vor 22 Stunden
Krachende Bruchlandung in Australien
Die hoch gehandelten L.A. Rams haben beim historischen NFL-Spiel in Melbourne eine krachende Bruchlandung erlebt. Matthew Stafford blieb beim 7:27 ohne Touchdownpass, während Brock Purdy und eine bärenstarke Defense San Francisco zu einem souveränen Auftaktsieg führten.

Nach dem dramatischen, offensiv aber lange zähen NFL-Auftakt zwischen Seattle und New England sollte die historische Premiere in Melbourne mehr Highlights liefern. Im eigentlich für Cricket und Australian Football bekannten Melbourne Cricket Ground fand erstmals ein NFL-Regular-Season-Spiel statt.
Schon der erste Pass des amtierenden Liga-MVPs deutete an, was für einen gebrauchten Tag Matthew Stafford erwischen würde: Rückkehrer Fred Warner bekam seinen Ball beinahe direkt in die Hände, konnte die mögliche Interception jedoch nicht festhalten. Die Rams mussten wenig später punten, während San Francisco mit einem Drive über 15 Spielzüge antwortete.
Star-Neuzugang Mike Evans, der nach zwölf Spielzeiten bei den Tampa Bay Buccaneers in der Offseason erstmals in seiner NFL-Karriere das Team gewechselt hatte, fing dabei gleich für drei neue First Downs. Erst an der Zwei-Yard-Linie hielt die Rams-Defense am Ende stand.
Beim anschließenden Kick durch die Stangen galt im MCG der NFL-Tarif: drei Punkte für Eddy Piñeiro - im Australian Football wäre ein Treffer zwischen den mittleren Pfosten sechs wert gewesen.
Die Rams-Offense blieb nach dem 0:3 zunächst blass, ehe kurz vor Ende des ersten Viertels das erste "Puka-Special" der Saison folgte. Wide Receiver Nacua fing Staffords Pass für 41 Yards und erlief davon 24 nach dem Catch. Kyren Williams tankte sich anschließend aus fünf Yards zum 7:3 in die Endzone. Es war der erste Touchdown eines NFL-Regular-Season-Spiels auf australischem Boden.
Danach tauschten die beiden Quarterbacks kostspielige Fehler aus. Purdy las die Zone Coverage falsch, rechnete mit einem freien George Kittle und übersah so Quentin Lake, der den Pass praktisch direkt zur Interception serviert bekam. Die Rams konnten das Geschenk jedoch nicht nutzen: Nach vier Läufen von Blake Corum für 34 Yards geriet Staffords tiefer Pass auf Nacua deutlich zu kurz. Renardo Green fing ihn im Rückwärtsfallen an der eigenen 13-Yard-Linie ab.
Purdy antwortete mit einem perfekten 39-Yard-Pass über Jaylen Watson hinweg auf Demarcus Robinson zum 10:7. Überschattet wurde der Niners-Drive aber von einer Verletzung: Preseason-Entdeckung De’Zhaun Stribling musste behandelt werden. Wenig später zeigten die TV-Kameras, wie der Zweitrundenpick per Cart abtransportiert wurde.
Stafford fand danach, anders als Purdy, weiterhin keinen Rhythmus. Mehrere seiner Pässe gerieten ungewohnt unpräzise, ein weiterer davon wurde beinahe abgefangen. Der amtierende MVP brachte vor der Pause nur vier seiner elf Versuche für 65 Yards an, was die Rams erneut zum Punt zwang.

Im letzten Drive vorm Kabinengang erwischte es mit Jake Tonges den nächsten Spieler der 49ers. Der Tight End konnte kaum noch auftreten und musste gestützt vom Feld. San Francisco arbeitete sich dennoch bis an die Mittellinie vor, ehe ausgerechnet Evans beim 3rd & 3 seinen ersten Pass fallen ließ.
