13.08.2026
NFL-Kolumne von Adrian Franke
Die MVP-Prognose für 2026 ist ungewöhnlich offen. Mehrere etablierte MVP-Sieger werden hoch gehandelt - doch einige der spannenderen Kandidaten stehen bei den Buchmachern außerhalb der Top 3. Adrian Franke sortiert die Favoriten für die kommende Saison im Ranking.

Der letzte Non-Quarterback, der mit dem Award ausgezeichnet wurde, war Running Back Adrian Peterson in der 2012er Saison. Seitdem haben ausschließlich Quarterbacks den Award gewonnen, und Peterson ist auch seit 2007 überhaupt der einzige MVP-Gewinner, der eine andere Position als Quarterback spielte.
Das sorgt zwar für eine gewisse Eintönigkeit, ist aber gänzlich nachvollziehbar. Die Liga hat sich über die letzten Jahre klar verändert, dahingehend, dass Defenses mehr dominieren und Offenses wieder stärker im Verbund und über die schematische Schiene gewinnen. Quarterbacks sind dennoch weiterhin der größte individuelle Treiber dieses Gesamtkonstrukts.
Selbst wenn Run Game, Personnel Groupings und die schematische Fähigkeit, Defenses in unvorteilhafte Situationen zu bringen, wieder viel wichtiger geworden sind, so sind es doch immer noch die Quarterbacks, die den größten individuellen Impact haben. Offensiv, wie defensiv.
Das spiegelt sich auch in der Prognose für die kommende Saison wider. Der MVP-Award in der heutigen NFL ein Quarterback-Award. Wie man aber die Kandidaten für die kommende Saison in einem Ranking sortiert, das ist selbstverständlich subjektiv - und darum geht es in dieser Auflistung.
Umstände, das Potenzial des Teams in der kommenden Saison, aber auch Narrative spielen hier eine Rolle. Für das objektive Gegengewicht sind die Platzierungen nach Buchmacher-Quoten zusätzlich aufgeführt.
Ich denke, dass Burrow 2024 bereits eine legitime Chance auf den Award gehabt hätte, hätten es die Bengals irgendwie in die Playoffs geschafft. Dass Cincinnati damals der Sprung in die Postseason nicht gelang, lag sicher nicht am eigenen Quarterback: Burrow legte damals 4918 Yards und 43 Touchdowns auf, bei nur neun Interceptions. MVP-würdige Zahlen, und das einfache MVP-Argument darüber hinaus wäre gewesen, dass er eine horrende Defense in die Postseason geschleppt hat.
Das ist nicht aufgegangen. Gleichzeitig war 2024 über die letzten drei Jahre die einzige Saison, in der Burrow nicht mindestens sieben Spiele verpasst hat. Und die Bengals warten nunmehr seit 2022 auf eine Playoff-Teilnahme.
Burrow selbst muss fit bleiben, das ist natürlich eine Grundvoraussetzung. Wenn er dann Zahlen wie 2024 auflegt, werden die Bengals in die Playoffs kommen, das ist meine klare Prognose. Denn die Defense ist verbessert - aber sicher noch nicht so gut, dass Burrow nicht weiterhin einige Shootouts gewinnen muss. Die ideale Formel für den Award, für einen Quarterback, der ohnehin in Liga-Kreisen sehr hoch gehandelt wird.

Bei Prescott kann man nahtlos an den Burrow-Part anknüpfen. Eine verbesserte Defense, die aber vermutlich noch immer einiges zulassen wird. Und ein Team, das die offensive Feuerkraft hat, um in der Hinsicht ganz oben mitzuspielen und so sein Playoff-Comeback zu geben.
Prescott war 2023 bereits lange im MVP-Rennen, einige schlechte Spiele am Ende manövrierten ihn damals ins Aus. Wir haben letztes Jahr gesehen, zu was die Offense in der Lage ist, wenn George Pickens und CeeDee Lamb gemeinsam auf dem Platz stehen. Das über eine volle Saison könnte Dallas eine Top-3-Offense bescheren - eine Art Grundvoraussetzung, damit der Quarterback dieser Offense die Auszeichnung erhält.
Prescott warf letztes Jahr für 4552 Yards, persönlicher zweitbester Wert für eine Saison, sowie 30 Touchdowns (Platz 3). Beides kann er dieses Jahr übertreffen und sich mit den Cowboys die Division zurückholen.
