11.05.2026
Rückblick auf Woche 1
Der Startschuss der besten German Football League seit Jahren ist gefallen. Am Samstag startete die Liga mit 6 Spielen parallel.

Ich hatte mich im Studio der GFL-Konferenz kaum in Position gebracht, da war es eines der Aushängeschilder der Liga, das seinen 37-Yards-Lauf in der Münchener Endzone beendete und den ersten Touchdown der GFL-Saison 2026 erzielte. University of South Florida Runningback Kelley Joiner Jr. brachte die Schwäbisch Hall Unicorns früh auf die Anzeigetafel und setzte den Startpunkt einer sehnsüchtig erwarteten Saison. Wir blicken gemeinsam auf alle Spiele in Woche 1.
Willkommen in der GFL, Nic Semptimphelter. Der Münchner Quarterback führte 2025 alle Quarterbacks im College Football in Completion Percentage an. Kein Mendoza, kein Simpson oder Manning - Nic Semptimphelter. Davon war in Woche 1 wenig zu sehen. Im College an der John Carroll University spielte er in einer außergewöhnlichen Offense mit viel krassem Kurzpassspiel, ein Luxus, den er in der GFL nicht hat. Die Schwäbisch Hall Unicorns erzielten in Woche 1 nicht einen, nicht zwei, sondern drei Interception-Return-Touchdowns. Dazu kam ein Safety. Insgesamt bedeutete das vier Defensive Scores und 21 Defensive Points für die Unicorns. GFL-Legende Monteze Latimore steuerte selbst gleich zwei Interception-Return-Touchdowns bei und verewigte sich damit in den Geschichtsbüchern der Liga. Kein Spieler in der GFL hat jemals mehr Interceptions gefangen als Latimore. Damit überholt Latimore seinen eigenen Defensive Coordinator, der die Liga zuvor in Interceptions anführte (29).
Schwäbisch Hall pflegt zudem ein absolutes Novum in dieser GFL-Spielzeit. Mit Quarterback Lars Heidrich gingen die Unicorns als einziges Team der Liga mit einem deutschen Quarterback in die Saison, und Woche 1 sah mehr als vielversprechend aus. Unterstützt von einem effizienten und gefährlichen Laufspiel sowie einer grandiosen Offensive Line konnte Heidrich das Spiel verwalten und blieb ohne Interception. Die Unicorns erliefen 233 Yards und ließen keinen einzigen Sack zu. Es ist zu früh, um diese neue Version der Unicorns bereits zum erweiterten Anwärterkreis auf den Titel in der GFL zu zählen, doch Woche 1 war ein massiver Schritt in die richtige Richtung. München und Quarterback Nic Semptimphelter, der direkt aus dem College zu den Cowboys kam, werden Woche 1 sicherlich als lehrreich empfinden. Ich gehe nach ihrer Bye Week von einem deutlich saubereren offensiven Auftritt aus.
Es herrschten früh klare Verhältnisse im Traditionsduell der neuen "alten" Braunschweig Lions und der Dresden Monarchs. Vor über 8.400 Zuschauern im Heinz-Steyer-Stadion setzte die Defense von Coordinator Martin Schmidt ein echtes Ausrufezeichen. Dresden erlaubte keine Punkte bis 2:21 Minuten vor dem Ende der Partie und hieß Braunschweigs 22-jährigen Quarterback Ryon Thomas in der GFL willkommen. Thomas, der gemessen an den Umständen trotzdem einen ordentlichen Auftritt ablieferte, wird zum Glück nicht jede Woche auf eine Defense wie die der Dresdner treffen. Alle Augen blickten vor dem Saisonauftakt auf das Import-Duo der Monarchs. Quarterback Rocky Lombardi, der bereits Preseason Football für die Cincinnati Bengals gespielt hat und in der FBS bei der University of Northern Illinois zwischen 2021 und 2023 insgesamt 6.118 Yards und 48 Touchdowns erzielte, sowie Montigo Moss, Sohn von NFL-Legende Randy Moss, der bereits bei der University of Maine gezeigt hat, dass er ein echter Ballgewinner und insbesondere eine Gefahr in der Red Zone ist. Lombardi zeigte eine fehlerfreie Performance, hatte hinter seiner starken Offensive Line einen vergleichsweise ruhigen Arbeitstag und deutete an, worauf sich GFL-Fans in dieser Saison freuen können.
