19.08.2026
Fan-Kolumne
Ohne Licht gibt es keinen Schatten. Es klingt profan, aber so startet doch jeder Rebuild in der NFL. Bei den Dolphins fällt viel Schatten auf den Roster - und das zurecht. Aber neben dem Schatten gibt es auch lichte Momente, die Hoffnung machen, dass Hafley es schafft, aus dem aktuellen Kader einen Kern zu formen, mit dem Miami in den kommenden Jahren ein dauerhafter Anwärter auf die Playoffs und mehr wird.

Die ersten Wochen des Camps und der Preseason sagen zwar nichts über das Endergebnis der regulären Saison aus, aber es lassen sich erste Trends ablesen. Performt ein Spieler wie gewünscht oder hinkt er den Erwartungen bereits hinterher? Macht ein UDFA auf sich aufmerksam und hat gute Möglichkeiten, nicht nur den Roster zu schaffen, sondern sogar Rotationsspieler zu werden? Für ein Team im Umbruch sind diese ersten Trends besonders wichtig und aufregend, weil es noch keinen großen Kern gibt. Dieser muss sich finden und hoffentlich ist ein nicht unbeachtlicher Teil davon schon in Miami zu Hause.
Um einen Lichtstrahl kommt aktuell kein Fan herum: Caleb Douglas. Der Drittrunden-Rookie von Texas Tech war bei vielen Experten ein Spieler für den dritten Drafttag. Sullivan überraschte nicht wenige, als Douglas' Name in Runde drei an Position 75 ertönte. Doch seit dem Start des Training Camps scheint es eine gute Verbindung zwischen ihm und Malik Willis zu geben. Vermutlich haben alle den potenziellen Catch of the Year im Preseason-Spiel gegen die Commanders gesehen, aber auch im Training hat Douglas immer wieder für Aufsehen gesorgt. Sei es durch starke Catches im Eins-gegen-eins oder mit seinem Einsatz im Blocking. Sollte sich Bell, den die Dolphins nach seinem Kreuzbandriss von der Non-Football-Injury-Liste aktiviert haben, so entwickeln, wie es sich viele erhoffen, kann das schnell besser aussehen als nach dem Draft vermutet.
Doch dieser Lichtblick wirft eben auch seine Schatten. Die Secondary: Es war schon nach dem Draft und der Free Agency klar, dass die Cornerbacks und Safeties die größte Herausforderung für das neu formierte Team werden. Das hat sich nach dem ersten gemeinsamen Training mit den Commanders, dem ersten Preseason-Spiel und den Campberichten bestätigt. Die erste Reihe wurde zwar mit Firstround-Pick Chris Johnson potenziell stark besetzt, aber dahinter wird es dünn. Besonders eklatant wird das mit Blick auf die Backups. Das Starting Line-up gehört eher zum unteren Drittel der NFL und die Rotationsspieler haben sich bisher ebenfalls nicht für mehr empfohlen. Das lässt vermuten, dass die Dolphins regelmäßig punkten müssen, um in den Spielen mithalten zu können.
Vor der ersten Woche der Preseason wurde vor allem die „Malik-Malik-Connection" (Malik Willis und Malik Washington) gelobt. Das begann nach dem besagten Training mit den Commanders zu bröckeln. Zwar konnte Washington als Returner bei den Special-Teams-Drills überzeugen, jedoch nicht als Wide Receiver. Im Spiel bekam er Targets, aber auch dort kann in der Metapher von einem schattigen Plätzchen gesprochen werden. So ganz genau scheinen die Dolphins noch nicht zu wissen, was sie an ihrem nominellen ersten Wide Receiver haben.
Ein weiteres schattiges Plätzchen mit ein paar lichten Momenten bleibt die O-Line. Im Spiel gegen die Commanders konnten hier wirklich beeindruckende Running Lanes geblockt werden. Das zeigt, was möglich ist. Auf der anderen Seite war ein Großteil der Starter aus Washington nicht im Line-up. Das trübt den Eindruck zumindest etwas. Auch die Berichte aus dem Training waren zwiegespalten. Was die ersten Berichte jedoch durchblicken lassen: Die Line ist stabiler als in den vergangenen Jahren. Das ist es, was viele Fans sich erhoffen. Entwarnung kann aber erst gegeben werden, wenn die ersten Wochen der regulären Saison vorbei sind.
Doch wo stehen die Miami Dolphins nach den ersten Wochen als neu formiertes Team mit einer komplett neuen Führung? Im unteren Drittel der Liga, aber das ist auch in Ordnung. Mit mehr als 50 Prozent des Cap Spaces für Spieler, die nicht in Miami spielen, kann nichts anderes erwartet werden. Diese ersten Wochen und die kommenden Monate sind dafür da, zu erkennen, wer sich einen Platz im Kern des Teams erspielen kann. Spieler werden für gute Leistungen belohnt, das hat Sullivan mit den Verlängerungen für Achane, Brewer und Brooks eindrucksvoll unter Beweis gestellt. Damit hat der neue General Manager seine ersten Duftmarken gesetzt, doch wie ist das mit dem neuen Head Coach?
Hafley will eine breite Basis schaffen. Während die Commanders im Training verschiedene Looks und Stunts in der Defense probierten und auch mit der Offense kreative Ansätze zeigten, waren die Dolphins mit ihrer Base Formation für beide Einheiten beschäftigt. Der Head Coach der Dolphins begründete diesen Schritt damit, dass die Spieler die Grundlagen beherrschen müssen und ein geschemter Sack durch einen Blitz zwar dem Scheme nütze, aber keine Aussage darüber zulasse, ob der Spieler seinen normalen Aufgaben gerecht wird.
Neben den normalen Änderungen im Trainingskonzept und dem Umgang miteinander durch den Head-Coach-Wechsel war dem Front Office vor allem eines wichtig: mehr Physis. Den Dolphins wurde nachgesagt, dass sie zu weich seien und wenn es in die kalten Monate des Jahres ging, verloren die Dolphins durchschnittlich mehr Spiele als in den wärmeren Monaten zu Beginn der Saison. Und genau das scheint sich bereits zu verändern. Die Trainingseinheiten sind von mehr Physis geprägt und auch im ersten Preseason-Spiel ließ sich erahnen, dass das Team mit mehr Kraft spielt.
All das wird sich in der regulären Saison beweisen müssen. Aber als Fan eines Teams, das seit über 25 Jahren auf einen Sieg in den Playoffs wartet, sind die ersten Eindrücke ein positives Zeichen, verbunden mit der Hoffnung, dass die Dolphins wieder zu einer Franchise werden können, die in stabilen Verhältnissen nachhaltig Erfolg aufbaut.
Rico Harting