Die Rams bekamen den Ball mit 20 Sekunden und allen drei Timeouts zurück, doch Head Coach Sean McVay entschied sich angesichts von Staffords Fehlstart dazu, lieber nichts mehr zu riskieren. So führte San Francisco zur Halbzeit mit 10:7.
Purdy hatte den brutalen Pass Rush um Myles Garrett mit schnellen Pässen weitgehend neutralisiert, keinen Sack kassiert und fünf von acht Third Downs verwandelt. Ohne seine Interception und Evans’ Drop hätte die Führung sogar deutlicher ausfallen können.
Die musikalisch geprägte Pause gehörte den Jonas Brothers, die im Zuge ihrer Halftime-Show mit "Burnin’ Up" starteten und spätestens bei ihrem Nummer-eins-Hit "Sucker" das gesamte Stadion auf ihrer Seite hatten. Auch die Rams-Fans feierten weiter - schließlich bekamen die Einheimischen an diesem Morgen erstmals ein NFL-Saisonspiel aus nächster Nähe zu sehen.
Auf dem Feld kühlte San Francisco ihre Hoffnungen jedoch schnell wieder ab. Heimkehrer Deebo Samuel trug den Kickoff über 45 Yards bis an die Mittellinie, McCaffrey legte mit zwei Läufen für 30 Yards nach. Den Drive vollendete Evans im direkten Duell mit Watson mit seinem ersten Touchdown als 49er zum 17:7.
Stafford fand anschließend erstmals seinen Rhythmus und führte L.A. vor allem im Zusammenspiel mit Nacua bis an die Ein-Yard-Linie. Bei 4th & Goal setzte McVay auf einen Quarterback Sneak, doch das Goal-Line-Bollwerk der 49ers stoppte Stafford wenige Zentimeter vor der Endzone.
Purdy und Co. marschierten in der direkten Folge 99 Yards, ehe Samuel zum 24:7 fing - und so die Kirsche auf sein zweites 49ers-Debüt setzte. Kurz darauf schlug Warner Rams-Receiver Tyler Higbee auch noch den Ball aus den Armen, Keion White sicherte den Fumble. Piñeiro bestrafte auch diesen Fehler mit einem 56-Yard-Field-Goal zum 27:7.
Als Staffords Pass beim nächsten vierten Versuch unvollständig blieb, schwand knapp acht Minuten vor Schluss auch die letzte Hoffnung der Rams. Im MCG wurde trotzdem weitergefeiert - die historische Football-Party war längst größer als der zunehmend einseitige Spielstand.
Piñeiro hatte sogar noch die Chance auf das 30:7, setzte seinen Versuch aus 52 Yards jedoch an die rechte Stange. McVay hatte nun genug gesehen und ließ die letzten dreieinhalb Minuten von den Backups zu Ende spielen. Am deutlichen 27:7 änderte sich nichts mehr. Purdy beendete die Partie mit starken 25 von 34 angekommenen Pässen für 205 Yards und 3 Touchdowns. Einziges Makel blieb seine vermeidbare Interception im zweiten Viertel.
Für die mit gewaltigen Vorschusslorbeeren und himmelhohen Erwartungen gestarteten Rams endete das Australien-Abenteuer damit in einer krachenden Bruchlandung. Stafford brachte lediglich 15 von 25 Pässen für 155 Yards an, warf eine Interception und blieb ohne Touchdownpass. Damit riss seine Serie von 17 Regular-Season-Spielen mit mindestens einem Touchdownpass.
San Francisco setzte dagegen direkt ein Ausrufezeichen - ganz ungetrübt war der Erfolg durch die Verletzungen von Rookie Stribling und Tight End Tonges allerdings wieder nicht. Die Verletzungssorgen, die die 49ers seit Jahren verfolgen, sind damit auch zum Start der neuen Saison sofort wieder da.
In Woche zwei empfängt das Team von Head Coach Kyle Shanahan die Miami Dolphins. Die Rams bekommen gegen die New York Giants vor eigenem Publikum die erste Gelegenheit, ihren völlig misslungenen Saisonstart zu korrigieren.
mhh