12.02.2026
NFL-Kolumne von Adrian Franke
2025 war ganz klar das Jahr der Defenses. Die Seahawks gewinnen auf dem Rücken einer starken Defense, mit den Broncos und Texans drückten weitere Top-Units der Saison ihren Stempel auf, während die Offensiven vielerorts große Probleme hatten. Wie gewinnen Offenses hier wieder die Oberhand? Welche Positionen profitieren davon? Und welche Lehren bleiben damit am Ende dieser Saison stehen?

Wenn man sich die Entwicklung von Trends und das permanente Schachspiel zwischen offensiven Entwicklungen auf der einen und defensiven Ideen auf der anderen Seite wie ein großes Pendel vorstellt, dann sind wir gerade im Schwung jenes Pendels ganz eindeutig auf der defensiven Seite angekommen.
Vor einigen Jahren diktierten noch Offenses das Geschehen. Als Sean McVay und Kyle Shanahan noch relativ neu in ihren Posten waren, als Patrick Mahomes die Liga im Sturm eroberte, als Russell Wilsons tiefe Pässe die Seahawks kompetitiv hielten.
Nach dem 54:51 der Rams gegen die Chiefs im November 2018 wurde lang und breit darüber diskutiert, ob das die Liga für immer verändern würde. Ob wir jetzt in eine Ära gehen würden, in der jedes Team nur noch auf die Offense schaut und alles andere lediglich bestenfalls eine sekundäre Rolle dahinter einnimmt.
Heute wissen wir, dass es sehr anders kam.
Bereits jene 2018er Saison endete mit der 3:13-Niederlage der Rams im Super Bowl gegen die Patriots. Eine rückblickend aussagekräftige Momentaufnahme: Die gefährlichste Offense war komplett ausgebremst worden. Am Ende der Saison, die zu jenem Zeitpunkt auf Platz 2 in der Super Bowl Ära in durchschnittlichen Punkten pro Team pro Spiel rangierte, stand der punktärmste Super Bowl aller Zeiten.
Seit 2022 haben Teams im Schnitt nicht mehr die Marke von 2,6 Touchdowns pro Spiel geknackt. 2018 (2,68), 2019 (2,6) und 2020 (2,88) fiel diese Marke jeweils in jedem Jahr. Defenses dominieren derzeit.
Das zeigen auch die Statistiken der gerade beendeten Saison auf. Teams warfen den Ball 2025 im Schnitt pro Spiel so wenig (32,1 Pässe pro Spiel) wie seit 2006 nicht, sie hatten die wenigsten Completions im Schnitt pro Spiel (20,6) seit 2011 und die zweithöchste offensive Sack Rate (6,9%) in den letzten 20 Jahren.
Die Yards pro Catch (10,9) stagnieren seit vier Jahren, hier sieht man den Trend am klarsten: Seit 2011 befinden sich Passing Offenses hier in einem konstanten Abwärtstrend und haben sich von damals 12 Yards pro Catch auf 10,9 runter entwickelt.
Das führt direkt zu den Explosives, und hier kommen wir zum zentralen Knackpunkt. In der gerade beendeten Saison hatten 13 Teams 50 oder mehr Pass Plays, die mindestens 20 Yards Raumgewinn einbrachten. 2020 waren es 15. 2018 waren es 19.
Und noch extremer: Elf Teams hatten 2018 zehn oder mehr Pass Plays, die 40 Yards Raumgewinn erzielten. In der 2025er Saison waren es drei.
Kein einziger Quarterback mit mindestens 300 Dropbacks warf in der vergangenen Regular Season den Ball im Schnitt zehn Yards tief. Es war das dritte Jahr in Folge, dass kein Quarterback mit entsprechend großer Sample Size diese Marke knacken konnte.
Zwar gelangen Teams 2,1 Punkte pro Drive im Schnitt, der Höchstwert seit 2020. Doch lag das auch daran, dass 2025 die Saison mit der drittbesten Field-Goal-Trefferquote aller Zeiten war. In keiner Saison versuchten Teams im Schnitt pro Spiel mehr Field Goals über mindestens 50 Yards und nur 2024 trafen Kicker durchschnittlich noch mehr dieser langen Versuche.
Kicker und deren mitunter absurde Reichweite durch die bearbeiteten Kicking-Bälle hätte hier auch ein Punkt für sich sein können.

Mit Blick auf die Offenses sind das die Stats. Aber jeder, der genügend Spiele in dieser Saison gesehen hat - und auch jeder, der nur den Super Bowl gesehen hat - wird irgendwann bei dem Gefühl angekommen sein, dass Offenses sich schwer tun.
