sehen Sie noch Potenzial?
Ich habe mich besonders in meinem Get-Off im Run Game verbessert, sowohl in Zone- als auch in Gap-Konzepten. Meine ersten beiden Schritte sind besser geworden. Im Passspiel habe ich Fortschritte beim Punch und beim Timing gemacht. Gleichzeitig gibt es noch Potenzial beim Pad Level und in den Details innerhalb der Spielsysteme. Dort hilft vor allem zusätzliche Erfahrung.
Wie groß ist der Unterschied zwischen ELF und NFL im Trainingsalltag?
Das durchschnittliche Tempo ist deutlich höher, ebenso Intensität und Aggressivität. Insgesamt ist alles ein Stück anspruchsvoller. Gleichzeitig hat man mehr Zeit, sich auf Trainingseinheiten vorzubereiten, wodurch mehr Wert auf Details gelegt wird. Zudem sind in der NFL die besten Athleten aus Highschool und College versammelt. Wenn man Football liebt, ist es beeindruckend zu sehen, wie gut diese Spieler ihre Aufgaben erfüllen.
Wie kam es zu ihrer Rückkehr zu Rhein Fire?
Aktuell habe ich noch kein NFL-Team, bereite mich aber weiterhin auf diese Chance vor. Es ist wichtig, im Football-Rhythmus zu bleiben, da es in der NFL keine Zeit gibt, sich langsam wieder einzugewöhnen. Sollte kein Anruf kommen, freue ich mich auch darauf, mit Rhein Fire eine gute Saison zu spielen und vielleicht erneut Meister zu werden. Plan A bleibt aber weiterhin die NFL.
Gibt es aktuell Kontakt zu NFL-Teams oder zu den Jets?
Mit den Jets aktuell nicht, aber mein Agent steht mit Teams in Kontakt. Ich konzentriere mich darauf, gut vorbereitet zu sein, falls sich eine Chance ergibt.
Wie blicken Sie als Spieler auf die aktuelle Situation im europäischen Football - mit der Insolvenz der ELF und neuen europäischen Ligen?
Ich finde es schade, weil ich gerne in der ELF gespielt habe und eine gemeinsame Liga für Europa grundsätzlich gut finde. Am Ende ist es aber entscheidend, dass man auf einem guten Niveau Football spielen kann. Ich bereite mich auf meine Aufgaben vor, unabhängig davon, wer der Gegner ist. Wichtig ist, dass das Momentum des europäischen Footballs erhalten bleibt. Rhein Fire hat zum Beispiel eine großartige Fanszene. Das Interesse am europäischen Football wächst und hoffentlich entwickeln sich die Ligen weiter, mit höheren sportlichen Levels, größeren Shows und größeren Stadien.
Haben Sie zum Abschluss noch eine Botschaft an junge, deutsche O-Liner?
Aus harter Arbeit kann nur Gutes entstehen. Niemand weiß genau, wo er am Ende landen wird, und vieles liegt nicht vollständig in unserer Hand. Aber harte Arbeit führt immer zu positiven Entwicklungen. Selbst wenn man sein ursprüngliches Ziel nicht erreicht, entwickelt man sich charakterlich weiter. Dieser Prozess ist mindestens genauso wichtig wie der sportliche Erfolg. Deshalb sollte man immer hart arbeiten - dann kann man am Ende nicht verlieren.
mhh, mgs