28.09.2026
Ein MVP in der Kritik
Kaum ein Quarterback der NFL spaltet die Meinungen so sehr wie Jalen Hurts. Für die einen ist er ein Elite-Spieler und ein verdienter Super-Bowl-MVP, für die anderen ein vom System getragener Game Manager. Vor dem Duell der Eagles mit den Bears lohnt sich deshalb ein genauer Blick auf die Frage: Was ist Hurts tatsächlich?

Gerade in der NFL werden Spieler dauerhaft genau beobachtet, analysiert und bewertet. Rankings ordnen Spieler ein, Analyse-Plattformen vergeben Noten, Fans bewerten sie nach dem Eye-Test. Und dieser entscheidet bei den Anhängern oft, wie ein Spieler gesehen und eingeschätzt wird.
Aus all dem entsteht das öffentliche Bild eines Football-Profis. Ist er ein Star, ein solider Starter oder doch einer, der bald ersetzt werden sollte? Und dann gibt es noch manch Spieler, bei dem die Meinungen weit auseinandergehen.
Kaum einer verkörpert diese Diskrepanz so sehr wie Jalen Hurts. Kaum ein anderer kommt so unterschiedlich bei Fans, Experten und Analysten an und wird so extrem unterschiedlich bewertet. Manche sortieren ihn bei den Elite-Quarterbacks ein, während andere seine Qualitäten infrage stellen und einen Ersatz fordern. Doch woher kommt die große Meinungsverschiedenheit bei einem der polarisierendsten Spieler der gerade erst wieder gestarteten Saison?
Hurts kam 2020 in die NFL. In der 2.Runde des Drafts wählten ihn die Philadelphia Eagles aus. Bereits hier begannen die Kontroversen. Die Eagles hatten 2019 erst mit ihrem Franchise-Quarterback Carson Wentz verlängert und einige wichtige Lücken im Kader noch nicht geschlossen. Doch neben der Entscheidung der Eagles galt auch Hurts’ NFL-Tauglichkeit als fragwürdig. Bereits damals wurden ihm ähnliche Schwächen attestiert wie heute: kein guter Passgeber, kein klassischer Pocket-Passer, Genauigkeit und Entscheidungsfindung nicht auf NFL-Niveau.
Doch das Team aus Philadelphia vertraute auf den Quarterback von der University of Oklahoma, setzte auf seine athletischen Fähigkeiten und seine Stärken, mit den eigenen Beinen Plays zu kreieren. Diese Eigenschaften an Hurts blieben unbestritten, brachten ihm aber immer wieder den Vorwurf ein, nur ein besserer Running Back zu sein. In seiner ersten Saison in der NFL wurde Hurts immer wieder gezielt eingesetzt, zeigte seine Fähigkeiten im Laufspiel: Er erzielte 354 Yards und drei Touchdowns am Boden, als Passgeber 1061 Yards, warf sechs Touchdowns und vier Interceptions.
In den Jahren darauf war der heute 28-Jährige der klare Starter bei den Eagles und führte seine Offense als Franchise-Quarterback an. Doch während die Eagles meist recht erfolgreich waren, riss die Kritik an dem Dual-Threat-Quarterback nicht ab: Hurts zeigte sich immer wieder fehleranfällig im Passspiel, warf ungenaue Bälle, traf falsche Entscheidungen und ließ gute Möglichkeiten liegen. Sein Laufspiel hingegen blieb über die Saisons eine seiner größten Stärken. In den Jahren 2021 bis 2024 erlief der Quarterback immer mindestens 600 Yards selbst und erreichte nie weniger als zehn Rushing Touchdowns - Statistiken, von denen einige Running Backs nur träumen können.
Die Erfolge der Saison 2024 ließen Hurts in den Augen seiner Fans endgültig in die Quarterback-Elite vorstoßen. Die Eagles spielten eine herausragende Saison mit ihm als Anführer, schafften es in den Super Bowl 2025. Im Endspiel überrollte das Team die überforderten Kansas City Chiefs mit 40:22, und Hurts stemmte nicht nur die Vince Lombardi Trophy zum ersten Mal in die Höhe, sondern wurde auch als MVP des Finals ausgezeichnet.

Während für viele diese Leistung den Status von Hurts zementierte, blieben selbst in dieser herausragenden Saison Fragen an seinem Passspiel bestehen. Der Quarterback warf nur für knapp über 2900 Yards und 18 Touchdowns - beinahe Tiefstwerte in seiner Karriere als Starter. Zudem kam er im Super Bowl mit seinen Pässen nur auf knapp 220 Yards, erneut unterlief ihm eine Interception. Den besten Eindruck machte er, wenn er selbst lief.
Für seine Kritiker ist Hurts bis heute vor allem ein System-Quarterback und Game Manager, der ohne seine starke Offensive Line, seinen elitären Running Back Saquon Barkley und das auf ihn zugeschnittene System nicht überzeugen könnte. Selbst teamintern steht er auf dem Prüfstand, da er Lieblingsspielzüge haben und das Playcalling entscheidend beeinflussen soll. In der Top-100-Liste aller NFL-Spieler liegt der 28-Jährige auf Platz 56 und damit knapp nicht in den Top 10 unter den Quarterbacks der Liga.
Die Antwort auf die Frage, was Hurts tatsächlich ist, bleibt damit offen. Klar ist nur: Die Eagles setzen weiterhin voll auf ihren Quarterback. Vor dem aktuellen Monday Night Game gegen die Chicago Bears steht Philadelphia bei zwei Siegen aus zwei Spielen - und Hurts erneut im Zentrum einer Debatte, die ihn seit seinem Draft begleitet.
nhu