Auf der anderen Seite eines 84-Yards-Touchdowns war es der finnische Receiver Janne Särkelä, der den Ball bei einer Post-Route fing und Braunschweigs Defensive Back mit seiner Größe und seinem Gewicht überforderte. Särkelä bringt mit 1,92 m und 94 kg optimale Receiver-Maße mit, ein Matchup, das die Monarchs gegen den 1,78 m großen und 68 kg schweren Defensive Back Fabian Schröder später noch einmal für einen Touchdown fanden. Dresden kann mit seinem Auftritt in Woche 1 wohl mehr als zufrieden sein. Für den Rekordmeister aus der Löwenstadt muss sich einiges erst finden, und spätestens ab dieser Saison weht ein neuer Wind. Woche 1 stellte das unweigerlich unter Beweis.
Im Vorjahr war der spätere Süd-Meister aus Ravensburg mit einem echten Ausrutscher in die Saison gestartet: einer 31:34-Niederlage gegen die Straubing Spiders, einem von nur drei gewonnenen Spielen der Spiders in der abgelaufenen Saison. Am Samstag zogen die ifm Razorbacks in der zweiten Halbzeit davon und deuteten an, welche Ambitionen sie auch in diesem Jahr wieder haben. Allen voran Quarterback Broghean McGovern glänzte für die Razorbacks und lieferte für mich die beste Leistung aller Offensivspieler in Woche 1 der GFL ab. McGovern kam gegen die Hurricanes auf insgesamt 348 Yards und sechs Touchdowns, fand immer wieder den deutschen Receiver Tim Müller und sammelte mit seinen Beinen wichtige First Downs und Scores.
Auch die Hurricanes machten Hoffnung und hatten eine individuelle Glanzleistung in Woche 1 beizusteuern. Wide Receiver Joshua Youngblood stellte die talentierte Passverteidigung der Razorbacks wiederholt vor echte Probleme. Mit 185 Yards bei sechs Catches und einem Touchdown bewies er seine spektakuläre Explosivität. Trotz der deutlichen Niederlage gegen einen der Top-Favoriten auf den GFL Bowl war der Auftritt der Hurricanes für mich vielversprechend. Head Coach Craig Kuligowski hat nicht nur eine Vergangenheit bei den Miami Hurricanes, sondern wurde auch vom besten College-Football-Coach aller Zeiten ausgewählt, um für ihn die Defensive Line zu coachen und als Assistant Head Coach zu fungieren: die Rede ist natürlich von Nick Saban bei den Alabama Crimson Tide. Ich lege mich früh fest: Mit dem Abstieg werden die Hurricanes in diesem Jahr nichts zu tun haben.

Wo sportliche Brisanz und Spannung draufstanden, waren sportliche Brisanz und Spannung auch drin, allerdings auf eine andere Art und Weise, als vielleicht antizipiert. Zwei der Top-Offensiven aus dem Vorjahr trafen sich in Charlottenburg zu einer Defensivschlacht. Kein Standort hat in Woche 1 weniger Punkte gesehen als Berlin, kein Standort aber ein spannenderes Spiel als die Hauptstadt. Die Rebels Defense frustrierte den Spielmacher der Royals sichtlich, denn sie schaffte es, das vertikale Passspiel der Royals fast vollkommen zu unterbinden. Obwohl sie mit ihrer Defensive Line kaum Druck generierten und ihnen kein Sack gelang, war der Arbeitstag für die Brandenburger ein langer. Beide Interceptions kamen nach einem ähnlichen Muster zustande: Quarterback Bullock verlängerte den Spielzug, versuchte spät im Down, seinen Receiver tief zu finden, und warf den Ball direkt in die Arme eines Defensive Backs.
