30.08.2025
Vor dem Spiel gegen Surge
Am kommenden Sonntag treten die Munich Ravens im ELF-Halbfinale gegen Stuttgart Surge an. Russell Tabor ist einer der Schlüssel des Erfolgs.

Vor der Saison hätte man die Munich Ravens wohl als Playoff-Anwärter bezeichnet, aber sicher nicht als einen der Favoriten auf den Titel. Jetzt sind die Ravens nur einen Sieg vom Finale in Stuttgart entfernt und haben überhaupt erst eine Partie in dieser Spielzeit verloren.
Die Entwicklung der Franchise führte in den drei Jahren ihrer Existenz dabei stetig nach oben: Im Gründungsjahr 2023 mit einer Bilanz von 7-5 noch an der Playoffqualifikation gescheitert, folgten im Vorjahr neun Siege und die angestrebte Qualifikation für die Playoffs, wo man jedoch knapp bei den Paris Musketeers scheiterte.
Hier war bereits Kendral Ellison verantwortlich, der nach dem ersten Jahr John Shoop als Head Coach abgelöst hatte. Beide Jahre hatte man aber mit Chad Jeffries einen äußert Europa-erfahrenen Quarterback, der sich in der ersten Saison auch eine MVP-Nominierung erspielt hatte.
Der große Umbruch im Vorjahr betraf dann vorwiegend zwei Positionen: General Manager Sebastian Stolz, der einer der Hauptverantwortlichen für den Aufbau der Franchise gewesen war, ging offiziell einvernehmlich im Herbst und heuerte in der Folge bei den Paris Musketeers an.
Der große Einschnitt auf dem Feld war aber auf der Quarterback-Position zu verzeichnen: Chad Jeffries wurde bei Rhein Fire Nachfolger des äußerst erfolgreichen Jadrian Clark. Der frei werdende Posten bei den Ravens wurde mit dem jungen Russell Tabor besetzt.
Dass der ein dermaßen großer Glücksgriff werden sollte, konnten wohl selbst die Optimisten rund um die Franchise nicht ahnen. Mit damals 21 Jahren hatte er einen Aufenthalt am College ohne nennenswerte Einsätze und eine Saison in der spanischen Liga vorzuweisen.
Dass er jedoch gleich einen branachenweit äußerst unüblichen Dreijahresvertrag erhalten hatte, sorgte durchaus für Aufhorchen und zeigt, dass die sportliche Leitung da schon auf der richtigen Spur war.
Sean Shelton, von Beginn an General Manager Sports der Munich Ravens, hatte vor der Saison bereits erklärt: "Russell ist ein außerordentlich beeindruckender Quarterback und eine beeindruckende Persönlichkeit. Seine Reife übersteigt seine 21 Jahre bei weitem. Wir freuen uns sehr, Russell in unserem Team willkommen zu heißen, vor allem mit einem langfristigen Vertrag, da wir diese Organisation weiterhin auf ihr volles Potenzial hin aufbauen wollen."
Da waren die Ravens eines von sieben Teams, das mit einem ELF-Neuling als Quarterback in die Saison gehen wollte. Mittlerweile steht fest, dass Tabor sein Team auch am weitesten gebracht hat: Die jüngst Franchise Nordic Storm vertraute auf den oben genannten Jadrian Clark, die beiden anderen Halbfinalisten Vienna Vikings und Stuttgart Surge ebenfalls auf langjährig erfahrene Playmaker.
Russell Tabor war zuvor in Europa nur bei den Osos Rivas Madrid in der spanischen Liga tätig und zog mit diesen in seiner einzigen Saison 2024 prompt auch ins Endspiel ein, das jedoch gegen den Stadtrivalen Las Rosas Black Demons im Mai letzten Jahres knapp verloren worden war.
Seine (sportliche) Ausbildung hatte er zuvor bei der University of North Carolina absolviert, mittlerweile Wirkungsstätte des großen Bill Belichick. Hinter so prominenten Namen wie Sam Howell (aktuell Philadelphia Eagles) und Drake Maye (New England Patriots) kam er jedoch nicht zu Einsatzzeit.
Gelernt hat er offensichtlich trotzdem genug, um in diesem Jahr einer der Stars der European League Of Football zu werden. Bei den erworfenen Yards (2315) belegte er nur Platz 7 in der ELF, aber er wusste immer genau, wann er seine große Stärke,Athletik bzw. Mobilität, ins Spiel bringen musste. So erlief er unzählige neue First Downs und ganze 13 Touchdowns; mehr (14) konnte in der Liga überhaupt nur Running Back Lukas Haslwanter von den Raiders Tirol vorweisen. Lediglich bei den Blowouts gegen die Helvetic Mercenaries in Woche #5 und Berlin Thunder in Woche #6 erlief er keinen eigenen Touchdown, da war es aber auch einfach nicht nötig.
Gegen Halbfinalgegner Stuttgart erwarf er in beiden Vorrundenpartien jeweils drei Touchdowns und erlief auch je einen Score. Die Kehrseite der Medaille: Insgesamt zehn Interceptions, davon vier gegen Stuttgart und in den Spielen gegen die Surge auch fünf kassierte Sacks zeugen davon, dass er durchaus noch Bereiche hat, in denen er sich verbessern kann.
Nach dem Heimsieg gegen Stuttgart in der Vorrunde freute sich GM Shelton über die Bestätigung seines Transfers, wie er football-world erklärte: "Ich wäre ein Lügner, wenn ich jetzt behaupten würde, dass ich gedacht habe, dass er gleich so gut sein wird. Ich dachte, dass er bold, ein guter Anführer und meinungsstark sein wird und das ist er auf jeden Fall auch alles. Das zeigt sich auch in seinem Spiel - manchmal ist es auch ein bisschen zu mutig. Ein paar Sachen müssen wir noch etwas glätten - wie seine Awareness und manchmal auf den Football besser achtzugeben."
Eine Eigenschaft, die Tabor definitiv hat, ist Nervenstärke am Ende von Spielen, selbst wenn es vorher nicht immer optimal gelaufen war. Gleich in vier Partien führte er Game Winning Drives in den letzten beiden Spielminuten an und fuhr so zweimal gegen Madrid sowie gegen Stuttgart und bei den Raiders Tirol späte Siege ein - der Begriff "Tabor Time" machte die Runde für diese Nervenstärke am Ende
Tabor erklärte dazu: „Schon als ich klein war - egal in welchem Sport- wollte ich in den größten Momenten den Ball in meinen Händen haben und Verantwortung übernehmen. Wenn das Spiel vor der Entscheidung steht, habe ich das Gefühl, dass ich am besten bin. Wenn wir alle elf mit dieser Einstellung dann zusammenhelfen, dann hat das zu diesen Comeback Wins geführt.“
Eine Fähigkeit, die vor allem auch in engen Playoffpartien gefragt ist.
Carsten Keller