vor 17 Stunden
Fan-Kolumne
Houston schöpfte nach dem Fehlstart in London neue Hoffnung. Doch die Niederlage gegen die New York Giants legt die alten Probleme schonungslos offen. Ausgerechnet die einstige Vorzeige-Defense ist zur größten Baustelle geworden.

Für einen Moment schien die Saison der Houston Texans doch noch die erhoffte Wendung zu nehmen. Nach einem katastrophalen Start mit vier Niederlagen in Folge fand das Team von Head Coach DeMeco Ryans zurück in die Spur. Der deutliche 26:3-Erfolg gegen die Tennessee Titans und der anschließende Sieg gegen die Jacksonville Jaguars in London ließen die Hoffnung auf eine Aufholjagd und den erneuten Angriff auf die Playoffs wachsen. Doch nur wenige Tage später ist von der Aufbruchstimmung kaum noch etwas übrig. Die 21:27-Niederlage nach Verlängerung gegen die New York Giants hat die Texans auf 2:5 zurückgeworfen - und vor allem eine Frage aufgeworfen: Was ist aus der Defense geworden, die vor der Saison zu den besten der NFL gezählt wurde?
Es ist der wohl bitterste Widerspruch dieser Texans-Saison. Noch vor wenigen Monaten galt Houstons Verteidigung als das Fundament für eine erfolgreiche Spielzeit. Mit Pass Rushern wie Will Anderson Jr. und Danielle Hunter sowie einer talentierten Secondary verfügte Ryans über die personellen Voraussetzungen, um gegnerische Quarterbacks unter permanenten Druck zu setzen und Spiele im Alleingang zu entscheiden.
In der vergangenen Saison ließen die Texans durchschnittlich lediglich 277,2 Yards pro Partie zu - Ligabestwert. In diesem Jahr sind es bereits 342 Yards. Der Absturz ist nicht allein an einer Statistik abzulesen. Es fehlt an Konsequenz, Abstimmung und vor allem an der Fähigkeit, den Gegner in den entscheidenden Momenten zu stoppen.
Gerade gegen die Giants wurde das erneut deutlich. New Yorks Quarterback J.J. McCarthy absolvierte seinen ersten Start für die Giants und kam auf 252 Passing Yards bei 20 erfolgreichen Pässen aus 28 Versuchen. Houston gelang es weder, die tiefen Würfe zuverlässig zu verhindern, noch die gegnerischen Receiver nach dem Catch schnell zu Boden zu bringen. Immer wieder wurden aus eigentlich kontrollierbaren Situationen gefährliche Raumgewinne.
Besonders alarmierend präsentierte sich die Laufverteidigung. Die Giants erliefen insgesamt 188 Yards, Cam Skattebo allein kam auf 124. Was auf dem Papier bereits ernüchternd klingt, wurde auf dem Feld zum Sinnbild einer Defense, die ihren eigenen Ansprüchen hinterherläuft.
Dabei sind es nicht ausschließlich fehlende individuelle Glanzleistungen, die Houston zu schaffen machen. Vielmehr summieren sich die Fehler zu einem strukturellen Problem. Verteidiger bekommen ihre Hände an den Ballträger, bringen ihn aber nicht zu Boden. Andere kommen zu spät, während sich in der Absicherung Lücken öffnen. Das Resultat sind Big Plays, die den Gegner zurück ins Spiel bringen - oder ihm den entscheidenden Vorteil verschaffen.
Ein besonders bitteres Beispiel lieferte Skattebo mit seinem 16-Yard-Touchdown-Lauf im Schlussviertel. Mehrere Texans-Verteidiger hatten die Gelegenheit, den Running Back zu stoppen, scheiterten jedoch an den entscheidenden Tackles. Statt den Angriff der Giants zu beenden, musste Houston den nächsten Rückschlag hinnehmen.
