vor 3 Stunden
NFL-Kolumne von Adrian Franke
Die Minnesota Vikings sind mit fünf Siegen in die Saison gestartet, dennoch ist das Team schwer greifbar. Die Offense ist noch in der Findungsphase und war statistisch über die ersten Wochen eine der schlechtesten Units ligaweit. Doch während wir hier gerade eine Wende sehen, ist die Defense über jeden Zweifel erhaben. Zumindest noch. Es ist ein Trend, an dessen Ende Minnesota wie ein echter Titelkandidat aussehen könnte. Doch gibt es auch eine andere Interpretation.

Kyler Murray hatte mehrere gute Momente während des Sieges gegen die Saints am Sonntag, es war ein insgesamt vielversprechendes Spiel von ihm. Aber zwei Würfe sind mir besonders in Erinnerung geblieben.
Der erste kam knapp eine Minute vor dem Ende der ersten Halbzeit bei Dritter-und-Eins. Die Saints brachten Druck über die Mitte, Murray war anfangs mit den Augen noch im Zentrum. Erst spät ging er mit seinem Blick auf die rechte Seite zum Eins-gegen-Eins-Matchup von Justin Jefferson, all das, während er die zunehmend kollabierende Pocket nicht verließ. Kool-Aid McKinstry spielte gute Coverage und blieb an Jefferson dran, der Ball fiel aber perfekt über den Cornerback runter, Jefferson nahm erst spät die Hände hoch und schnappte zu. Ein 21-Yard-Catch, der das Field Goal vor der Pause möglich machte.
Das andere Play kam früh im dritten Viertel. Beim Stand von 6:7 hatte Minnesota Dritter-und-Sechs in der Red Zone. Murray hatte eine gute Pocket, musste aber auch hier zunächst abwarten, ehe er den Ball werfen konnte, weil Jefferson in der Route mit einem Verteidiger zusammenstieß. Murray blieb diszipliniert, scrambelte nicht los, und warf dann einen sensationellen Ball über drei Verteidiger auf Jefferson hinten in die Endzone.
Es war mit hoher Wahrscheinlichkeit sein bis dato bester Wurf für die Vikings, und auch wenn Jefferson beim Catch seine Körperkontrolle eindrucksvoll unter Beweis stellte: Dieser Ball war ideal geworfen, sodass einzig Jefferson eine Chance darauf hatte.
Diese beiden einzelnen Momente sind nicht nur deshalb hängen geblieben, weil es Murrays beste Würfe am vergangenen Sonntag waren. Sie sind auch darüber hinaus relevant, wenn man versucht, sich vorzustellen, was mit Murray für diese Offense möglich sein kann. Was Murray individuell in dieser Offense sein kann. Und was das für die möglichen weiteren Saisonprognosen der Vikings als Team bedeutet.
Der Touchdown zu Jefferson zeigte eine Qualität in Murrays Spiel, die er auch in Arizona hatte, wenn er entsprechende Receiving-Optionen hatte: Die Bereitschaft, auch schwierigste Würfe zu versuchen, wenn er dem Playmaker vertraut. Den Arm dafür hat er, zuletzt versuchte er bei den Cardinals solche Würfe zu selten und verlagerte sich vermehrt auf das Kurzpassspiel. Natürlich hatte er dort keinen Receiver wie Jefferson insbesondere auch für Big Plays Downfield, aber zu sehen, wie schnell er hier eine Verbindung zu Jefferson aufgebaut hat, ist ermutigend.
Noch ermutigender aber ist das, was er bei dem Pass auf Jefferson spät im zweiten Viertel zeigte. Und was insgesamt bei ihm in Minnesota bisher auffällt: Die Bereitschaft, aus der Pocket zu spielen.
Murray, vermutlich durch die Kombination aus einerseits der geringen Größe, andererseits aber der Problem-lösenden Athletik, neigte zu häufig in seiner bisherigen NFL-Karriere dazu, die Pocket vorschnell zu verlassen und Plays außerhalb der Pocket und häufig dann auch außerhalb der Play-Struktur zu kreieren. Mal als Passer, mal als Runner.
Das ist ein wichtiges Element seines Spiels und kann zu spektakulären Big Plays führen, hier kann er sich von anderen Quarterbacks absetzen. Doch echten Value hat das unter dem Strich nur, wenn er es vereinzelt einstreut und ansonsten generell bereit ist, primär aus der Pocket zu spielen. Um Passfenster, die innerhalb der offensiven Struktur aufgehen, nicht verstreichen zu lassen. Damit Kevin O’Connells Offense ihr volles Potenzial entfalten kann.

