04.11.2025
Indianapolis-Star im Interview
Kenny Moore (30) ist einer der dienstältesten Profis der Indianapolis Colts. So gut wie jetzt war das Team in seinen mittlerweile acht NFL-Jahren nie. Vor dem Berlin-Spiel gegen die Atlanta Falcons am Sonntag (15.30 Uhr MEZ) erzählt der ehemalige Pro Bowler im kicker-Interview, was der überraschende Höhenflug mit Geburtstagsfeiern zu tun hat - und warum das Publikum in Deutschland für ihn "der perfekte 12. Mann" ist.

kicker: Herr Moore, das Berlin-Spiel gegen die Atlanta Falcons wird bei weitem nicht ihr erster Besuch in Deutschland sein. Können wir das Interview eigentlich schon auf Deutsch führen?
Kenny Moore II (30): Nein, nein. Ich kann nur einzelne Sätze. Wie alt bist du? Danke. Auf Wiedersehen. Wo wohnst du? (überlegt) Das war's auch schon.
Ihr österreichischer Teamkollege Bernhard Raimann war im Sommer in unserem Podcast "Icing the kicker" zu Gast und hat erzählt, dass sich einige Colts-Profis vor dem Frankfurt-Spiel gegen die Patriots 2023 vor dem deutschen Essen gefürchtet haben und lieber zu McDonald's gehen wollten. Hand aufs Herz: Waren Sie einer davon?
Zu McDonald's bin ich nicht gegangen, aber ich war bei KFC (lacht). Ich habe aber auch das deutsche Essen ausprobiert: Schnitzel war nicht so mein Fall, Bratwurst dagegen ganz gut. Deutsches Bier habe ich leider noch nicht probiert, weil ich bei meinen Besuchen immer im Trainings-Modus war. Ich habe aber gehört, dass es ganz anders schmeckt als in den USA.
Im Frühling sind Sie für die Colts durch Deutschland gereist, haben unter anderem einen Draft Pick der Colts mit dem deutschen Ex-NFL-Profi Björn Werner bekannt gegeben. Wie kam es zu dieser Tour?
Angefangen hat das 2023, als wir in Frankfurt gespielt haben. Als wir vor dem Spiel durchs Stadion gelaufen bin, hat mich das angezündet. Ich wollte mehr machen. Also war ich mit der Colts Academy neun Tage in Deutschland, in Dortmund, Berlin, Leipzig und Frankfurt, wir haben mit Jugendlichen trainiert. Für mich geht es darum, ein Botschafter für die Colts zu sein, aber auch für die NFL. 2028 wird Flag Football bei den Olympischen Spielen vertreten sein, dadurch können wir viel vorantreiben. Das Potenzial ist enorm.
Am 9. November sind Sie dann wieder in Deutschland, spielen dieses Mal gegen die Atlanta Falcons. Da wird nicht so viel Zeit für andere Dinge sein, nehme ich an.
Während der laufenden Saison ist es einfach Business, da müssen die anderen Interessen hinten angestellt werden. Jedes Team spielt die internationalen Spiele in erster Linie, um dem Super Bowl einen Schritt näherzukommen. Wir wollen das Spiel gewinnen und dann mit der Saison weitermachen. Vielleicht können wir in Berlin mal schön essen gehen oder so. Aber ich bin dort, um die Falcons zu schlagen.
Die Colts sind das erste Team, das zum zweiten Mal in Deutschland spielt. Ein Vorteil gegenüber den Falcons, die ihre Deutschland-Premiere geben?
Ich fühle mich zumindest sehr wohl dort. Schon vor unserem Spiel 2023 habe ich mal eine längere Reise durch Deutschland und Österreich gemacht. In Berlin fühle ich mich irgendwie zu Hause, ich liebe die Stadt. Ob es uns als Team weiterhilft, weiß ich nicht. Auf dem Feld selbst bist du so fokussiert auf das Spiel, dass du vergisst, dass du in Deutschland bist. Aber als ich in Frankfurt an der Seitenlinie stand und die Fans "Country Roads" gesungen haben, habe ich richtig Gänsehaut bekommen. Das ist der perfekte 12. Mann. Diese Leidenschaft zu fühlen, ist ziemlich cool als Profisportler.
Sprechen wir über den Gegner. Die Falcons sind ein Team mit tollen Skill Playern wie Bijan Robinson, Drake London oder Kyle Pitts. Wie gehen Sie als Defense an, wenn der Gegner so viele verschiedene Waffen hat?
In allererster Linie müssen wir den Run stoppen. Damit will jedes Team Erfolg haben. Ich kenne die Falcons gut, wir haben vor zwei Jahren schon gegen sie gespielt - und sie können den Ball sehr dominant laufen. Sie haben ja nicht nur Bijan Robinson, sondern auch Tyler Allgeier, das ist ein zweiköpfiges Monster. Bijan ist der mit den besonderen Skills, er ist akrobatisch, läuft sehr clever. Aber sie haben eben auch Allgeier als kräftiges Muskelpaket, ein echter Bruiser. Wenn du nicht bereit bist, können sie dich mit diesem 1-2-Punch schlagen. Ich glaube aber, dass wir da ganz gut aussehen können.
Als Slot Cornerback werden Sie es häufig mit den Receivern und Tight Ends der Falcons zu tun bekommen.