Wir haben von Herbert bereits eine 5000-Yard-Saison gesehen, wir haben von Herbert bereits 38 Touchdowns in einer Saison gesehen. Aber das ist eine Weile her. Zuletzt blieb er in drei aufeinanderfolgenden Jahren unter 4000 Yards und unter 30 Touchdown-Pässen in einem Chargers-Team, in dem er meist im Laufe einer Saison sehr viele Löcher stopfen musste. Löcher, sowohl struktureller als auch individueller Natur.
Das gelang ihm auch letztes Jahr, zumindest, bis es dann in den Playoffs zur Sache ging. Das aber ist ein Thema für einen anderen Tag, denn hier steht die Frage im Raum: Mit einer verbesserten und wiedergenesenen Offensive Line, und mit einem Play-Caller in Mike McDaniel, unter dem Tua Tagovailoa in seiner einzigen vollen Saison 4624 Passing-Yards auflegte - was ist da mit Justin Herbert möglich?
Die Chargers haben ihre Division seit 2009 nicht mehr gewonnen. Zwölf Siege in einer Regular Season hatten sie zuletzt 2018. Eine Top-5-Offense nach EPA pro Play hatten sie zuletzt 2021.
Die kommende Saison könnte für die Chargers eine sein, in der sie viele dieser Marken endlich mal wieder durchbrechen. Und das wäre für Herberts individuelle Reputation ein wichtiger Meilenstein, für den MVP-Award aber auch essenziell: Ein Quarterback, dessen Offense nicht innerhalb der Top-5 in Expected Points Added pro Play ist, wird in aller Regel auch nicht MVP.
Bei Allen gibt es nicht die "Comeback-Story", wie Prescott und Burrow sie schreiben könnten, und im Gegensatz zu den beiden anderen hat Allen den Award bereits gewonnen - und das erst 2024.
Das sind zwei wichtige Parameter, wenn es um die Prognose hier geht. Seit 2010 hat nur Aaron Rodgers 2020 und 2021 den Award verteidigt. Und mehr noch: Kein Quarterback außer Rodgers hat in dem Zeitraum den MVP-Award zwei Mal innerhalb von vier Saisons gewonnen. Mahomes gewann ihn 2018 und 2022, Lamar Jackson 2019 und 2023, Tom Brady zuletzt 2010 und 2017.
Das sind natürlich keine in Stein gemeißelten Parameter, aber es war zuletzt schon auffällig, dass, wenn es Tie-Breaker in der Abstimmung brauchte, häufig eher Quarterbacks den Vorzug erhielten, die den Award noch nicht gewonnen haben. Allen selbst profitierte 2024 davon, als Lamar Jackson die in vielerlei Hinsicht eindrucksvollere Saison spielte - allerdings bereits im Vorjahr die MVP-Auszeichnung erhalten hatte.
Deshalb habe ich Allen niedriger als der Konsens und auch niedriger als die Buchmacher. Ich erwarte abermals eine sehr gute Bills-Offense, die durch D.J. Moore noch gefährlicher sein sollte. Aber Buffalo gewinnt jedes Jahr seine elf, zwölf, oder auch noch mehr Spiele und hat seit Jahren mit die beste Offense in der NFL. Allen müsste schon eine sehr außergewöhnliche Saison hinlegen, um noch mehr herauszustechen.
Sehr viele Variablen, die hier eine Rolle spielen. Ist Mahomes nach seinem Kreuzbandriss wirklich bis Woche 1 fit? Ist er in dem Fall auch tatsächlich bei 100 Prozent, oder schleppt er sich eher durch die erste Saisonhälfte? Was bekommen die Chiefs dieses Jahr von Rashee Rice? Sehen wir wirklich mehr vom Run Game? Kann Camp-Überraschung Cyrus Allen einen ernsthaften Impact haben, oder müssen wir doch wieder über die Receiver-Situation in Kansas City sprechen?
Trotz all der Ungewissheiten könnte es eine klare Schlussfolgerung geben. Wenn nämlich Mahomes ab Woche 1 spielt und die Chiefs trotz einer inkonstanten Pass-Catcher-Gruppe eine Top-5-Offense haben und sich die Division zurückholen, wird Mahomes, vermutlich ergänzt durch Kenneth Walker, die allermeisten Lorbeeren einheimsen. Und Mahomes hat den Award seit 2022 nicht mehr gewonnen.
