17.03.2026
NFL-Kolumne von Adrian Franke
Einer der interessantesten Parts der Offseason ist dieser: Weil Teams in der Free Agency und im Draft gezwungen sind, in Form ihrer Handlungen und Investitionen zumindest ein Stück weit die Karten auf den Tisch zu legen, bekommt man Einblicke darin, wie einzelne Franchises sich selbst einschätzen. Das sorgt häufig für mehr Klarheit in der ersten Free-Agency-Woche - aber nicht immer. Bei einigen Teams gibt es nach den letzten Tagen sogar mehr Fragen als Antworten.

Die Timeline der Chiefs hätte man nach dem Ende der vergangenen Saison relativ klar interpretieren, und dementsprechend daraus Schlüsse für die anstehende Offseason ziehen können. 2025 war in jeder Hinsicht eine Enttäuschung. Als sich dann auch noch Patrick Mahomes Mitte Dezember das Kreuzband riss, wurde aus einer enttäuschenden Saison ein desaströses Jahr, das womöglich bis in die kommende Saison noch Auswirkungen haben könnte.
Ohne die vielen knappen Siege in engen Spielen, bekam man in der vergangenen Saison ein deutlich realistischeres Bild vom Kader der Chiefs. Und damit eben auch davon, wo die Chiefs aktuell stehen und was der wahre Ist-Zustand in Kansas City ist: Der eines Teams, das nach so vielen Jahren mit anhaltendem Erfolg einen gut koordinierten Umbruch bewerkstelligen muss. Kein kompletter Rebuild, in so einem befindet man sich mit Mahomes in dessen Prime nie. Aber eben ein erneutes Aufladen, um bald wieder nach einem Ring greifen zu können.
Denn für den Moment wirkte es wie ein Team, das alt geworden ist. Und dessen Baustellen sich nicht mehr leugnen lassen.
Zum Beispiel auf Outside Receiver. Right Tackle. Der Pass-Rush-Spot gegenüber von George Karlaftis war ein anhaltendes Problem, genau wie Tiefe in der Defensive Line. Ein Plan für die Nachfolge von Travis Kelce. Das Backfield der Chiefs war zudem das schlechteste Backfield in der NFL.
2024 wurde in der Regular Season viel mit einer historischen Anzahl enger Siege kaschiert, gefolgt von Playoffs mit Mahomes, Chris Jones, Travis Kelce und Xavier Worthy in Topform. Die deutliche Niederlage im Super Bowl gegen die Eagles unterstrich, dass die Chiefs nicht das Team sind, das der simple Blick auf ihr Record nahelegen würde. 2025 sorgte für eine unerwartet harte Landung auf dem Boden der Tatsachen.
Der Start der Free Agency ließ vermuten, dass man in Kansas City zu einem ähnlichen Schluss gekommen ist. Dass man sich neu sortieren muss.

Der Trade von Cornerback Trent McDuffie nach Los Angeles bringt den Chiefs Erst-, Fünft- und Sechstrunden-Picks in diesem Jahr sowie einen Drittrunden-Pick nächstes Jahr ein. Das ist ordentlich Munition, um sich neu aufzustellen. So wie 2022, als Kansas City nach dem Tyreek-Hill-Trade unter anderem Trent McDuffie, George Karlaftis, Bryan Cook, Leo Chenal und Jaylen Watson in einem Draft auswählte. Es war ein Draft, der den Chiefs ein neues Gerüst gab.
Soweit also nachvollziehbar. Watson, Cook und Chenal ließen die Chiefs in dieser Free Agency ebenfalls gehen. Die starke 2022er Klasse ist also abgesehen von Karlaftis weitestgehend weg. Dazu wurde Right Tackle Jawaan Taylor aus Cap-Gründen entlassen.
