22.02.2026
Tape statt Show
Die Jacksonville Jaguars sorgen kurz vor dem NFL Scouting Combine für Verwunderung. Head Coach Liam Coen und General Manager James Gladstone werden nicht vor Ort sein, um die Stars von morgen aus nächster Nähe zu analysieren.

Nicht das gesamte Team bleibt fern, doch die beiden wichtigsten Entscheidungsträger verzichten bewusst auf die Reise nach Indianapolis. Während das Team dennoch mit Vertretern nach Indy fährt, bleiben der Head Coach und der GM zu Hause. Damit schließen sich die Jaguars einer kleinen Minderheit hochrangiger Teamverantwortlicher an, die das jährliche Großevent mittlerweile auslassen.
Die verschiedenen athletischen Tests des Combine werden ohnehin aufgezeichnet und können jederzeit ausgewertet werden. Der größte Verzicht betrifft also nicht die Drills, sondern den direkten Kontakt zu den Spielern - insbesondere die 15-minütigen Interviews am Abend.
Wie ESPN berichtet, planen die Jaguars sogar, komplett auf persönliche Gespräche mit den Talenten zu verzichten. Weder beim Combine noch in Jacksonville sollen sogenannte "Top 30"-Besuche stattfinden.
Der Grund ist bemerkenswert: Die Jaguars möchten nicht riskieren, dass sich ihre Einschätzung eines Spielers durch ein kurzes 15- bis 20-minütiges Gespräch verändert oder beeinflusst wird. Sie fokussieren sich damit konsequent auf die Fakten und das Tape des Spielers. Dieses Vorgehen orientiert sich am Modell der Los Angeles Rams, wo James Gladstone jahrelang unter Rams-GM Les Snead gearbeitet und gelernt hat. Die Rams waren mit dieser Strategie in den vergangenen Jahren äußerst erfolgreich.
Natürlich hat ein direktes Gespräch mit einem Spieler seinen Wert. Selbst wenn Antworten vorbereitet und einstudiert sind, liefert ein persönlicher Eindruck zusätzliche Informationen.
Doch die Jaguars setzen stattdessen verstärkt auf umfassende Hintergrundrecherche. Der Fokus liegt auf dem Ruf eines Spielers, seinem Auftreten im College-Programm und seinem gesamten Umfeld. Zudem verhindert dieser Ansatz, dass andere Teams Rückschlüsse darauf ziehen können, welche Spieler Jacksonville besonders ins Auge gefasst hat.
Das erhöht die Chance, Wunschspieler tatsächlich zu bekommen - oder zumindest den Eindruck zu erwecken, dass man genau die Spieler erhalten hat, die man ohnehin im Visier hatte.
Generell verliert der Combine in NFL-Kreisen zunehmend an Stellenwert. Was früher eine der wichtigsten Informationsquellen für Teams war, entwickelt sich immer mehr zu einem medialen Schaulaufen.
Durch technologische Fortschritte haben Teams mittlerweile Zugriff auf detaillierte In-Game-Daten. Sie können dadurch beispielsweise die tatsächliche Spielgeschwindigkeit eines Spielers während einer Partie messen - in voller Ausrüstung und unter realen Wettkampfbedingungen. Diese Daten gelten als deutlich aussagekräftiger als etwa der klassische 40-Yard-Dash ohne Pads in einer kontrollierten Umgebung.
Viele Teams nutzen den Combine daher primär für medizinische Untersuchungen und Interviews. Die athletischen Drills persönlich zu verfolgen, verliert hingegen Schritt für Schritt an Bedeutung - zumal sämtliche Übungen später ohnehin auf Tape analysiert werden können.
Die Entscheidung der Jaguars zeigt deutlich: Der Scouting Combine ist längst nicht mehr das unumstößliche Zentrum der Talentbewertung, als das er oft dargestellt wird. Dennoch bleibt er eines der großen Offseason-Events der NFL, bei dem viele erstmals einen Blick auf die Stars von morgen werfen können.
val