05.02.2026
McDaniels als Offense-Faktor
Lange weg waren sie nicht: Die New England Patriots stehen wieder einmal im Super Bowl. Das zeitige Comeback nach der Ära Tom Brady/Bill Belichick hat aber seine guten Gründe.

Manch ein NFL-Quereinsteiger dürfte sich die Augen reiben. Denn elf Jahre nach dem legendären Aufeinandertreffen zwischen New England und Seattle in Super Bowl XLIX (28:24) sehen sich Patriots und Seahawks schon wieder im großen Endspiel des American Football.
Für jene Patriots bedeutet dies sogar die zwölfte Teilnahme an einem Super Bowl - Rekord. Ihre bisherige Bilanz: sechs Titel, allesamt mit Quarterback-Legende Tom Brady und Trainerikone Bill Belichick.
Doch der Head Coach (seit 2023) und Spielmacher (seit 2019), der im Anschluss noch einen Super-Bowl-Lauf mit den Tampa Bay Buccaneers hingelegt hat, sind längst Geschichte in Foxborough/Massachusetts. Vielmehr haben inzwischen vor allem der neue Trainer Mike Vrabel (seit 2025) und der 2024 als Third Overall Pick im Draft geholte Quarterback Drake Maye das Ruder an sich und nach eher tristen Jahren auch direkt herumgerissen.
Genauer: Nachdem New England nach dem sechsten (Bestwert mit den Pittsburgh Steelers) und bis dato letzten Super-Bowl-Coup Anfang 2019 (13:3 gegen die Los Angeles Rams) nur noch einmal die Playoffs erreicht und allgemein als Team in einer klassischen Übergangsphase nach einer Ära wenig überzeugt hatte, gelang 2025/26 mit der Bilanz von 14-3 vor den zuletzt enteilten Buffalo Bills zum insgesamt 23. Mal der Gewinn der AFC East.
Gelungen ist das neben einem - das soll nicht verheimlicht werden - vergleichsweise machbareren Spielplan. So lieferten sich die Patriots neben Duellen mit den gewohnt desaströsen New York Jets auch Spiele gegen die gesamte schwache NFC South sowie gegen viele Teams, die zuletzt Trainerentlassungen vorgenommen haben. In den drei bisherigen Endrundenpartien haben sich zudem die jeweils gegnerischen Quarterbacks Justin Herbert (16:3 gegen die Los Angeles Chargers), der fehlerbehaftete CJ Stroud (28:16 gegen die Houston Texans) und Jarrett Stidham als kurzfristiger Ersatzmann für den verletzten Bo Nix (10:7-Sieg im Schneechaos bei den Denver Broncos) weniger gut angestellt.
Über allem stehen dennoch folgende Faktoren: Eben durch die Verpflichtung von Head Coach Vrabel verfügt New England wieder über eine gemeinschaftliche Kultur. Vrabel selbst ist schließlich ehemaliger Top-Linebacker der Patriots und hat an drei Super-Bowl-Siegen aktiv mitgewirkt. Quarterback-Legende Brady hat erst kürzlich in Diensten als FOX-Experte seinen früheren Teamkollegen für dessen Errungenschaften in höchsten Tönen gelobt: "Als er nach New England kam, wusste niemand so recht, wie dieses Team abschneiden könnte - erst recht nach zwei 4-13-Spielzeiten hintereinander."

Am Ende seien seine weiterhin geschätzten Pats aber zu einer starken Einheit geworden - "mit Drake Maye, dieser Defense und dem jetzigen Auswärtssieg in Denver", so Brady. Der inzwischen 48-Jährige verschwieg dabei auch einen anderen Weggefährten nicht: Josh McDaniels. Mit dem bestens bekannten Offensive Coordinator, der sich zwischendurch zweimal vergeblich als Head Coach der Broncos und Las Vegas Raiders versucht hatte, waren schließlich alle sechs Super-Bowl-Siege gelungen. Und genau diesen Mann installierte der neue Trainer Vrabel direkt wieder quasi als erste große Amtshandlung.
Ein Erfolgsrezept: McDaniels orchestrierte diese Saison eine Offense, die trotz gewisser Offensive-Line-Probleme mit den Erstrunden-Rookies Will Campbell und Jared Wilson immer wieder zur Stelle war. Dabei halfen dem in der Regular Season mit 47 Sacks und in jedem Playoff-Spiel bislang je fünfmal gesackten Quarterback Maye neben den Running Backs Rhamondre Stevenson sowie Rookie TreVeyon Henderson auch die in der Offseason akquirierten Receiver Stefon Diggs und Mack Hollins.
Alles gepaart mit dem in seinem dritten NFL-Jahr aufblühenden Passempfänger Kayshon Boutte und dem Fakt, dass Maye neben seinen MVP-Zahlen (72 Prozent angebrachte Würfe für 4394 Yards und 31 Touchdowns bei acht Interceptions) auch mit seinen eigenen Beinen Schaden anrichten kann, hat die New England Patriots eben schnell wieder zu einem waschechten Contender auf den Titel geformt.
Der selbst von allen Seiten hochgelobte Head Coach Vrabel, der bei seiner ersten großen Trainerstation zwischen 2018 und 2023 die Tennessee Titans unter nicht ganz einfachen Umständen unter anderem mit Laufmaschine Derrick Henry zu einem erfolgreichen Team formte, verteilt das Lob derweil lieber auf seine Schützlinge.
Wie eben vor allem an Spielmacher Maye. Dieser würde, so Vrabel, bei widrigen Bedingungen "nicht mit der Wimper zucken, aus Fehlern lernen und einfach mit dem gesamten Team stets abliefern". Nun auch im ersten Super Bowl der Patriots ohne die zuvor Jahrzehnte lang prägenden großen Namen Belichick und Brady? Das wird man in der Nacht von Sonntag auf Montag (0.30 Uhr MEZ, LIVE! bei kicker) beim Duell mit den Seattle Seahawks sehen.
Brady höchstselbst schreibt seinem legitimen Nachfolger auf jeden Fall die Fähigkeiten zu, die Vince Lombardi Trophy zu ziehen: "Wer nicht bescheiden ist, den wird dieses Spiel Bescheidenheit lehren - und Drake Maye besitzt diese Bescheidenheit. Alles, was er sagt, dreht sich immer um das Team."
Der erst in seinem zweiten NFL-Jahr befindliche Spielmacher habe die Erfolgsformel im American Football ausgetüftelt: "Es geht immer nur darum, seine Verteidigung und seine Offensive zu loben - nur so gewinnt man die Menschen für sich. Das ist die Realität. So handeln große Führungspersönlichkeiten. Wahre Führung bedeutet Demut und die Frage: Wie kann ich jeden Tag mein Bestes für meine Teamkollegen geben? Das sollte die wichtigste Lektion für alle Quarterbacks in der NFL sein."
Markus Grillenberger