Kyle Shanahan war während des Super Bowls als Analyst bei "NBC" tätig, und seine Analyse der Seahawks-Defense fasst das Thema perfekt zusammen. Nicht nur mit Blick auf die Seahawks, sondern ligaweit.
Shanahan erklärte im Vorfeld des Spiels: "Wenn man den Ball gegen sie nicht laufen kann, lassen sie ihre beiden Safeties sehr tief. Dann lassen sie keine Explosives zu. Ich habe es zwei Jahre lang versucht, man kommt nicht zu den Explosives, wenn man den Ball nicht laufen kann. So öffnet man die Defense und holt die Safety nach vorne. Wenn das passiert, stützt man sich darauf und läuft 40 Mal. So haben wir sie in Woche 1 geschlagen. In den anderen beiden Spielen ist uns das nicht gelungen, und ihr habt die Resultate gesehen."
Diese Resultate waren eine 3:13-Niederlage der Niners gegen Seattle in Woche 18 sowie ein 6:41 in der Divisional Runde der Playoffs. In beiden Spielen konnte San Francisco den Ball nahezu überhaupt nicht bewegen und hatte zwei seiner schlechtesten offensiven Spiele der gesamten Shanahan-Ära.
Ligaweit sehen wir diese Phänomen. Offenses tun sich extrem schwer damit, Big Plays im Passing Game zu kreieren, können das aber gleichzeitig auch nicht mit dem Run Game verlässlich auffangen.
Und in gewisser Weise muss Shanahan die Schuld dafür in erster Linie bei sich selbst suchen.
Denn es waren Shanahans und McVays Offenses, die schematisch in den späten 2010er Jahren so dominant waren. Das Outside Zone Run Game gepaart mit den tiefen Play-Action-Crossing-Routes zerlegte die damals vorherrschenden primären Defense-Strukturen komplett.
Defenses mussten sich anpassen, und was 2018 mit Vic Fangio - damals noch als Defensive Coordinator der Bears - und dann Bill Belichick im Super Bowl anfing, wurde schon bald weiter entwickelt. Denn bald kamen extremere Varianten unter anderem unter Brandon Staley in die Liga. Defenses, die sehr darauf aus waren, mit zwei tiefen Safeties und einer leichten Box zu spielen, auch den Run so zu verteidigen und Offenses die Explosivität im Passing Game zu nehmen.
Es brauchte eine gewisse Anpassungsperiode. Mittlerweile aber stehen defensive Coaches wie Jesse Minter, den die Ravens jüngst zu ihrem neuen Head Coach gemacht haben, und Mike Macdonald, der gerade als erster Defense-Play-Calling-Head-Coach den Super Bowl gewonnen hat, an der Speerspitze dieser Entwicklung.
Diese Saison hat unterstrichen, dass Defenses gerade die Oberhand haben. Aber wir wissen auch, dass Offenses schon längst nach Antworten suchen. Und vielleicht haben wir eine davon bereits von der vermutlich besten Offense der vergangenen Saison gesehen.

Die 2018er Rams hatten eine klare Identität. Outside Zone Runs, also horizontale Run-Konzepte, die dann mit sehr viel Motion und Ablenkungs-Elementen, vor allem aber mit tiefen In-Breaking-Routes via Play Action kombiniert werden. Das war die Herausforderung, die Defenses vor sieben Jahren lösen mussten.
Die 2025er Rams knüpften in einer Sache an die 2018er Version an. Es sind laut "Next Gen Stats" die einzigen beiden Offenses der letzten zehn Jahre, die bei Runs ausschließlich von Running Backs eine Success Rate von über 50 Prozent hatten.
Doch mittlerweile kommt Sean McVay auf ganz anderem Wege zu dieser Effizienz. Was 2018 seine weiten Zone Runs bevorzugt nach außen waren, ist mittlerweile in erster Linie "Duo". Ein Run-Konzept, bei dem Double Teams in der Mitte gebildet werden, um dann Blocker auf das zweite Level zu bringen. Wo die Rams 2018 horizontal laufen wollten, wollen sie jetzt vertikal laufen.
Laut "Sports Info Solutions" hatten die Rams 113 "Duo"-Runs in der Regular Season, kein anderes Team hatte mehr als 77. Und andere sehr effiziente Rushing-Offenses wie die Bills, Packers und Colts rangieren ebenfalls in der Top 8 dieser Liste. Insgesamt zwölf Teams hatten eine Success Rate in Höhe von 50 Prozent oder mehr bei Duo-Runs.
