27.04.2026
Football-Neuling
Er kommt aus einem kleinen Dorf in Nigeria, hat bisher kaum American Football gespielt und hat beim Draft dennoch seinen Namen gehört. Uar Bernard ist laut Experten das explosivste athletische Talent, das die NFL-Welt seit Jahren gesehen hat. Eine Geschichte über einen außergewöhnlichen Körper, einen langen Weg und einen Traum, der wahr wird.

Sechs Prozent Körperfettanteil. Ein Weitsprung von 3,30 Metern (10'10"). Ein 40-Yard-Dash in 4,63 Sekunden. Bei einem Gewicht von 139 Kilogramm (306 lbs). Die Zahlen, die Uar Bernard beim NFL HBCU Showcase in der vergangenen Woche produziert hat, klingen wie aus einem Videospiel. Doch sie sind real, und sie haben in der gesamten NFL-Welt für Aufsehen gesorgt. Bruce Feldman, Senior Writer bei The Athletic, bekannt unter anderem für seine jährliche „Freaks List" der athletisch außergewöhnlichsten Collegespieler, hat Bernards Geschichte exklusiv für das Magazin aufgearbeitet und dabei ein Talent porträtiert, das selbst erfahrene Coaches und Scouts sprachlos macht.
Beim Showcase wurde Bernard als 1,96 Meter groß (6'4½") mit 27,9 Zentimeter großen Händen (11 Zoll) und einer Armspanne von knapp 91 Zentimetern (36 Zoll) gemessen. Sein Weitsprung von 3,30 Metern (10'10") war satte 35 Zentimeter (14 Zoll) weiter als der des nächstbesten Defensive Tackles beim NFL Combine in diesem Jahr. Sein Vertikalsprung: 99 Zentimeter (39 Zoll). Zum Vergleich: Ein 111 Kilogramm schwerer (245 lbs) Edge Rusher, den Athletiktrainer Jordan Luallen ebenfalls auf den Draft vorbereitet hat, kam auf 104 Zentimeter (41 Zoll) und gilt bereits als außergewöhnlicher Athlet. Bernard erreicht einen ähnlichen Wert bei über 28 Kilogramm mehr Körpergewicht.
Luallen, der in seiner Karriere einige der körperlich bemerkenswertesten Talente im Vorfeld des NFL Drafts betreut hat, findet für Bernard nur Superlative. „Ohne jeden Zweifel ist er der explosivste Athlet, den ich in meinem Leben je gesehen habe", sagte er gegenüber The Athletic. „Er ist 3,30 Meter (10'10") weit gesprungen, und es wirkte mühelos. Bei 139 Kilogramm (306 lbs). So etwas habe ich noch nie gesehen."
Quarterback-Coach George Whitfield, der beim HBCU Showcase die Offense-Drills leitete, konnte nach Abschluss seiner eigenen Arbeit schlicht nicht wegschauen, als Bernard das Feld betrat. Sein Vergleich: „Es ist wie Victor Wembanyama zuzuschauen. Er ist 1,96 Meter groß (6'5"), wiegt fast 140 Kilogramm (310 lbs) und hat sechs Prozent Körperfett. Nicht mal NBA-Spieler haben sechs Prozent Körperfett."
Was Bernards Geschichte so besonders macht, ist nicht nur sein Körper, sondern der Weg, den er hinter sich hat. Aufgewachsen in einem kleinen Dorf in Nigeria, wo die meisten Menschen als Bauern arbeiten, hatte der heute 21-Jährige ursprünglich völlig andere Pläne. Er wollte eigentlich in der Immobilienbranche Fuß fassen. Sein Vater, ein Polizist, verstarb, als Bernard 16 Jahre alt war.
Nach diesem Verlust suchte er nach einem neuen Weg. Beim Basketball wurde er von einem Trainer entdeckt, der ihm empfahl, American Football auszuprobieren. Nach mehreren Camps in Afrika wurde Bernard schließlich in das International Player Pathway Programm (IPP) der NFL aufgenommen, das in den vergangenen zehn Jahren bereits zahlreiche Spieler in NFL-Kader gebracht hat. Der bekannteste Absolvent des Programms: Jordan Mailata, heute Starting Offensive Tackle bei den Eagles. Genau auf diesen trifft Bernard nun in Philadelphia, die beiden werden in der Offseason gemeinsam trainieren.