Das aber führt zu einer anderen Frage: Was ist eigentlich das volle Potenzial dieser Offense?
O’Connells Vikings-Offenses waren bis dato meist in der Kategorie "okay". Heißt konkret: Nach Expected Points Added pro Play Platz 18 in seiner ersten Saison 2022, ebenfalls Platz 18 in der 2023er Saison, Platz 14 mit Sam Darnold 2024 und schließlich Platz 28 in der vergangenen Saison, als die Quarterback-Position die Vikings schließlich gänzlich im Stich ließ. Platz 13 steht zusammengenommen über die vier Jahre nach Success Rate zu Buche.
Das ist erst einmal das statistische Gerippe einer sehr durchschnittlichen Offense. Natürlich gibt es im Einzelfall auch gute Gründe dafür; wenn sich etwa Cousins 2023 nicht verletzt hätte, wäre hier eine Top-10-Offense möglich gewesen. Aber auch andere Teams haben mit Verletzungen zu kämpfen, und die Entscheidungen der Folgejahre von McCarthy über Darnold bis zurück zu McCarthy sind - mutmaßlich direkt von O'Connell - selbst geschaffene Umstände.
Mehr noch: Von einem offensiven Head Coach würde man erwarten, dass er diese Umstände noch mehr kaschieren kann. Dass er der Offense noch mehr Baseline gibt, sodass dann, wenn, wie etwa in der Darnold-Saison, viele Dinge gut funktionieren, auch eine klare Top-10-Unit entsteht. Das ist O’Connell bislang schuldig geblieben.
Und das betrifft ebenfalls, dass er die richtigen Quarterback-Entscheidungen trifft. Auch daran muss sich O’Connell messen lassen.
All das machte die vergangene Offseason und dann in der Folge diese jetzt laufende Saison so weichenstellend.
Weil J.J. McCarthy, zumindest was die Vikings angeht, spätestens mit dem Trade nach New York als Bust feststeht und auch schon mit nur minimalen Starter-Chancen in die Saisonvorbereitung gestartet war. Und natürlich, weil O'Connell in der Offseason eine weitere kritische Quarterback-Entscheidung getroffen hat.
Kyler Murray zu verpflichten war angesichts der Situation in Minnesota und des minimalen finanziellen Risikos eine einfache Entscheidung. Dass er nach einem unerwartet engen Training-Camp-Duell scheinbar ohne große Widerstände dennoch zum Starter ernannt wurde, nur wenige Wochen bevor die Vikings McCarthy abgaben, macht klar, dass die Quarterback-Entscheidung hier vermutlich schon längst gefallen war.
Der Start in die Saison hätte dann kaum frustrierender sein können. Murrays Einstand erfolgte mit einer hektischen Interception und dann der Gehirnerschütterung früh im ersten Spiel, sodass sich die Vikings prompt zurück in der Carson-Wentz-Achterbahn wiederfanden. Und erst einmal keinerlei relevante Erkenntnisse darüber mitnehmen konnten, wo die Reise offensiv hingehen kann - und wo man hier überhaupt wirklich realistisch steht.
Nun arbeiten wir nach wie vor mit einer kleinen Sample Size, Murray kam in Woche 3 gegen die Bucs zurück und hat seitdem gegen Miami und eben die Saints gespielt. Gegen Tampa Bay war es noch holpriger, auch hier aber hatte er einige vielversprechende Würfe von Under Center und im Play Action Passing Game.
Gegen Miami knüpfte er daran an und zeigte die Palette an positiven Attributen, die er gegen die Saints wiederholte. Präzise als Passer, ein guter Ballverteiler aus der Pocket, wo er meist geduldig agiert und Plays eine Chance gegeben hat. Dabei haben wir die volle Feuerkraft in diesen beiden Spielen gar nicht gesehen: Gegen Miami fehlte Jefferson, gegen New Orleans musste Jordan Addison passen und T.J. Hockenson verletzte sich beim ersten Pass des Spiels.
Bestätigt Murray den bisher gezeigten Trend, ist also sogar noch mehr möglich. Das sollte generell auch im Run Game gelten, wo Minnesota bislang generell noch nicht so wirklich auf einen grünen Zweig kommt. Die Verletzung von Jordan Mason ist hier ein Faktor, aber es fällt auch auf, dass Murray nicht wirklich Teil des designten Run Games ist. Nach Woche 5 steht der 29-Jährige am Boden bei 95 Scramble-Yards - und ansonsten, ohne Scrambles, bei -2 Rushing-Yards.