Eine bemerkenswerte Statistik, wenn man bedenkt, dass auf die gesamte Regular Season gesehen und unter Berücksichtigung aller Runs einzig die Rams eine Rushing Success Rate von über 50 Prozent hatten (50,1 Prozent). Kein anderes Team knackte die 47 Prozent.
Diesen Trend sieht man auch im Roster Building. Die Rams haben sich über die letzten drei Jahre eine der schwersten Offensive Lines in der NFL aufgebaut. Vorbei sind die Jahre, in denen Los Angeles in erster Linie mobile, agile Linemen gesucht hat, die sich schnell im Raum bewegen sollen. Masse und Power sind jetzt Trumpf.

Das verrät uns etwas darüber, wie McVay Trends gelesen und antizipiert hat. Denn in der angesprochenen defensiven Entwicklung wurden Defenses immer leichter, in zweifacher Hinsicht: Leichter in der Box - also weniger Spieler die direkt gegenüber der Offensive Line postiert werden weil zwei tiefe Safeties die Basis darstellen - und leichter im Personnel, weil fünf und mitunter sechs Defensive Backs die Norm wurden. Seattle hat das dieses Jahr perfektioniert.
Wenn wir weiter im Pendel der Entwicklung denken, dann war es der logische nächste Schritt im permanenten Spiel und Gegenspiel von offensiven und defensiven Trends, dass Offenses irgendwann wieder schwerer werden würden. Das gilt für die Line, aber wir sehen es auch vermehrt bei den Tight Ends. Die reinen Receiving-Tight-Ends haben es zunehmend schwer, Offenses brauchen hier Spieler, die echte Blocker sind.
Die Rams denken seit Jahren in diese Richtung. In beiden Positionsgruppen. Es ist kein Zufall, dass einzig die Rams in der Lage waren, in diesem Ausmaß explosive Plays im Passing Game gegen die herausragende Seahawks-Defense zu kreieren. Weil sie es schafften, eine Bedrohung im Run Game darzustellen und insbesondere via Play Action vertikal Eins-gegen-Eins-Matchups kreieren konnten.
In Woche 16 warf Stafford gegen Seattle 15 Play-Action-Pässe für 11,1 Yards pro Pass und zwei Touchdowns. Im Championship Games waren es elf Play-Action-Pässe für 20,4 (!) Yards pro Pass und ein Touchdown.
Eine schwere Line mit Runs durch die Mitte und einem vertikalen Play Action Passing Game kombiniert damit. Das könnte die Zukunft für NFL-Offenses sein.
Und dann werden wir auch in dieser Offseason weitere Offenses sehen, die versuchen, mehr Masse aufzubauen. Schwerere Lines, mehr Physis auf der Tight-End-Position und Running Backs, die stark zwischen den Tackles agieren.
Dieser dritte Punkt hängt nicht ganz so direkt mit den ersten beiden Punkten zusammen, wie diese beiden Punkte unter sich verzahnt sind. Aber eine gewisse Verbindung gibt es schon.
Denn während Defenses auf dem zweiten und dritten Level immer leichter werden und Offenses vermehrt die Mitte attackieren wollen, geht der Value von dominanten Interior-Verteidigern mehr und mehr nach oben.
Drei der fünf Defensive Tackles mit den meisten Quarterback Pressures in der Regular Season unter Interior Verteidigern standen in den beiden Championship Games: Denvers Zach Allen (73), Seattles Leonard Williams (58) und Kobie Turner (55) von den Rams.
Byron Murphy (Seahawks/50), Christian Barmore (Patriots/50) und Braden Fiske (Rams/42) rangieren ebenfalls innerhalb der Top 16. Milton Williams absolvierte nur zwölf Spiele in der Regular Season, andernfalls wäre er ebenfalls oben mit dabei. Williams führte alle Defensive Tackles in den Playoffs mit 23 Pressures mit weitem Abstand an, kein anderer Interior Verteidiger hatte mehr als 14.
Der Super-Bowl-Run der Seahawks hat einmal mehr unterstrichen, wie wertvoll eine tiefe Rotation in der Defensive Line ist. Das ist auch das, was die Eagles im Vorjahr vorweisen konnten. Aber spezifisch die Rolle dominanter Interior-Verteidiger fällt in beiden Beispielen auf. Bei den Seahawks mit Murphy und Williams, bei den 2024er Eagles waren es Jalen Carter, Milton Williams, Moro Ojomo und Jordan Davis.