Insbesondere Import-Receiver Max McLeod, der bei den Royals in große Fußstapfen tritt, sah mehrfach unglücklich aus. Im dritten Quarter droppte er einen potenziellen Touchdown und ließ zudem die erste TwoPoint-Conversion des Spiels fallen, beinahe ein entscheidender Fehler. Am Ende waren es, auch dank McLeods Catch im Game-Winning Drive, wieder einmal die Royals, die dank eines spektakulären Comebacks am längeren Hebel saßen. Dabei sah es lange gut aus für die Hauptstadtrebellen. Berlin schaffte es über weite Strecken, alle Angriffsbemühungen der Royals zu unterbinden. Sie zwangen GFLBowl-MVP Xavier Bullock zu mehreren Turnovern und ließen die Offense der Royals zu keinem Zeitpunkt einen Rhythmus finden. Berlin führte bei 5:30 Minuten Restspielzeit mit 14:0 und erlaubte in der Folge noch drei Scores in den letzten fünf Minuten. Potsdam, das von seiner Defense im Spiel gehalten wurde, wehrte den Fehlstart ab und bewies, unter Druck glänzen zu können. Eine verpasste Chance für die defensiv stark verbesserten Rebels, aber ein Spiel, aus dem sich viel Positives mitnehmen lässt.
Wer sich in der Offseason mit dem besten Spieler in der Geschichte einer gewissen europäischen Liga verstärkt, hat Ambitionen. Wer dazu seinen zuletzt schwer verletzten Starting Quarterback zurückbekommt, kann diese auch in dominante Auftritte ummünzen - und genau das haben die Hildesheim Invaders am Samstag getan. Defensive Lineman Kyle Kitchens war für mich die TopVerstärkung in der gesamten Liga. Der beste Defensivspieler in der Geschichte einer bekannten europäischen Liga kam nach Niedersachsen und konnte sofort überzeugen. Kitchens hatte nicht nur einen Sack, sondern auch einen kurzen 3- Yard-Touchdown nach Play-Action von Quarterback Nelson Hughes, der in seinem Comeback nach Verletzung ein sehr sauberes Spiel ablieferte und von seinem Coach Marcus Herford immer wieder in gute Situationen gebracht wurde.
Hughes ist ein exzellenter Playmaker, der diese Fähigkeiten gegen die Comets noch gar nicht in vollem Umfang unter Beweis stellen musste, wie man es bei 272 Yards und vier Passing Touchdowns vermuten könnte. Sein längster "Touchdown-Pass" des Spiels war ein kurzer Jet-Touch-Pass auf Wide Receiver Paul Terjung, der die vollen 90 Yards seines ersten Scores der Saison mit dem Ball in der Hand zurücklegte. Für die Comets, die mit Allzweckwaffe Chris Lipsey und Receiver Gabe Quigley vereinzelt Akzente setzen konnten, könnte dies eine lange Saison werden. Deshalb war das noch nicht der entscheidende Gradmesser für die Invaders. Dennoch sollte Hildesheim mit Woche 1 mehr als zufrieden sein.
An einem Spieltag mit vielen klaren Ergebnissen und Storylines habe ich vermeintlich einen guten Eindruck darüber gewonnen, wo viele Teams in diesem Jahr stehen. Über diese beiden Mannschaften kann ich das noch nicht sagen. Sind die Wilddogs so gut oder ist der Phoenix so schlecht? Vielleicht ein wenig drastisch formuliert, aber es beschreibt meine Gedanken zu diesem Spiel ziemlich präzise. Neben dem knappen Sieg der Royals war die 0:31-Niederlage der Regensburg Phoenix gegen die Pforzheim Wilddogs für mich die Überraschung des Spieltags. Pforzheim hat nach einer beeindruckenden Saison 2025 in der Offseason überragend nachgelegt und mehrere Hochkaräter hinzugewonnen.
Auch Regensburg hatte in meinen Augen eine gute Offseason mit namhaften Verstärkungen in der Offensive und Defensive Line. Für mich wäre es nach wie vor eine Überraschung, wenn der Aufsteiger in diesem Jahr keine kompetitive Saison spielt. Danach sah es in Woche 1 allerdings nicht aus. Die Wilddogs-Defense sorgte für den einzigen Shutout in Woche 1 und überforderte die Offense der Regensburger. In Nick Oliver und Konstantin Katz fingen gleich zwei Neuzugänge mehrere Interceptions bei ihrem Wilddogs-Debüt. Um auf die Ausgangsfrage zurückzukommen: Sind die Wilddogs so gut oder ist der Phoenix so schlecht? Meine Vermutung ist, dass Pforzheim tatsächlich so gut ist - sicher sein kann ich mir aber noch nicht.
Wer noch nicht genug von der GFL hat, sollte in den Podcast "This is GFL - Football" reinhören. Gemeinsam mit Carsten Spengemann spreche ich wöchentlich über die Spiele in der höchsten deutschen Spielklasse. Viel Spaß damit!
Maurice Stolka