04.02.2026
NFL-Kolumne von Adrian Franke
Super Bowl 60 steht vor der Tür, und das Duell zwischen den Seattle Seahawks und den New England Patriots hat einige hochspannende Matchups zu bieten. Welche Defensive Front hat den größeren Impact? Was wird Seattles Coverage-Strategie uns verraten? Und wie kann Drake Maye die Seahawks ärgern? Adrian Franke bereitet euch vor auf die Matchups, die das Spiel entscheiden werden.

Die Geschichte, die sich wie ein roter Faden durch diesen Patriots-Playoff-Run zieht, sind die Probleme in der Offensive Line. Insbesondere die linke Seite der Line hat in jedem Matchup in bedenklichem Ausmaß gewackelt. Rookie-Left-Tackle Will Campbell hat bisher elf Quarterback-Pressures in diesen Playoffs zugelassen, Rookie-Left-Guard Jared Wilson neun.
Das führte dazu, dass die Patriots im Passing Game äußerst limitiert waren. Es führte aber auch dazu, dass Drake Maye mit Fumble-Problemen zu kämpfen hatte. Zwei waren es gegen die Chargers, vier gegen die Texans. Sechs Fumbles, drei Mal verlor New England dabei den Ballbesitz.
Insgesamt 15 Fumbles hatte Maye damit in der gesamten Saison. Einige als Scrambler, andere auch, weil er meist gut initial in die Pocket tritt, dort aber nicht immer die ideale Ballsicherheit an den Tag legt.
Diese gesamte Konstellation sollte eine große Chance für Seattle darstellen. Die Seahawks hatten bereits in der Regular Season sechs (!) verschiedene Spieler mit jeweils mindestens 40 Quarterback-Pressures. Leonard Williams, DeMarcus Lawrence und Byron Murphy sind die drei Stars dieser Defensive Line, aber es ist insgesamt die Rotation und die Qualität in der Breite, die Seattles Pass-Rush so richtig gefährlich macht.
Dieses Matchup spricht klar für Seattle. Auch, wenn man das Run Game mit einbezieht. Die Seahawks haben die beste Run-Defense in der NFL: Platz 1 in Rushing Success Rate, Platz 1 in EPA pro Run. Die Patriots haben schon die ganze Saison über Probleme damit, mit dem Run Game eine Konstanz zu finden. Gefährlich war New England hier am ehesten noch mit explosiven Runs, allen voran mit TreVeyon Henderson.
Seattle ist exzellent darin, den Run zu stoppen ohne dabei mit seinem Personnel oder aber strukturell mehr Fokus auf den Run zu richten. Der maßgebliche Grund dafür ist die Defensive Line. Seattle sollte den Patriots hier ähnliche Probleme bereiten können wie die die Chargers, Texans und Broncos - wenn nicht größere. Im, aus Seahawks-Sicht, Idealfall können sie die Patriots-Offense so maximal noch auf Big Plays reduzieren. Wenn überhaupt.
Es wäre ein großer Schritt dahin, sich selbst offensiv einen gewissen Spielraum für Fehler zu verschaffen.
Insgesamt warf Sam Darnold in der Regular Season acht Interceptions gegen Druck, kein Quarterback hatte mehr. Und das, obwohl 17 Quarterbacks mehr Dropbacks gegen Druck hatten. Nur fünf Quarterbacks hatten eine höhere Turnover Worthy Play Rate gegen Druck, darunter Joe Flacco, Shedeur Sanders und Tua Tagovailoa.
Noch extremer war der Trend: Von Woche 11 bis zum Ende der Regular Season rangierte einzig Geno Smith in der gleichen Statistik vor Darnold, der zudem fünf seiner acht Interceptions gegen Druck in dem Zeitraum warf und 17 seiner 27 Sacks ab Woche 11 kassierte.
Dabei waren einige Spiele besonders auffällig: Das erste Spiel gegen die Rams wurde bereits ausführlich seziert, aber auch gegen die Vikings (Woche 13) und gegen die Colts (Woche 15) hatte er auffällige Probleme damit, Druck in der Pocket sauber zu managen.
Zwei Themen fallen dabei immer wieder auf: Druck über die Mitte sowie freie Rusher. Hier ist die Gefahr eines potenziell gravierenden mentalen Fehlers bei Darnold am höchsten. Das ist genau das, was die Patriots am Sonntag provozieren müssen. Und die Ausgangslage dafür könnte bedeutend schlechter sein.
Der dominante, stärkste Part der Patriots-Defense sind die beiden Defensive Tackles. Christian Barmore und Milton Williams müssen sich ligaweit vor keinem Defensive-Tackle-Duo verstecken. Williams steht in diesen Playoffs bei 17 Quarterback-Pressures, Platz 3 unter allen Verteidigern ligaweit. Barmore ist auf Platz 13 (8 Pressures). Die große Schwachstelle in Seattles Offensive Line sind die beiden Guards Grey Zabel und Anthony Bradford. Das ist auf dem Papier das einseitigste Duell zugunsten der Patriots in diesem Super Bowl.