Hätte Kansas City diese Strategie konsequent weitergefahren, würden wir hier von attraktiven Compensatory Picks im 2027er Draft und einem kalkulierten Übergangsjahr 2026 sprechen, in dem man auch Mahomes bedenkenlos Zeit im Reha-Prozess gibt. Um dann 2027 mit einem robusten Cap und einem starken Pick-Arsenal wieder auf Angriff zu schalten.
Doch dazu passt es nicht, den teuersten Running-Back-Deal der Free Agency rauszuhauen, um sich Kenneth Walker zu sichern. Dazu passt es nicht, mit Travis Kelce nochmal für ein Jahr zu verlängern. Dazu passt es nicht, mögliche Compensatory-Picks durch Verträge für Alohi Gilman und Khyiris Tonga zu neutralisieren.
Und so steht Mitte März ein Chiefs-Team, das mehr Fragezeichen als Antworten aufgibt. Charles Omenihu ließ man ebenfalls ziehen, sodass außerhalb von Karlaftis der Edge-Rush komplett brach liegt. Rashee Rice könnte eine weitere Sperre drohen, was die ohnehin dünne Receiver-Position noch weiter schwächt. Und nach den Abgängen von McDuffie und Watson ist Cornerback ein großes Fragezeichen.
Also - was sind die 2026er Chiefs? Ist das plötzlich eine Run-lastige Offense? Unter Andy Reid? Wie sieht die Tackle-Situation aus? Wie wollen sie mit der immer noch limitierten offensiven Feuerkraft das kompensieren, was defensiv jetzt droht? Wo kam die Bereitschaft, in Teilen des Kaders kurzfristig zu denken, her?
Mit zwei Picks in der ersten Runde können die Chiefs Ende April einige dieser Fragen beantworten. Zwei Treffer hier, ähnlich wie 2022, und die Idee eines schnellen Turnarounds geht vielleicht auf.
Es ist aber ein sehr kleines Nadelöhr, dass Kansas City hierfür treffen muss.
Rein nach Quarterback-Pressures haben sich die Cowboys Stand heute in dieser Offseason von ihrer Vorjahres-Nummer-1 (Osa Odighizuwa/52 Pressures), Nummer 3 (Jadeveon Clowney/40) und Nummer 6 (Dante Fowler/30) getrennt. Sie haben dafür Rashan Gary geholt und scheinen innen mehr auf eine 3-4-Base zu setzen, was die Entscheidung, Odighizuwa wegzutraden, vermutlich einfacher machte.
Aber die Defensive Line der Cowboys wurde damit nicht besser. Rashan Gary ist bestenfalls der Ersatz für Jadeveon Clowney, womit immer noch jede Menge individuelle Qualität fehlt, die letztes Jahr noch da war. Und das bereits in einer Defense, die massive Probleme hatte. Eine Defense, deren Mission es ist, mehr Stabilität zu gewinnen, um die eigene Offense zu entlasten.
Jalen Thompson auf Safety ist das eine klare Upgrade für die Cowboys-Defense, die im Zuge der Umbaumaßnahmen auch schlicht viele Snaps ersetzen muss. Thompson ersetzt Donovan Wilson, der letztes Jahr 918 Defense-Snaps gespielt hat. In der Front waren Odighizuwa (691 Snaps), Clowney (372) und Fowler (358) feste Größen.
Ich würde die größte Frage bei den Cowboys so formulieren: Wie viel "anders" ist das Team heute als nach Woche 18? Wie viele der notwendigen Veränderungen haben sie bereits erreicht? Haben sie sich überhaupt verbessert? Wie weit sind sie auf dem Weg, die Defense zumindest so kompetitiv zu machen, dass die Offense das Team in die Playoffs befördern kann?
Wir wissen, dass die Cowboys eine sehr gute Offense haben. Und wir wissen, dass sie eine sehr schlechte Defense haben. Konkret 2025 hieß das: Platz 32 in Expected Points Added pro Spiel. Platz 31 in Success Rate. Platz 32 in zugelassenen Punkten pro Spiel (30,1), Platz 30 in zugelassenen Yards pro Spiel (377).
