12.05.2026
Abstiegskampf in Niedersachsen
Es gibt Momente im Sport, in denen ein Wort mehr sagt als jede Statistik. Als die Braunschweig Lions in die Saison 2026 starteten, trugen sie wieder ihren alten Namen. Aber das fühlte sich nicht wie eine Rückkehr an, sondern wie eine nüchterne Bestandsaufnahme. Zwölf Deutsche Meisterschaften, sechs internationale Titel, mehr als drei Jahrzehnte erfolgreicher American Football in Niedersachsen. Das alles steckt in diesen fünf Buchstaben: L-I-O-N-S. Aber zwischen Erinnerung und Gegenwart klafft in diesem Jahr eine Lücke, die kein Titel der Vergangenheit füllen kann.

Nach dem Tod von Firmenchef Friedrich Knapp Ende 2024 zog sich die Modekette New Yorker als Haupt- und Namenssponsor sukzessive zurück. Die Rolle als Gesellschafter und Namensgeber endete nach der Saison 2025. Was wie eine Fußnote klingt, ist in Wirklichkeit eine strukturelle Zäsur. Die bisherige Konstruktion sicherte über Jahre den Spielbetrieb direkt ab, ließ dem Verein jedoch nur begrenzten Raum für eigenständiges Wachstum. New Yorker bleibt weiterhin als Partner an der Seite der Löwen, das ist erfreulich, aber es ist eben nicht mehr dasselbe. Der Unterschied zwischen einem Gesellschafter, der den Etat direkt garantiert und einem Sponsor, der einen Posten auf der Einnahmenseite darstellt, ist fundamental. Das Fundament der Braunschweig Lions muss deshalb neu gegossen werden.
Das geschieht unter denkbar schwierigen Vorzeichen. Mit Brayden McCombs übernahm ein neuer Cheftrainer, der Kader wurde auf vielen Positionen umgebaut. Auf der Spielmacher-Rolle übernimmt der 23-jährige US-Amerikaner Ryon Thomas das Kommando. Im ersten Saisoneinsatz zeigte er mit 22 von 27 erfolgreichen Pässen für 153 Yards und einen Touchdown, dass in ihm vielversprechendes steckt. Dennoch ging das Spiel mit 8-47 gegen die Dresden Monarchs deutlich verloren. Eine Mannschaft, die so weitgehend neu zusammengestellt wurde, braucht Zeit. Doch diese haben die Lions im knallharten Abstiegskampf nicht.
Es braucht Klartext. Die Löwen spielen 2026 um den Verbleib in der höchsten deutschen Spielklasse. Das sollte niemanden erschrecken, sondern alle fokussieren. Teamkapitän Malte Hrabak wechselte allerdings vor wenigen Tagen zu den Wroclaw Panthers zu seinen alten Coaches und verzichtete darauf, das Steuer in dieser schwierigen Situation zu übernehmen. Die Lions sollten darüber nicht jammern, sondern pragmatisch herangehen. Es gilt, dass Spieler, Coaches und Fans ihre neue Rolle zügig annehmen.
Denn es steht weit mehr auf dem Spiel als der Klassenerhalt. Der 1. FFC Braunschweig trägt ein ganzes Ökosystem in der zweitgrößten Stadt Niedersachsens. Über 600 aktive Sportlerinnen und Sportler im Cheerleading, im Flag Football und in der Nachwuchsarbeit hängen mittelbar daran, dass dieser Verein auf sicherem Grund steht. Vereinschef Holger Fricke betonte, man wolle den Sport in der Löwenstadt breit verankern. Von Sechsjährigen über das bald olympische Flag-Spiel bis zu den Profis der Bundesliga ist das ein schöner Anspruch. Doch gleichzeitig ein kostspieliger, wenn die Kassen schlanker werden. Genau deshalb ist der schnellstmögliche Ligaverbleib keine sportliche Formalität, er ist das finanzielle Rückgrat für den gesamten Apparat der Löwen.
Am Freitag, dem 16. Mai, kommt es im Eintracht-Stadion zum ersten Heimauftritt. Die Kiel Baltic Hurricanes reisen an. Kein angenehmer Gegner. Quarterback PJ Settles geht in seine zweite gemeinsame Spielzeit mit den Canes, für die Kieler eine echte Seltenheit. In der Vorsaison warf er für 2.448 Yards und 25 Touchdowns, erlief selbst neun weitere Scores und führte Kiel zum ersten Mal seit 2017 wieder in die Postseason. Ein Spielgestalter mit Systemverständnis und Hunger auf mehr ist genau die Sorte Kopfschmerzen, den eine neu formierte Abwehr noch nicht gebrauchen kann.
Trotzdem bin ich gespannt, weil dieser Rebuild mitunter seine eigene Dynamik entwickelt. Eine Mannschaft, die alles beweisen will, kann zu einer unangenehmen Aufgabe werden, wenn sie zusammenfindet. Die Ränge im Eintracht-Stadion können diesen Prozess beschleunigen. Die Anhänger in Braunschweig wissen, was dieser Klub bedeutet. Zwölf Deutsche Meisterschaften haben sich tief in das Selbstverständnis der Heim-Fans gebrannt und die Löwen brauchen ihre Energie jetzt dringender als in den satten Jahren.
Kleine Brötchen werden jetzt gebacken. Das bedeutet aber nicht, die Hände in den Schoß zu legen. Die Lions müssen zusammen anpacken und die Ärmel hochkrempeln. Obwohl der Auftakt komplett in die Hose ging, habe ich den Eindruck, dass dies in allen Köpfen der Braunschweiger angekommen ist. Willkommen in der Wirklichkeit.
Philipp Forstner