New England sollte hier Darnold direkt unter Druck setzen können, und dann wird es kritisch, wie fehlerfrei Darnold dagegen agiert. Hier und da wird New England auch mit Blitzes nachhelfen: Die Patriots bringen gerne ihre Linebacker als zusätzliche Rusher - und stellen nach Success Rate mittlerweile die Nummer-1-Defense, wenn sie blitzen. New England ist der Außenseiter in diesem Spiel, wenn sie hier zwei Turnover forcieren können, könnte das der entscheidende Punkt sein.
Der klare Top-Playmaker der Seahawks gegen den Star-Cornerback der Patriots. Auf den ersten Blick braucht es nicht viel Erklärung oder Fantasie, um sich vorzustellen, warum das ein spielentscheidendes Matchup darstellen könnte.
Natürlich ist es so einfach aber nicht. Denn es ist selten geworden in der NFL, dass Cornerbacks wirklich einen Receiver konsequent verfolgen. Situativ, sicherlich - aber Teams spielen insgesamt nicht mehr viel Man Coverage.
Das liegt auch daran, wie Offenses spielen. Mit den Seahawks als Paradebeispiel dafür: Viel schweres Personnel, viele sehr enge Formationen. Smith-Njigba spielt nominell viel Outside, ist dabei aber in der Realität noch immer meist sehr nah an der Formation.
Auch die Patriots spielen über 60 Prozent ihrer Coverage-Snaps in Zone Coverage. Aber hier kommt der Gameplan-Faktor ins Spiel: New England hält Gonzalez nicht strikt auf einer Seite, könnte also auch hier gewillt sein, ihn in der Formation dorthin zu bewegen, wo sich Smith-Njigba aufstellt.
Vor allem aber könnte das das Matchup sein, mit dem die Patriots versuchen, die Weichen auf Sieg zu stellen. Smith-Njigba ist herausragend gegen Cover-1 - also Man Coverage mit einem tiefen Safety -, weil hier viele der tiefen Play-Action-Shots in Seattles Offense herkommen. Wenn New England spezifisch die wegnehmen kann, indem man situativ Gonzalez gegen Smith-Njigba stellt, wäre das ein riesiger Win für die Patriots und könnte die gesamte Defense für das restliche Spiel verändern.
Abgesehen von diesen spezifischen Momenten wird Gonzalez es auch in New Englands Zone Coverages regelmäßig mit Smith-Njigba zu tun bekommen. Früh im Spiel gegen Denver wurde er gleich zwei Mal auf dem falschen Fuß erwischt, am Sonntag gilt es, Big Plays unbedingt zu vermeiden und dafür zu sorgen, dass Darnold konstant zu seinem zweiten und dritten Read in der Progression kommen muss.
Die Seahawks haben zwei Spieler mit jeweils über 250 Snaps im Slot in dieser Saison: Cornerback Devon Witherspoon und Safety Nick Emmanwori. Witherspoon spielt primär Outside, wird aber, je nach Matchup und Situation, auch regelmäßig nach innen gezogen. In den beiden Playoff-Spielen war das vergleichsweise selten der Fall, mit 14 Snaps im Slot gegen die 49ers (32 Outside) sowie lediglich derer zwölf im NFC Championship Game gegen die Rams (34 Outside).
Emmanwori ist dagegen in erster Linie im Slot zuhause. Von seinen 874 Defense-Snaps in dieser Saison kamen 420 im Slot, sowie 329 weitere in der Box. Der Rookie-Safety hat sich in seiner ersten Saison unter Mike Macdonald zu einem echten Schlüsselspieler entwickelt: Seine Physis erlaubt es den Seahawks, so viel leichtes Personnel - also fünf und auch sechs Defensive Backs gleichzeitig - zu spielen, weil Emmanwori de facto ein Slot-/Linebacker-Hybrid im Kontext dieser Defense ist. Er ist Macdonalds Allzweckwaffe.
Die Seahawks sind ganz klar eine Zone Defense, New England wird sich also einige Matchups zurechtlegen können. Und es könnte ein Matchup geben, das Seattle vielleicht zum Umdenken zwingt: Stefon Diggs verbringt über die Hälfte seiner Pass-Play-Snaps im Slot, auf die ganze Saison gesehen ist er Top 12 in Targets (52) und Catches (44) aus dem Slot heraus. Wie gut kommt Emmanwori mit Diggs, der noch immer ein gefährlicher Route Runner ist, zurecht?
Oder stellen die Seahawks bevorzugt Witherspoon nach innen, um genau dieses Matchup zu verhindern und um Emmanwori eher gegen Tight End Hunter Henry aufbieten zu können? Das wäre aus Seahawks-Sicht vermutlich die bessere Option, würde Seattle aber auf dem zweiten Outside-Corner-Spot angreifbar machen, wo die Patriots versuchen werden, ihrerseits zu Big Plays zu kommen.