Vielleicht ist Christian Parker mit gerade einmal 34 Jahren der jüngste Defensive Coordinator in der Geschichte der Cowboys, die Antwort. Parker war über die letzten beiden Jahre bei den Eagles unter Vic Fangio, unter dem er bereits 2021 in Denver als Defensive Backs Coach gearbeitet hat.
Womöglich hat er Ideen, um mehr aus der individuellen Qualität herauszuholen. Stand heute arbeitet er aber sogar noch mit weniger Qualität als sein Vorgänger Matt Eberflus in der vergangenen Saison.

Als der Trade der Ravens für Maxx Crosby bekannt wurde, schien es wie das richtige Maß an Aggressivität zum richtigen Zeitpunkt. Zu häufig waren die Ravens in den Playoffs immer wieder gescheitert. Es war offensichtlich, dass dem Team ein Top-Level-Impact-Spieler fehlte, um in der Postseason den nächsten Schritt machen zu können. Ein Star-Receiver oder Star-Pass-Rusher, der im Januar den Unterschied machen kann. Um nicht die Prime von Lamar Jackson kommen und gehen zu sehen, ohne, dass man es auch nur ein Mal überhaupt in den Super Bowl geschafft hat.
Crosby war der Move dafür. Ein Top-Pass-Rusher noch in seiner Prime, der mit seinen Qualitäten als vielleicht bester Run-Defending-Edge ligaweit ideal in die Defense von Jesse Minter passt. Ein echter "Fehlendes-Puzzleteil"-Move.
Seitdem ist natürlich viel passiert. Nicht nur, dass statt Crosby jetzt Trey Hendrickson in Baltimore ist, sondern auch drum herum. Als die Crosby-News initial berichtet wurde, bin ich davon ausgegangen, dass das eine Art Angriffssignal ist. Dass dann auch Spieler wie Tyler Linderbaum, vielleicht Isaiah Likely gehalten werden. Dass man jetzt "richtig" angreift und dementsprechend investiert.
Doch auch das passierte nicht. Linderbaum und Likely sind weg, genau wie unter anderem Dre’Mont Jones, Patrick Ricard, Jordan Stout, Ar’Darius Washington und Keaton Mitchell. Einzig die Abgänge von Charlie Kolar und Alohi Gilman hat man direkt mit Durham Smythe und Jaylinn Hawkins kompensiert.
So steht jetzt ein Team, das mit John Simpson und Andrew Vorhees oder Emery Jones auf Guard in die Saison gehen wird. Mit potenziell einem Rookie-Center dazwischen. Die Interior Offensive Line war schon letztes Jahr ein großes Problem, jetzt könnte sie noch schlechter sein.
Mark Andrews wird 31 im September, Derrick Henry wird im Juli 32. Das sind zwei der drei wichtigsten Playmaker in der Offense, der eine echte Nummer-1-Option im Passing Game weiterhin fehlt.
Die Ravens werden trotz alledem gut sein. Ich sehe sie als ein klares Playoff-Team. Und Minter sollte mehr aus der Defense herausholen können. Aber wie lange dauert es, bis man einen kleinen Umbruch einleiten muss? Wie lange sind Henry, Andrews, Hendrickson selbst, oder auch Roquan Smith noch Spieler, die ein Team in einen Super Bowl tragen können? Ist Nnamdi Madubuike überhaupt noch ein realistischer Teil der Pläne?
Hat Baltimore vor diesem Hintergrund die richtigen Entscheidungen in den letzten beiden Wochen getroffen? Ergibt mit Blick auf den Kader die Verpflichtung von Hendrickson überhaupt Sinn?
Nach all dem Auf und Ab rund in Baltimore über die letzten zwei Wochen lande ich bei einem Team, dessen Titelfenster sich nicht wirklich großartig anders gestaltet als noch vor einem Jahr. Das ist nicht das, was ich dachte, wo ich mit den Ravens landen würde, als initial die Einigung über den Crosby-Trade bekannt wurde.
Adrian Franke