06.10.2026
EFA-Präsident im Interview
Der europäische Spitzenfootball ist gespalten. Während unter anderem Frankfurt Galaxy und die Raiders Tirol in der EFA antreten, spielen Rhein Fire und die Vienna Vikings in der AFLE. Für EFA-Präsident Markus Kuhn ist diese Situation alles andere als ideal. Im exklusiven Interview mit football-world spricht er offen über die Probleme der vergangenen Jahre.

Dabei formuliert der ehemalige NFL-Profi auch eine klare langfristige Vision: Statt zwei konkurrierender Wettbewerbe würde Kuhn gerne die besten Organisationen Europas gemeinsam auf dem Feld sehen. Sein Wunsch: "Die zehn besten Teams in Europa in einer Liga."
Die aktuelle Situation lässt sich für Kuhn nicht ohne die Entwicklung der European League of Football erklären.
Dabei übt der EFA-Präsident deutliche Kritik an der früheren Struktur. "Ich glaube, die ELF hat dem europäischen Football schon ein Stück weit geschadet."
Kuhn kritisiert vor allem den Umgang mit bereits bestehenden Organisationen. Teilweise seien die besten Spieler aus funktionierenden Strukturen abgeworben worden, ohne ausreichend mit diesen zusammenzuarbeiten.
Gleichzeitig seien neue Franchises in Märkten entstanden, bei denen sich aus seiner Sicht die Frage nach der langfristigen Perspektive gestellt habe.
Als Beispiel nennt er Stuttgart. Die Stadt sei historisch ein guter Football-Markt gewesen. Mit den Stuttgart Scorpions habe es zudem bereits eine Organisation mit entsprechenden Strukturen und Jugendarbeit gegeben. Kuhn sieht die anschließende Entwicklung kritisch. "Dann holt man sich einen erfolgreichen Coach aus Schwäbisch Hall, gewinnt eine Championship und ein Jahr später ist die Organisation praktisch nicht mehr da."
Für den RTL-Experten steht diese Entwicklung beispielhaft für ein grundsätzliches Problem. "Das ist für mich ein sehr kurzfristiger Ansatz."
Beim Aufbau der EFA möchte Kuhn deshalb auch strukturell einen anderen Weg einschlagen. Der ehemalige Defensive Tackle spricht sich klar für unabhängig geführte Franchises aus. "Ich halte es für sinnvoller, wenn die einzelnen Franchises eigenständig aufgestellt sind, anstatt eine Struktur zu haben, in der im Prinzip eine zentrale Organisation oder eine Investorengruppe die gesamte Liga kontrolliert."
Auch die AFLE verfolgt nach Kuhns Einschätzung ein anderes Modell als die EFA. Dass der konkurrierende Wettbewerb möglicherweise finanziell besser ausgestattet ist, will Kuhn dabei nicht als gesicherte Tatsache darstellen. "Dort ist das Ganze vielleicht etwas besser finanziert - zumindest heißt es das. Genau wissen wir es natürlich nicht."
Seine Kritik richtet sich ohnehin nicht ausschließlich gegen die andere Seite. "Ich will dabei aber auch nicht so tun, als wäre nur die andere Seite schuld. Vieles davon ist passiert, bevor ich überhaupt zur EFA gekommen bin."
Das Ergebnis der unterschiedlichen Entwicklungen ist dennoch eine Situation, die Kuhn nicht gefällt. Mehrere der bekanntesten und sportlich stärksten Organisationen Europas sind auf verschiedene Wettbewerbe verteilt. "Wenn man sich anschaut, welche Teams wir in Europa haben, ist es eigentlich eine Schande, dass einige davon aktuell nicht gegeneinander spielen."
Besonders zwei Duelle hebt Kuhn hervor. Frankfurt Galaxy gegen Rhein Fire besitzt eine Rivalität, deren Wurzeln bis in die NFL Europe zurückreichen. Gleichzeitig würde Kuhn auch gerne die Vienna Vikings gegen Innsbruck beziehungsweise die Raiders Tirol sehen. "Ich würde natürlich gerne Rhein Fire gegen Frankfurt Galaxy sehen. Und ich würde genauso gerne Vienna gegen Innsbruck sehen." Für Kuhn sind genau solche Begegnungen das, was europäischer Football eigentlich benötigt.