Der vergangene Draft hat das bereits abgebildet. Mit Mason Graham, Kenneth Grant und Walter Nolen wurden drei Defensive Tackles in der ersten Hälfte der ersten Runde ausgewählt. Genau so viele wie Edge-Verteidiger. Insgesamt waren es in der ersten Runde fünf Interior- und fünf Edge-Verteidiger.
Lange galten Edge-Rusher als die klare Nummer-1-Position für jede Defense. Doch die Defensive Tackles haben aufgeholt.

Dieses Thema wurde im Nachgang des Super Bowls bereits ausführlich diskutiert. Spannend wird jetzt sein, inwieweit der Super-Bowl-Triumph von Sam Darnold von Entscheidungsträgern anderer Teams als Outlier betrachtet wird - oder aber als Präzedenzfall.
Für Ersteres gibt es eine einfache Argumentation. 2025 war die ideale Saison, damit ein Team mit einer Elite-Defense, einer gut gecoachten Offense und einem erfahrenen Quarterback den Titel gewinnen kann.
Von den sieben Preseason-Super-Bowl-Favoriten haben einzig die Bills ein Playoff-Spiel gewonnen. Mit den Ravens, Chiefs, Lions und Commanders haben vier dieser sieben Teams die Playoffs gar nicht erst erreicht.
Es war eine Saison voller Überraschungen und voller Enttäuschungen an der Spitze. Das wird nicht häufig so passieren. Und dann wird auch der Weg bis zum Super Bowl schwieriger werden. Diesen Aspekt muss man unbedingt bedenken, wenn man die Saison und den Erfolg der Seahawks mit Darnold richtig einschätzen will.
Gleichzeitig ist es auch richtig, darauf hinzuweisen, dass dieser Weg - also ein erfahrener, einstmals hoch gedrafteter Quarterback, der woanders gescheitert ist und jetzt in besseren Umständen plötzlich funktioniert - schon seit einigen Jahren funktioniert. Auch wenn Darnold der Präzedenzfall ist, was einen Titelgewinn angeht. Baker Mayfield, Daniel Jones, Jared Goff, vor einigen Jahren Ryan Tannehill bei den Titans: Es gibt einige Beispiele dafür.
Und es könnte auch Optionen in dieser Offseason dafür geben.
Unter den Free Agents ist der klare Nummer-1-Kandidat dafür Malik Willis. Willis konnte sich in der vergangenen Saison bei den Packers für mehr empfehlen, das aber auch nur mit bedenklich kleiner Sample Size. So eindrucksvoll sein Auftritt vor allem gegen die Ravens in Woche 17 auch war: Willis hatte 47 Dropbacks in der vergangenen Saison. 2024 waren es 71 in Vertretung des verletzten Jordan Love.
Der einstige Drittrunden-Pick der Tennessee Titans hat in Green Bay klare Fortschritte gezeigt, aber wie viel Substanz hat das schon? Und wie sieht es aus, wenn er in einer schlechteren Situation als Starter in die Saison geht?
Vielleicht ist ein Trade-Kandidat hier eher die Antwort. Unter allen Quarterbacks, die voraussichtlich in dieser Offseason verfügbar sein werden, ist Kyler Murray der talentierteste. Ein Top-Tier-Athlet auf der Position mit einem sehr guten Arm. Murray passt nicht in jedes Scheme, aber er wäre derjenige, dem ich diese Chance in guten Umständen am ehesten zurechne.
Mac Jones wäre der andere Trade-Kandidat. Jones ist nicht auf dem gleichen athletischen Level wie Murray, dafür passt er in die Shanahan-Offense, das hat er dieses Jahr in einer größeren Sample Size gezeigt. Und diese Offense wird vielerorts in der NFL bereits gespielt, oder gerade installiert.
Vielleicht wird es auch Anthony Richardson. Oder Marcus Mariota. Vielleicht tradet ein Team für Spencer Rattler und gibt ihm eine Chance.
Keiner dieser Namen klingt im Moment irrsinnig überzeugend. Das war aber Daniel Jones vor dieser Saison auch nicht. Und Sam Darnold vor zwei Jahren, als die Vikings ihn holten, ebenfalls nicht. Baker Mayfield musste sich gegen Kyle Trask durchsetzen, als er nach Tampa Bay kam.
Bei keinem dieser Quarterbacks konnte man den Erfolg realistisch kommen sehen. Das ist genau der Punkt.
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Adrian Franke