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49ers müssen von Verletzungen verschont bleiben
Die San Francisco 49ers peilen in der kommenden Saison den sechsten Super-Bowl-Triumph an. In den letzten Jahren scheiterte das Team aus der Bay Area oftmals knapp - auch aufgrund von Verletzungen. Nun nimmt das Franchise einen neuen Anlauf.

Die Ära Kyle Shanahan geht in ihre zehnte Saison und kaum ein Franchise war einem Super-Bowl-Titel in den vergangenen Jahren so nahe wie die San Francisco 49ers. Viermal stand das Team seit 2019 vor dem großen Wurf, viermal folgte die Enttäuschung: Super-Bowl-Niederlage 2019, NFC-Championship-Game-Niederlage 2021 und 2022 sowie erneut ein verlorener Super Bowl 2023 gegen die Kansas City Chiefs. Zweimal verspielten die 49ers dabei eine zweistellige Führung im Endspiel.
Nur wenige Fanbases haben in den letzten Jahren so viele bittere Niederlagen verdauen müssen wie die Anhänger der 49ers. Seit 1995 warten die "Faithful" vergeblich auf die sechste Vince Lombardi Trophy.
Seit mehreren Jahren sind die Niners nicht nur dem großen Traum ganz nah, sondern auch bezüglich des Themas Verletzungspech Jahr für Jahr prominent vertreten. In der Saison 2025 erreichte die ohnehin lange Verletzungshistorie einen neuen Höhepunkt. Defensiv fehlten mit Nick Bosa und Fred Warner zwei Superstars über weite Strecken der Saison. Zwei Ausfälle, die sie über die gesamte Saison nicht kompensieren konnten, weswegen die Mannschaft regelmäßig defensiv an ihre Grenzen kam.
Offensiv verpasste der Franchise-Quarterback Brock Purdy sechs Spiele und wurde dabei von seinem Backup Mac Jones ersetzt. Außerdem hatte man mit zahlreichen Ausfällen auf der Wide-Receiver-Position zu kämpfen.

Trotz all dieser Umstände erreichte das Team von Head Coach Kyle Shanahan in der Regular Season zwölf Siege und zog damit in die Postseason ein. In den Playoffs gewann das Team zunächst in der Wild Card Round gegen die Philadelphia Eagles, ehe in der Divisional Round gegen den späteren Super Bowl Champion aus Seattle das Aus folgte.
Kaum eine Geschichte der jüngeren NFL ist außergewöhnlicher als jene von Brock Purdy. Als "Mr. Irrelevant" in die NFL gekommen, hat er sich längst zum Gesicht der 49ers entwickelt.
Die Diskussionen um Purdy waren über all die Jahre groß. In der letzten Saison konnte er aber eindrucksvoll beweisen, dass sein Erfolg nicht nur von dem System und seinen Playmakern abhängig ist. Purdy musste über weite Strecken der Saison ohne seine gewohnten Receiver auskommen. Nummer-1-Receiver Brandon Aiyuk fiel die gesamte letzte Saison verletzungsbedingt aus, und auch Ricky Pearsall stand lediglich in zehn Spielen auf dem Platz. Tight End George Kittle verpasste mehrere Partien und riss sich darüber hinaus in den Playoffs auch noch die Achillessehne.
Trotz eigener Verletzungssorgen blieb Purdy der konstante Faktor in der Offense. Gerade in der zweiten Saisonhälfte kreierte Purdy auch außerhalb der Struktur und hielt die Offense trotz personeller Ausfälle auf Top-Niveau.
Kyle Shanahan gilt seit Jahren als einer der besten und innovativsten offensiven Playcaller in der NFL. Seine Offense lebt von Timing, Antizipation und der Fähigkeit des Quarterbacks, Defenses innerhalb von Sekundenbruchteilen zu lesen. Genau hier liegen die Stärken von Purdy, dessen Timing, Antizipation und Passgenauigkeit zu den besten in der NFL gehören.