Die Verlängerung setzte dem Auftritt schließlich die Krone auf. Nachdem die Texans offensiv keinen Ertrag aus ihrem ersten Ballbesitz gezogen hatten, benötigten die Giants nur drei Spielzüge für die Entscheidung. Zunächst lief Skattebo über 42 Yards, anschließend vollendete Devin Singletary mit einem 30-Yard-Touchdown-Lauf zum 27:21.
Eine Mannschaft, die vor Saisonbeginn als defensive Macht gehandelt wurde, darf sich in einer solchen Situation nicht derart auseinandernehmen lassen. Gerade in engen Spielen entscheidet die Qualität einer Defense darüber, ob aus einer schwierigen Partie ein Sieg wird. Houston liefert derzeit das gegenteilige Beispiel: Wenn es darauf ankommt, fehlt die letzte Konsequenz.
Für Ryans ist die Situation besonders heikel. Der Head Coach gilt als defensiv geprägter Trainer, dessen Philosophie auf aggressivem Spiel, physischer Präsenz und konsequenter Arbeit an den Grundlagen beruht. Doch genau diese Prinzipien werden momentan nicht zuverlässig umgesetzt.
Nach der Niederlage gegen New York verwies Ryans auf die Notwendigkeit, die Grundlagen des Spiels zu verbessern. Es gebe keine Wunderlösung, die plötzlich alle Probleme beseitige. Stattdessen müsse das Team bei den fundamentalen Aufgaben ansetzen und Verantwortung übernehmen.
Das klingt nachvollziehbar, verdeutlicht aber zugleich die Dimension der Krise. Denn die Probleme beschränken sich nicht auf einen einzelnen Ausrutscher. Schon in den vorherigen Niederlagen hatte Houston Schwierigkeiten, Führungen zu verteidigen und gegnerische Angriffe in kritischen Phasen zu stoppen. Vier der fünf Niederlagen vor dem Giants-Spiel waren bis in die Schlussphase offen gewesen. Wiederholt fehlte der Defense der entscheidende Stopp.
Auch die Offensive kann sich nicht vollständig aus der Verantwortung ziehen. Gegen New York kam Houston auf zehn Strafen für insgesamt 80 Yards. Quarterback C.J. Stroud warf zwar zwei Touchdown-Pässe und führte sein Team spät zum Ausgleich, konnte die Partie aber nicht mehr drehen. Dennoch liegt der größte Handlungsbedarf derzeit auf der anderen Seite des Balles.
Die beiden Siege rund um den London-Trip hatten den Texans eine Perspektive eröffnet. Plötzlich schien es möglich, den schwachen Saisonstart hinter sich zu lassen und sich Schritt für Schritt wieder in das Rennen um die Playoff-Plätze zu arbeiten. Die Niederlage gegen die Giants hat diese Hoffnung empfindlich beschädigt.
Mit einer Bilanz von 2-5 steht Houston unter erheblichem Zugzwang. Die Saison ist noch nicht verloren, doch weitere Rückschläge lassen kaum Spielraum. Vor allem muss die Defense beweisen, dass sie mehr ist als ein großer Name und eine Ansammlung talentierter Einzelspieler.
Die Voraussetzungen für eine Wende sind weiterhin vorhanden. Anderson, Hunter und die übrigen Leistungsträger besitzen das Potenzial, Spiele zu prägen. Entscheidend wird sein, ob sie als Einheit auftreten, ihre Tackles konsequent setzen und explosive Spielzüge des Gegners verhindern können.
London sollte der Beginn einer Aufholjagd sein. Stattdessen droht die Saison nun an jener Stelle zu zerbrechen, an der Houston eigentlich seine größte Stärke vermutet hatte. Solange die Defense nicht zu ihrer alten Stabilität zurückfindet, bleibt der Angriff auf die Playoffs vor allem eines: eine Hoffnung, die von Woche zu Woche kleiner wird.
Konstantin Thüroff