Am 18. Januar begann Bernard sein gezieltes Draft-Training mit Luallen in Florida. Zu diesem Zeitpunkt wog er laut Feldman 134 Kilogramm (295 lbs) bei elf Prozent Körperfett, sprang 81 Zentimeter (32 Zoll) vertikal nach oben und 2,84 Meter (9'4") weit. Was in den folgenden zehn Wochen passierte, beschreibt Luallen als einmalig in seiner Karriere. „Er war bereits hochtalentiert, als er reinkam, aber er hat sich in allen Bereichen erheblich verbessert. Er ist unglaublich flexibel und mittlerweile deutlich flüssiger in seinen Bewegungen." Parallel zur physischen Vorbereitung arbeitet das IPP-Programm mit seinen internationalen Talenten auch an Football-IQ und positionsspezifischen Techniken.
Dass Bernards Auftritt beim Showcase kein Geheimnis geblieben ist, bestätigte Steve Wyche, Chief National Reporter von NFL Network, auf der Plattform X: „Ein Head Coach und ein General Manager, mit denen ich bei den Liga-Meetings in Phoenix gesprochen habe, erhielten Live-Berichte ihrer Scouts von diesem Workout in der Washington-Area, inklusive Fotos. Zu sagen, dass ihr Interesse geweckt wurde, wäre eine Untertreibung." Dane Brugler, NFL Draft-Analyst bei The Athletic, bestätigte ähnliche Reaktionen aus der Liga. Das Interesse ist real, und es kommt von ganz oben.
Skyler Fulton, der Leiter des IPP-Programms, erwartet laut Feldmans Bericht, dass Bernard gemeinsam mit dem ebenfalls außergewöhnlichen Edge Rusher Josh Weru am dritten Tag des Drafts in Pittsburgh seinen Namen hören wird.
Vor dem Programm schlief Bernard buchstäblich im Gym, trainierte dort und gab anschließend selbst anderen Trainingseinheiten. Seine größte Motivation ist seine Mutter, mit der er nach eigenen Angaben täglich spricht. „Das alles ist so unwirklich. Es ist, als würde ich in meinem Traum leben. Ich kann es kaum erwarten, noch mehr Arbeit reinzustecken", sagte er. Auf die Frage, was es für ihn bedeuten würde, gedraftet zu werden, antwortete Bernard schlicht: „Das wäre wie ein erhörtes Gebet für mich."
Uar Bernard ist weit entfernt von einem fertigen Spieler. Sein Football-IQ und seine Technik sind noch in der Entwicklung, und der Sprung vom internationalen Programm ohne nennenswerte Football-Erfahrung in den NFL-Alltag ist immens. Das haben die vergangenen Jahre eindrucksvoll bewiesen. Doch was er körperlich mitbringt, ist in dieser Form so noch nie da gewesen. Wenn sein athletisches Potenzial in seiner Gänze in Spielleistung übersetzt werden kann, könnte die NFL gerade dabei zuschauen, wie ein zukünftiger Star seine ersten Schritte macht.
Die Eagles entschieden sich in Runde 7 an Position 251 für das junge Talent und setzen damit erneut auf einen potentiellen Zufallsfund. General Manager Howie Roseman erklärte im Anschluss: "Wir wollten dem Jungen eine Chance geben." Gleichzeitig scheint dem Philly-Front Office durchaus bewusst zu sein, dass Bernard ein Langzeitprojekt ist. Was daraus aber im Best Case werden kann, haben die Eagles mit Jordan Mailata eindrucksvoll gezeigt. Dass der Nigerianer in die Fußstapfen des Offensive Tackles treten kann, ist unwahrscheinlich, aber sein athletisches Potenzial gibt ihm vor allem eines: Hoffnung.
val