Drake London ist natürlich ihr Go-To-Guy, der Move-the-sticks-Guy. Er ist explosiv, kann dich mit einem Double Move schlagen, läuft jede Route, die sie von ihm verlangen. Ich denke aber, dass wir erstmal den Run stoppen und sie in lange Down-and-Distance-Situationen bekommen müssen. Darauf wird der Fokus liegen. Wir müssen es uns erst verdienen, in den Pass Rush zu gehen und vielleicht Interceptions zu fangen.
Sie sind seit 2017 bei den Colts und damit einer der dienstältesten Spieler im Kader. In ihrer Anfangszeit hieß der Quarterback noch Andrew Luck. Sehen wir aktuell die besten Indianapolis Colts, seit Sie im Team sind?
Zu dem Zeitpunkt der Saison wahrscheinlich ja. 2018 waren wir wirklich gut, sind damals aber mit 1-5 in die Saison gestartet und haben dann neun von zehn Spielen gewonnen. Daran sieht man: Der Charakter eines Teams zeigt sich, wenn die Dinge nicht so gut laufen. Der Charakter eines Teams zeigt sich im November und Dezember. Niemanden interessiert, was du im September und Oktober geleistet hast. Je länger die Saison dauert, desto mehr Spieler sind angeschlagen, desto länger werden die Tage. Es wird jetzt eine Prüfung für uns, so weiterzumachen.
Es muss sich aber doch gut anfühlen, nach vielen Jahren Mittelmaß wieder Teil eines Teams zu sein, das am laufenden Band Spiele - abgesehen vom jüngsten 20:27 bei den Pittsburgh Steelers - gewinnt und bereits bei einer Bilanz von 7-2 steht?
Unser Coach Shane Steichen hat ein sehr gutes Fundament hier in Indianapolis gelegt. Wir alle lieben es, zu spielen, wollen dem Team etwas geben. Nicht nur am Spieltag, sondern die ganze Woche, in jeder Besprechung, in jeder Krafteinheit. Wir wollen Verantwortung übernehmen, professionell sein. Es ist natürlich schön, Teil eines solchen Teams zu sein und diese Tage miterleben zu können, weil wir in den letzten Jahren viel durchgemacht haben.
Mit Ihrem starken Saisonstart hatte kaum jemand gerechnet, die Colts sind bislang die positive Überraschung der Saison.
Deswegen lieben wir doch alle den Sport so sehr. Wenn es keine Underdogs gäbe, hätte der Sport keinen so großen Stellenwert. Diese Storyline zu haben, dass ein Team unerwartet ganz oben steht, das muss man einfach mögen. Aber wenn wir von uns erwartet hätten, dass die Dinge so laufen wie letzte Saison, gäbe es gar keinen Grund für uns, dieses Spiel zu spielen. Wir erwarten immer von uns, das Beste herauszuholen. Was die Leute außerhalb unseres Teamgeländes von uns erwarten, ist für uns irrelevant.
Haben Sie dennoch eine Erklärung, warum es plötzlich so gut läuft? Auf dem Papier ist das Personal zumindest nicht deutlich besser als letzte Saison.
Es gibt kein echtes Geheimnis dahinter. Was aber anders ist als letzte Saison: die Beziehungen innerhalb des Teams. Das hat schon im April angefangen. Wir haben in der Offseason viele Teamaktivitäten veranstaltet. Es gibt ja immer neue Spieler, neue Coaches. Du willst den Menschen kennen, der auf dem Feld links oder rechts von dir steht. Du willst wissen, für wen du kämpfst. Du musst eine Kameradschaft über das ganze Jahr hinweg aufbauen. Also haben wir angefangen, Geburtstage zusammen zu feiern, die Siege zusammen zu feiern, im Flugzeug auf der Rückreise zusammen zu feiern. Diese Dinge sieht niemand von außen - aber sie bringen dich weiter, als Sie es sich vorstellen können. Dieser Prozess spielt eine große Rolle für unsere gute Leistungen an den Spieltagen.
Neben Quarterback Daniel Jones ist auch Defensive Coordinator Lou Anaroumo ein neuer Name im Team. Sie arbeiten täglich mit ihm zusammen. Wie hat er es geschafft, die Colts-Defense besser zu machen?
Es sind die Grundlagen, seine Haltung, sein Blick auf das Spiel. Er verlangt sehr viel von uns, will, dass wir vielseitig sind und auf vielen verschiedenen Orten auf dem Feld auftauchen. So bringt er uns in die beste Position. Dabei muss jeder viel Verantwortung übernehmen. Er stellt sicher, dass wir alle zusammenhalten und den Fokus nicht verlieren.
Die Colts waren seit 2020 nicht mehr in den Playoffs vertreten, nun führen Sie die AFC South souverän an. Was bedeutet es Ihnen, bald möglicherweise wieder Postseason-Football spielen zu dürfen?

Es ist eine Sache, in die Playoffs zu kommen, aber eine andere, die großen Spiele auch zu gewinnen. Unser guter Lauf darf uns jetzt nicht überwältigen. Wir dürfen nicht anfangen, darüber nachzudenken, was wir schaffen können, denn unser Potenzial ist immer hoch. Ich persönlich versuche einfach, den Prozess zu genießen. Es ist immer leicht, sich auf einem Record, wie wir ihn haben, auszuruhen. Aber es wird immer schwieriger. Jeder Gegner gibt gegen dich sein Bestes, wenn du so gut drauf bist.
Muss das Ziel mit einer so gut funktionierenden Mannschaft jetzt sein, den Super Bowl zu erreichen?
Das muss jede Saison das Ziel sein. Wenn du irgendein anderes Ziel ausgibst, begrenzt du dich selbst, die ganze Organisation, die ganze Mannschaft. Ich erwarte immer das Beste von mir, aber auch von meinen Teamkollegen. Sobald der Münzwurf gefallen ist, muss jeder sein Bestes geben. Und das Beste ist der Super Bowl.
Interview: Michael Bächle