Eine einfache Fusion von EFA und AFLE hält Kuhn allerdings nicht automatisch für die Lösung. Würden sämtliche Franchises beider Wettbewerbe zusammengeführt, könnte erneut eine Liga mit ungefähr 20 Teams entstehen.
Damit würde sich aus seiner Sicht genau das Problem wiederholen, das er bereits beim schnellen Wachstum früherer europäischer Wettbewerbe kritisiert. "Dann gibt es erneut viele Märkte, bei denen man sich fragen muss, ob sie langfristig wirtschaftlich funktionieren und ob der Football-Hype dort überhaupt groß genug ist."
Als Beispiel nennt Kuhn Berlin. Die deutsche Hauptstadt sei international ein großer Name und dadurch gerade für amerikanische Investoren interessant. Gleichzeitig verweist er darauf, dass Berlin bereits historisch kein einfacher Football-Markt gewesen sei. Auch die Präsenz mehrerer Teams in Polen hinterfragt Kuhn.
Aus seiner Sicht müsse bei jedem Standort zunächst geprüft werden, wie groß das tatsächliche Interesse am American Football ist und ob der jeweilige Markt eine professionelle Franchise langfristig tragen kann.
Statt sämtliche bestehenden Franchises einfach in einem Wettbewerb zusammenzuführen, verfolgt Kuhn deshalb eine andere Vorstellung. "Ich glaube schon, dass beide Seiten davon profitieren würden, wenn wir irgendwann die zehn besten Teams in Europa in einer Liga hätten."
Für ihn wäre eine solche Konstellation sinnvoller als zwei dauerhaft getrennte Wettbewerbe. Besonders kritisch sieht Kuhn, wenn EFA und AFLE parallel versuchen, dieselben Märkte zu besetzen. "Vor allem finde ich es absurd, wenn beide Seiten teilweise versuchen, in denselben Märkten aktiv zu sein und sich gegenseitig zu attackieren."
Sportlich sieht er die beiden Wettbewerbe dagegen gar nicht weit auseinander. "Sportlich glaube ich sogar, dass beide Seiten relativ nah beieinanderliegen." Das betreffe neben der Qualität auf dem Feld teilweise auch das Produkt und die vorhandenen Strukturen.
Deutlich wird Kuhn auch mit Blick auf das sportliche Gefälle innerhalb des europäischen Footballs. Dabei führt er das AFLE-Finale als Beispiel an. "Wenn du dann aber ein Finale hast, das 68:5 ausgeht, finde ich das schwierig."
Noch schärfer fällt seine Bewertung des damit verbundenen Anspruchs aus. "Dann zu sagen: Wir sind jetzt der europäische Champion - das ist für mich einfach albern."
Für Kuhn zeigt ein derart deutliches Ergebnis, wie unterschiedlich die Voraussetzungen der einzelnen Organisationen teilweise noch sind. Deshalb müsse sich der europäische Football grundsätzlich entscheiden, welche Entwicklung er verfolgen wolle. "Wollen wir einfach nur möglichst viele Teams und möglichst viele Märkte haben? Oder wollen wir langfristig ein Produkt schaffen, bei dem wirklich die besten Organisationen und Spieler Europas gegeneinander antreten?"
Kuhns Antwort darauf ist eindeutig. Nicht möglichst viele Franchises sollen langfristig den Erfolg bestimmen, sondern die Qualität der Organisationen und des Produkts.
Seine Vision läuft damit auf einen europäischen Wettbewerb hinaus, in dem nicht die Größe der Landkarte entscheidet, sondern die besten Teams tatsächlich gegeneinander antreten. Und genau deshalb bleibt für Kuhn die aktuelle Trennung der europäischen Spitze vor allem eines: "eine Schande".
nkr