Ob die Seahawks also Emmanwori oder Witherspoon primär in den Slot stellen, wird uns einiges darüber verraten, worauf sie selbst den Fokus ihrer Coverage richten wollen.

Davon ausgehend, dass die Patriots gegen diese herausragende Seahawks-Defense den Ball nicht konstant bewegen können - und alles, was wir in diesen Playoffs gesehen haben, deutet ganz klar darauf hin -, bleibt eine zentrale Frage übrig: Kann die Patriots-Offense Big Plays kreieren?
In der Regular Season war das eine klare Stärke dieser Offense. Drake Maye hatte die zweitmeisten Downfield-Completions in der Regular Season (34), stand auf Platz 3 in Downfield Passing Yards (1.050) und brachte 54,8 Prozent seiner tiefen Pässe an. Unter den 24 Quarterbacks mit mindestens 40 tiefen Pässen in der Regular Season war hier nur Sam Darnold noch besser.
Außerdem warf Maye neun Downfield-Touchdowns, Platz 5. Fünf dieser neun Regular-Season-Touchdowns bei Pässen über mindestens 20 Yards Downfield gingen zu Kayshon Boutte. Nur Chris Olave und Courtland Sutton (jeweils 6) hatten ligaweit noch mehr. Boutte hatte auch ein Big Play in der Wildcard Runde gegen die Chargers, ein tiefer Catch für 42 Yards, sowie einen spektakulären 32-Yard-Touchdown-Catch mit einer Hand gegen die Texans in der Divisional Runde.
Das ist ein zentraler X-Faktor in diesem Spiel. Schaffen es die Patriots auch hier, mit Mack Hollins, Hunter Henry und allen voran Kayshon Boutte zwei, vielleicht drei Big Plays zu kreieren?
Je nachdem, wie Seattle seine Cornerbacks einsetzt, wird Tariq Woolen gegen Kayshon Boutte das entscheidende Matchup werden. Witherspoon wird einiges im Slot spielen, und gegen Seattles Zone Coverage wird New England sich auch hier einige Matchups zurechtlegen können. Vereinzelt wird es Möglichkeiten geben, Nummer-3-Corner Josh Jobe gezielt zu attackieren.
Woolen gegen Boutte dürfte es aber häufiger geben. Und Woolen hat auf der einen Seite mit seiner Größe und seiner Athletik das ideale Skillset, um tiefe Pässe zu verhindern. Gleichzeitig spielt er eine Achterbahn-Saison, was auch im Championship Game gegen die Rams zu beobachten war, als er einen langen Touchdown gegen Puka Nacua zuließ. Woolen hat insgesamt in dieser Saison fünf Touchdowns in seine Coverage kassiert. Allerdings ließ er nur im Spiel gegen die 49ers in Woche 1 sowie im Championship Game gegen die Rams jeweils Completions über mehr als 20 Yards zu.
Die Patriots hatten es in diesen Playoffs in Form der Chargers, Texans und Broncos mit drei äußerst starken Defenses zu tun. Und die Patriots-Offense tat sich ausgesprochen schwer. Man kann zu dem durchaus kritisch gemeinten Fazit kommen, dass in allen drei Spielen letztlich die Runs von Quarterback Drake Maye das beste Element der Offense waren.
Maye lief für 65 Yards gegen die Broncos, zehn Yards gegen die Texans und 66 Yards gegen die Chargers. 141 Rushing-Yards insgesamt über drei Playoff-Spiele, 125 davon kamen bei Scrambles, also bei improvisierten Quarterback-Runs.
Diesen Part der Offense müssen die Seahawks in den Griff bekommen. Denn wenn es ein enges Spiel mit wenigen Punkten insgesamt sein sollte, sind Mayes Runs das, was den Unterschied ausmachen könnte.
Hier wird es spannend sein, zu sehen, wie Seattle damit umgeht. Wie sehr priorisieren sie diese Scrambles? Setzen sie Nick Emmanwori als Quarterback-Spy auf Maye an, und riskieren, dass ihnen der Rookie-Safety dafür woanders, spezifisch in Coverage, fehlt? Oder wird diese Aufgabe doch eher Linebacker Ernest Jones zukommen?
Die Seahawks wollen Zone Coverage spielen und werden vermutlich eher einen übergreifenden Plan haben, um Maye in der Pocket zu halten. Aber wenn es zu kritischen Third Downs in der Crunchtime des Spiels kommen sollte, wird es ein direktes Matchup für Maye geben - das dann spielentscheidend werden könnte.
Der "Super Bowl LX" live bei RTL
• New England Patriots vs Seattle Seahawks: Sonntag 8.2., ab 23:15 Uhr (Kickoff: 0:30 Uhr)
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Adrian Franke