vor 1 Tag
Macdonald vs. Johnson
Wenn sich die Chicago Bears und die Seattle Seahawks bei Monday Night Football im Lumen Field gegenüberstehen, geht es um weit mehr als den Record in der Tabelle. Mit Ben Johnson und Mike Macdonald treffen zwei der innovativsten jungen Köpfe der gesamten NFL erstmals als Head Coaches aufeinander - ein Duell, das schon vor dem Kickoff als eines der spannendsten taktischen Matchups der Saison gilt.

Insgesamt 20-mal standen sich beide Franchises bereits gegenüber (inklusive zweier Playoff-Spiele), wobei die Seahawks mit 12:8 Siegen knapp die Oberhand behalten. Bislang trafen Johnson und Macdonald allerdings noch nie als Cheftrainer aufeinander.
Als Koordinatoren kreuzten sich ihre Wege bereits zweimal - mit völlig unterschiedlichem Ergebnis. 2023, als Macdonald noch Defensive Coordinator der Baltimore Ravens war, demütigte seine Defense Johnsons Detroit-Offense regelrecht: Die Lions kassierten beim 6:38 ihren Saisontiefstwert, lagen zur Pause bereits mit 0:28 zurück und erzielten erst im vierten Viertel ihren einzigen Touchdown.
Ein Jahr später, 2024, revanchierte sich Johnson eindrucksvoll: Sein Detroit-Angriff zerlegte Macdonalds frisch übernommene Seahawks-Defense mit 42:29 - angeführt von Quarterback Jared Goff, der mit 18 von 18 Pässen einen NFL-Rekord für Passing-Perfektion aufstellte. Es war zugleich der höchste Punktwert, den ein Gegner gegen Macdonalds Seahawks-Defense in dessen erster Saison erzielte.
Was Macdonalds Defense in dieser Saison bislang zeigt, ist dagegen kaum zu toppen. Die Seahawks sind laut ESPN-Reporter Brady Henderson das erste Team seit den Cleveland Browns 1984, das seine ersten sieben Gegner unter 180 Passing-Yards hielt. Gegen Sean Paytons Denver Broncos limitierte Seattles Defense die gegnerische Offense auf nur 2,9 Yards pro Spielzug - den schwächsten Wert in Paytons gesamter 319-Spiele-Trainerkarriere.
Eine Woche später gegen Andy Reids Kansas City Chiefs gelang den Seahawks sogar ein historisches Novum: Erstmals in Patrick Mahomes’ kompletter Karriere (153 Starts) blieb ein Gegner komplett ohne Red-Zone-Trips, zudem erzielten die Chiefs in diesem Spiel keine einzige Explosive Play - ein Novum, das Reid in 488 Trainerspielen zuvor noch nie erlebt hatte. Running Back Kenneth Walker III, Super Bowl MVP mit den Seahawks, kam gegen sein Ex-Team nur auf magere 36 Rushing-Yards. "Wir können spielen. Wir gehen raus, und unser Ziel ist es, euch abzuschalten. Wir können das Licht ausknipsen", sagte Linebacker Ernest Jones IV selbstbewusst.
Für Johnson und die Bears-Offense liegt die zentrale Aufgabe klar auf der Hand: Quarterback Caleb Williams muss in der Pocket gehalten werden. Macdonalds Defense hat bereits bewiesen, dass sie Quarterbacks wie Brock Purdy oder Bo Nix erfolgreich davon abhalten kann, Druck in verlängerte Spielzüge umzuwandeln - die Defensive Line hält konsequent ihre Rush-Lanes, während die Coverage die Quarterbacks zwingt, ihre Progressions systematisch durchzugehen, statt zu improvisieren. Williams stellt dabei jedoch eine andere Herausforderung dar als Mahomes oder Purdy: Mit seiner Athletik kann er Druck entkommen, Spielzüge verlängern und seinen Receivern zusätzliche Zeit verschaffen. Johnson könnte diese Gefahr durch Bootlegs und Play-Action noch verstärken, die den Launch-Point verschieben und Williams einfachere Reads verschaffen.

Eine mögliche Schwachstelle in Seattles ansonsten dominanter Defense zeigte sich zuletzt gegen die Chiefs: Linebacker Ernest Jones tat sich im Eins-gegen-eins gegen Tight Ends schwer, Travis Kelce und Noah Gray waren Kansas Citys produktivste Receiving-Optionen. Genau hier könnte Chicago mit Colston Loveland ansetzen, der in sieben Spielen bereits 26 Catches für 244 Yards und zwei Touchdowns sammelte und Williams eine verlässliche Anlaufstelle im Mittelfeld bietet.
Auch im Laufspiel dürfte sich die Partie als Geduldsprobe entwickeln. Chicago verfügt mit D’Andre Swift (476 Yards, sieben Touchdowns) und dem für Montag ausgefallenen Kyle Monangai über ein produktives Duo, das die gegnerische Defense konstant unter Druck setzen soll. Die Seahawks wiederum zeigten gegen Kansas City mit Running Back Emanuel Wilson (100 Yards bei 24 Versuchen, besonders stark in den letzten drei Drives), wie wichtig konstante kleine Raumgewinne gegen eine aggressive Defense sein können - auch um Chicagos Defensive Coordinator Dennis Allen keine offensichtlichen Passsituationen zu bescheren.
Apropos Allen: Auch auf der anderen Seite des Balls wird es spannend. Der Bears-Defensive-Coordinator verfügt mit Cornerback Kyler Gordon über einen vielseitigen Blitz-Spezialisten, der aus der Slot-Position heraus für Verwirrung sorgen kann - verstärkt durch den jüngsten Trade-Neuzugang Jeffery Simmons, der als Interior-Pass-Rusher auch ohne Blitz enormen Druck erzeugen kann. Für Seahawks-Quarterback Sam Darnold, der in dieser Saison bereits acht Interceptions geworfen hat, wird es entscheidend sein, Allens Pressure-Pakete frühzeitig zu erkennen und sauber zu reagieren.
Für Seattle geht es bei diesem Duell auch darum zu beweisen, dass der dominante Auftritt gegen die Chiefs kein Einzelfall war - ein Sieg würde zudem wichtig für das enge Wild-Card-Rennen sein, in dem die Seahawks und Rams sich womöglich direkt mit Teams aus der NFC North duellieren müssen. Für die Bears wiederum wäre ein Erfolg bei den amtierenden Super-Bowl-Champions das bislang deutlichste Zeichen, dass Chicago unter Johnson zu einem echten Titelanwärter geworden ist - nicht nur in der NFC, sondern ligaweit.
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Autor: Marc Gschwentner