Jackson hat bereits zwei MVP-Trophäen in der heimischen Vitrine stehen und hätte 2024 eine dritte haben können, wenn nicht müssen. Der 29-Jährige kommt aus einer von Verletzungen geprägten Saison, über die beiden Jahre davor zusammengenommen war er zumindest mit Blick auf die Regular Season der beste Quarterback in der NFL.
Dementsprechend gehört auch nicht allzu viel Fantasie dazu, um sich vorzustellen, dass Jackson 2026 wieder einer der absoluten Elite-Playmaker auf der Position ist. Die Fragen, die ich hier in den Raum werfen würde, gehen eher in eine andere Richtung: Wie viel Anlaufzeit braucht die neue Offense in Baltimore, unter einem Rookie-Play-Caller? Ist die Offensive Line mit den beiden Guard-Verpflichtungen repariert, oder ist der Verlust von Tyler Linderbaum ein größeres Problem? Ist einer der Rookie-Receiver direkt eine Hilfe?
Vieles ist neu in Baltimore, und manchmal brauchen diese Dinge einige Wochen - manchmal auch länger - bis alles seinen Groove findet. Deshalb bin ich bei Jackson niedriger als der Markt.
Der Zweitplatzierte aus dem Vorjahr hat zumindest einen entsprechend einfachen Narrativ-Weg: Seine Breakout-Saison mit einem besseren Waffenarsenal und einer besseren Offensive Line bestätigen und sich dann die First-Place-Stimmen sichern, die letztes Jahr noch zu Stafford gegangen sind.
Bereits da war es denkbar knapp. Stafford erhielt 24 First-Place-Votes, Maye 23. Das kann man nicht direkt auf die nächste Saison übertragen, andere etablierte Quarterbacks werden wieder besser spielen als im Vorjahr. Und Maye muss erst zeigen, dass er mit einem schwierigeren Schedule insbesondere die Big Plays wieder so auflegen kann wie im Vorjahr.
Gelingt ihm das aber, und Feinheiten entscheiden, wird es mit Sicherheit Voter geben, die dann Maye eher ihre Stimme geben, als Spielern wie Allen, Mahomes oder Jackson, die den Award bereits gewonnen haben. Sehen wir von den Patriots insgesamt aber eine leichte Regression, vielleicht auch einen Super-Bowl-Hangover, wird es ein schwieriges Unterfangen.

Natürlich ist es gut möglich, dass Stafford auch in der kommenden Saison die Liga in mehreren offensiven Statistiken anführt, so wie im Vorjahr. Die Rams sind der klare Titelfavorit und Stafford kommt aus einer spektakulären Saison.
Hier lautet die Frage spezifisch mit Blick auf den Award: Wie gut müsste Stafford sein, dass er den Preis erneut gewinnt? Sofern nicht mehrere andere Quarterbacks erheblich wackeln, halte ich es für unrealistisch, dass Stafford nochmal entsprechend zulegen könnte, um den Titel zu verteidigen.
Williams war letztes Jahr noch nicht auf dem Radar was das MVP-Rennen angeht, auch wenn er seine Breakout-Saison hatte. Die glich allerdings immer noch einer Achterbahnfahrt und einen 4000-Yard-Passer haben die Chicago Bears in ihrer langen Franchise-Geschichte nach wie vor nicht gesehen.
Williams sollte das in der kommenden Saison im zweiten Jahr unter Ben Johnson ändern. Gelingt ihm das, spielt er zudem konstanter als Passer und sorgt weiter für die außergewöhnlichen Highlights, hat er eine Chance darauf, im MVP-Rennen oben mitzumischen.
Ich habe noch so gar kein Gefühl dafür, was ich dieses Jahr mit den Packers machen soll. Die Offense hat weniger Playmaker-Tiefe als im Vorjahr, bei Josh Jacobs steht noch immer eine mögliche Sperre im Raum und die Defense hat mehrere solide Spieler verloren und wird vermutlich bis weit in die Saison hinein auf Micah Parsons verzichten müssen.
Ich erwarte keine gute Packers-Defense, was wiederum auch eine Chance für Love sein kann. Denn wenn Green Bay mehr Shootouts gewinnen muss, wenn er noch mehr als Treiber der Offense gesehen wird, ist das der direkteste Weg, um sich ins MVP-Rennen zu befördern. Und Love hatte schon immer die Aggressivität als Passer, um für die Ausnahme-Momente zu sorgen.
Adrian Franke