Vielleicht kann man es am besten so zusammenfassen: Die Vikings-Offense ist in vielfacher Hinsicht noch in der Findungsphase. Das betrifft das Run Game, die Gesundheit der Playmaker, das Komfortlevel des Quarterbacks und auch die klare Idee von O’Connell, wie diese Offense um Murray herum eigentlich final aussehen soll.
Dass Minnesota sich trotz all dieser Themen mit einem 5-0-Record in die Bye Week verabschieden konnte, unterstreicht einmal mehr, mit was für einer hohen Baseline die Vikings dank ihrer Defense operieren. Und was für ein Luxus das für die Offense ist.
Denn während sich O’Connells Offensive in den ersten Wochen der Saison statistisch im absoluten Ligakeller bewegte, war es Brian Flores’ Defense, die die Kohlen aus dem Feuer holte und die Spiele gewann. Und das mit einer selbst für Flores ungekannten Aggressivität: Seine Defense lebt schon immer vom Blitz, zwischen 2023 und 2025 blitzten seine Vikings-Defenses stets bei mehr als der Hälfte der gegnerischen Plays. 52,5 Prozent waren es 2023, 56 Prozent 2024 und in der vergangenen Saison 51 Prozent.
In der laufenden Saison hat Flores diese Zahl auf über 70 Prozent hochgeschraubt. Ein enormer Wert, selbst für ihn, und während es sich einerseits wie ein Spiel mit dem Feuer liest, kommt diese Aggressivität der Vikings nicht aus einer über die Maßen waghalsigen Idee heraus. Die Vikings spielen mehr 2-Deep-Coverages als sonst irgendwer in der NFL, Minnesota ist sehr gut darin, aus Blitz-lastigen Formationen und Looks nach dem Snap extrem variabel zu agieren. Manchmal wird man dafür verbrannt - den Packers ist das in Woche 1 einige Male gelungen - aber alles in allem hat Flores hier meist einen sehr direkten Zugriff. Er diktiert gegnerischen Offenses das Geschehen wie sonst kaum eine zweite Defense in der NFL.
Das ist umso beachtlicher, weil die Vikings in ihrer Defense keinen Superstar haben. Dallas Turner spielt eine gute Saison, Byron Murphy, Andrew Van Ginkel und Isaiah Rodgers sind solide Veterans. Keiner dieser Spieler ist auf dem Level von Stars wie Myles Garrett, Will Anderson, Fred Warner, Patrick Surtain oder Kyle Hamilton, die jeweils prägende Spieler für ihre Defenses sind.
Das ist ein riesiges Statement über die Qualitäten von Brian Flores. Es kann aber auch eine Warnung davor sein, was passieren könnte, wenn gegnerische Offenses im Laufe der Saison die Blitze besser verstehen und antizipieren können. Denn dann fehlt Minnesota auf der Seite des Balls vermutlich die individuelle Qualität, um das zu kompensieren.
Natürlich ist keineswegs garantiert, dass es so weit überhaupt kommt. Das macht die Vikings auch nach dem ersten Saisonviertel zu einer ungewissen Prognose. Weil beide Voraussagungen legitim und realistisch sind: Die Offense scheint auf einem guten Weg zu sein, und wenn Kyler Murray und der Rest dieser Unit den aktuellen Trend bestätigen, während die Playmaker-Gruppe gesünder wird, kann das eine solide bis gute Offense sein. Vielleicht sogar O’Connells erste Top-10-Unit.
Zumindest Ersteres ist eine völlig legitime Prognose. Gleichzeitig haben wir von Murray bislang häufig in seiner Karriere eine gewisse Inkonstanz gesehen. Die Offensive Line ist bereits angeschlagen, das Run Game überzeugt bislang nicht und was, wenn O’Connell eben nicht der ist, der sein Ruf nahelegt?
Legitim ist es auch, vorauszusagen, dass Flores diese Schlagzahl aufrechterhält. Gleichzeitig haben wir bereits in vergangenen Jahren gesehen, dass gute Offenses spät in der Saison diese Defense entschlüsseln können. Passiert das auch dieses Jahr, ist die individuelle Qualität schlechter als in vergangenen Saisons und der Dropoff könnte spürbarer sein.
Und so haben die Vikings während ihrer Bye Week etwas von Schrödingers Contender. Aktuell sind sie in gewisser Weise beides - ein potenziell legitimer Titelanwärter; aber auch ein Team mit einem zu schmeichelhaften Record.
Adrian Franke