19.01.2026
Schneller Erfolg oder langer Umbruch?
Gerade mal zwei Tage liegt das Ausscheiden der Buffalo Bills gegen die Denver Broncos zurück. Jetzt ziehen die Verantwortlichen in Buffalo ernste Konsequenzen: Nach neun Saisons als Head Coach wurde Sean McDermott am heutigen Montag entlassen! Und während General Manager Brandon Beane sich auf die Suche nach einem Nachfolger macht, blickt man in Buffalo einer richtungsweisenden Offseason entgegen. Wie groß sind die Probleme der Bills? Wie nah ist man dran, am ersehnten ersten Super-Bowl-Triumph der Franchise-Geschichte?

Es hätte das Jahr der Buffalo Bills sein können, vielleicht sogar müssen. In einer Saison, in der sowohl die Kansas City Chiefs, Baltimore Ravens als auch die Cincinnati Bengals die Postseason aus der Ferne verfolgen, wirkte der Pfad zum Glück für die Bills so klar wie nie. Mit dem besten Quarterback unter allen AFC-Playoff-Teilnehmern, dem amtierenden Rushing Leader, einer starken Pass-Verteidigung sowie dem Momentum eines Wild-Card-Runden-Erfolges gegen die Jacksonville Jaguars platzten die Träume Buffalos allerdings am vergangenen Samstag.
Auf den Spuren einer 30:33-Niederlage ziehen die Bills nun die Reißleine: der 51-jährige Sean McDermott ist mit sofortiger Wirkung freigestellt. Buffalo reiht sich damit in eine lange, illustre Liste an Franchises ein, die sich in diesem Jahr von ihrem Hauptverantwortlichen getrennt haben.
Spätestens seit der Entlassung von John Harbaugh in Baltimore war klar, dass kaum ein Arbeitsplatz in der NFL in diesem Coaching-Zyklus sicher ist. Insgesamt zehn Teams haben sich im Verlauf der diesjährigen NFL-Saison von ihrem Head Coach getrennt. So viele wie lange nicht. Für die Bills endet mit der Entlassung McDermotts eine Ära, die einerseits von einem glorreichen Aufstieg, andererseits von verfehlten Erwartungen geprägt war.
Gerade mal zwei Jahre benötigte McDermott als Head Coach der Bills, um die New England Patriots als König der AFC East abzulösen und seinerseits eine fünfjährige Dominanz Buffalos einzuleiten. In jener Zeit gewannen die Bills immer mindestens elf Spiele sowie mindestens ein Playoff-Duell pro Saison. Beachtlich: Von seinen insgesamt 148 Spielen als Cheftrainer konnte er stolze 98 gewinnen. Für viele obendrein von Bedeutung: McDermott war Buffalo, identifizierte sich mit der Stadt, den Menschen, allen voran der Identität des Franchises.
Was dem 51-Jährigen im Jahr 2026 jedoch endgültig auf die Füße fiel, war die Ergebnisorientiertheit, welche die National Football League manchmal zu einem knallharten Business machen kann. So spricht auch die ernüchternde Playoff-Bilanz von 8-8 eine deutliche Sprache. Eine Sprache, die sagt, dass die Bills zwar stetig gut waren, es aber nie bis ans Ziel schafften. Gefühlt war eben immer jemand besser - nicht selten das Kryptonit aus Kansas City - oder es liefen vermeintlich spielentscheidende Calls der Unparteiischen nicht zu den eigenen Gunsten.
Nach neun Saisons, und damit neun Chancen, scheinen diese Ausreden jedoch ihre Wirkung verloren zu haben. Insbesondere, wenn man berücksichtigt, dass McDermott in all den Jahren einen der besten Quarterbacks der Liga in seinen Reihen hatte. Wie groß war der Anteil des 51-Jährigen am Erfolg Buffalos also wirklich?
Während McDermott bereits bekundete, weiterhin als Trainer tätig sein zu wollen, beginnt für die Bills nun also eine neue Zeitrechnung. Mit Kevin Stefanski und John Harbaugh sind zwei der bekanntesten Namen vom Markt, andere Kandidaten befinden sich bereits in fortgeschrittenen Gesprächen mit anderen Teams. Ähnlich wie die Ravens, bleiben die Bills natürlich ein attraktiver Arbeitgeber - allen voran aufgrund der Quarterback-Personalie. Dem gegenüber steht jedoch die hohe Messlatte namens "Super Bowl".
Und das in einer Ära, in der sich die Chiefs neu aufstellen, Baltimore und Cincinnati weiterhin gefährlich sind, und neue Kontrahenten wie New England oder Denver bereits lauern. Zeit für einen Neuanfang gibt es nicht. Eher muss jemand her, der überzeugt ist, mit dem Kern dieses Teams - Allen, Cook, Dawkins, Oliver, etc. - in spätestens zwei Jahren die Trophäe gen Nachthimmel strecken zu können.
"Die Bills sind, was sie sind", beschrieb beispielsweise NFL-Insider Adam Shefter die Kader-Situation in Buffalo. "Wer diesen Job nimmt, weiß um den begrenzten Cap Space, die Stärken und Schwächen des Rosters und was in kürzester Zeit erwartet wird." Die einen würden sagen, Luxusprobleme. Die anderen sehen einen Roster, der zu den Besseren der AFC gehört, aber wenig Potenzial besitzt, zum Besten zu avancieren.
Mit der Niederlage gegen die Broncos warten die Bills weiterhin auf ihre erste Super-Bowl-Teilnahme seit 1993. Noch bezeichnender: kein Team konnte in einem Sieben-Jahres-Fenster so viele Siege einfahren wie Buffalo - nämlich 91 - ohne dabei auch nur ein einziges Mal im Endspiel zu stehen. Und ja, so mancher spielentscheidender Call in den letzten Jahren lief gegen die Bills. Zur Wahrheit gehört allerdings auch, dass sich das Team durch diverse Fehler selbst in die Situation gebracht hatte, dass solche Calls überhaupt von Bedeutung wurden.
Somit bleibt die Frage zu klären, wohin es für die Franchise mit der passionierten Fanbase, dem amtierenden "Most Valuable Player" und dem leidlichen Ruf, endlich den ganz großen Wurf zu schaffen, geht. Glaubt man den Entscheidungen der Verantwortlichen, setzt man 2026 nahtlos dort an, wo man am Samstag gegen Denver gezwungen war, aufzuhören. Ebenso wahrscheinlich scheint, dass mit dem Ende Sean McDermotts und dem Ende des legendären Highmark Stadiums auch die Zeit endet, in welcher das "Championship Window" der Buffalo Bills weit geöffnet war. In Teilen zugeschlagen von der Konkurrenz, in erster Linie allerdings durch die Bills selbst.
Kevin Wieschhues