Dass dieses Duo funktioniert, unterstreichen auch die Zahlen. Trotz zahlreicher Ausfälle gehörte die 49ers-Offense erneut zu den produktivsten der Liga. Mit 25,7 Punkten pro Spiel lag man in der vergangenen Saison auf Platz 10, bei den Total Yards belegte das Team Rang 7. Besonders beeindruckend war die Third-Down-Quote im Liga-Vergleich: mit 49,8 Prozent lagen die 49ers hier auf dem 1. Platz.
Auch Purdys individuelle Zahlen zeigen, wie effizient der Quarterback trotz seiner Verletzung und der Ausfälle um ihn herum agierte. Mit einem Total QBR von 72,8 lag er ligaweit auf Platz 2. Hinzu kommt ein Passer Rating von 100,5 und eine Completion Rate von 69,4 Prozent. Die Schwächen seiner Offensive Line im Pass-Blocking kaschierte er zudem beeindruckend: Die beste Pressure-to-Sack-Rate aller Spielmacher der Liga (neun Prozent laut PFF) spricht hier für sich.
Auch vor der Saison 2026 zählt San Francisco zum Kreis der Favoriten in der NFC. Der erfahrene Kern der 49ers ist weiterhin vorhanden, gleichzeitig sollen jüngere Spieler mehr Verantwortung übernehmen. Offensiv setzt das Team aus Kalifornien weiterhin auf Routine und Erfahrung, während es in der Defense einige Fragezeichen gibt.
Dort gab es einen Wechsel auf der Coordinator-Ebene: Raheem Morris, ehemaliger Head Coach der Atlanta Falcons, übernimmt nach dem Abgang von Robert Saleh. Morris gilt als flexibler Coach, der sein System an das vorhandene Personal anpassen kann. Wie stark er das Scheme verändert, bleibt abzuwarten.

Zentrale Figuren für den Erfolg der Defense bleiben Fred Warner und Nick Bosa. Beide gehören auf ihrer Position zur absoluten NFL-Elite. Während Warner bereits zum Saisonende wieder fit war, arbeitet Bosa nach seinem dritten Kreuzbandriss noch an seinem Comeback. Laut General Manager John Lynch soll er aber in Woche 1 wieder einsatzbereit sein.
Die größte Baustelle in der Defense bleibt die Secondary, die bereits im Vorjahr einige Probleme hatte. Das Front Office setzt hier das Vertrauen weiterhin in die junge und entwicklungsfähige Gruppe an Defense-Spielern aus dem letzten Jahr, von der sich die Organisation den nächsten Schritt in puncto Konstanz und Leistungsfähigkeit erwartet.
Hinzu kommt eine Defensive Line, die im letzten Jahr ohne Bosa historisch schwach performte. Mit nur 20 Sacks stellte man den schwächsten Pass Rush der gesamten NFL. Der Fokus in der Offseason lag daher eindeutig auf ebenjener Positionsgruppe. Mit Defensive Tackle Osa Odighizuwa kam ein hochkarätiger Spieler per Trade aus Dallas, und im NFL Draft 2026 wählten die 49ers in der dritten Runde mit Romello Height von Texas Tech einen der besten reinen Pass Rusher der gesamten Draftklasse aus.
Offensiv ist das Team rund um Purdy auf so gut wie jeder Position sehr stark besetzt. Mit Christian McCaffrey, Mike Evans, Ricky Pearsall und - sofern rechtzeitig fit - George Kittle verfügt Shanahan über genügend Qualität, um Defenses vor große Probleme zu stellen. Gleichzeitig eint diese Gruppe aber ein Risiko: Alle haben in den vergangenen Jahren immer wieder verletzungsbedingt gefehlt. Gleiches gilt für Left Tackle Trent Williams, der mit 38 Jahren weiterhin unverzichtbar ist.
Die Qualität des Rosters steht somit auch 2026 außer Frage. Doch kein anderes Spitzenteam wurde in der Vergangenheit so oft von Verletzungen heimgesucht wie die San Francisco 49ers. Sollte es diesmal gelingen, die Schlüsselspieler über weite Strecken der Saison gesund zu halten, dann gehören die 49ers auch in der nächsten Saison ohne Zweifel zum engsten Favoritenkreis in der NFC.
Lars Riedenklau