19.08.2026
Goodell träumt offen
Die Vision eines NFL-Teams auf europäischem Boden ist längst keine reine Zukunftsmusik mehr. Commissioner Roger Goodell spricht offen über eine Expansion über den Atlantik, doch zwischen Wunsch und Wirklichkeit liegen noch zahlreiche Hürden.

Faninteresse ist längst vorhanden. Die International Games füllen Jahr für Jahr die Stadien in London, München, Frankfurt und künftig Paris. Doch bevor Europas erste NFL-Franchise Realität werden kann, müssen komplexe logistische, rechtliche und wirtschaftliche Fragen gelöst werden.
Die NFL verfolgt ihre Internationalisierungsstrategie seit Jahren konsequent. Internationale Spiele gehören mittlerweile fest zum Kalender und Commissioner Roger Goodell macht keinen Hehl daraus, wohin die Reise langfristig gehen soll.
Der Liga-Boss betonte zuletzt erneut, dass für ihn kein Zweifel bestehe, dass es eines Tages NFL-Teams außerhalb der USA geben werde. Besonders Europa gilt dabei als wahrscheinlichster Standort einer ersten internationalen Expansion. Goodell geht sogar noch einen Schritt weiter. Sollte sich dauerhaft ein Team in Europa etablieren, hält er langfristig sogar einen Super Bowl außerhalb der Vereinigten Staaten für denkbar. Dabei denkt die Liga längst nicht mehr ausschließlich über eine einzelne Franchise nach.
Das größte Problem eines einzelnen europäischen Teams wäre der enorme Wettbewerbsnachteil gegenüber den US-Franchises. Genau deshalb brachte Goodell bereits mehrfach die Idee einer kompletten Europa-Division mit vier Teams ins Spiel.
Statt lediglich eine Mannschaft nach Europa zu schicken, könnten mehrere Franchises gleichzeitig gegründet werden. Dadurch würden die sechs Divisionsduelle komplett innerhalb Europas stattfinden und viele Transatlantikreisen entfallen.
Eine mögliche Division könnte beispielsweise aus Standorten wie London, München, Frankfurt und Madrid bestehen. Dieses Modell würde viele organisatorische Probleme deutlich entschärfen und gilt innerhalb der Liga als realistischere Lösung als eine isolierte Einzel-Franchise.
Nicht das Faninteresse ist derzeit das größte Hindernis für ein NFL-Team in Europa - sondern die Organisation des Spielbetriebs. Bereits heute reisen US-Teams nur einmal pro Saison nach Europa und erhalten anschließend meist eine Bye Week zur Regeneration. Für eine dauerhaft in Europa beheimatete Franchise würde dieser Aufwand jedoch Woche für Woche anfallen.
Flüge von acht bis zehn Stunden wären keine Ausnahme. Hinzu kämen Zeitverschiebungen von bis zu neun Stunden bei Spielen an der US-Westküste. Ein klassischer NFL-Spielplan wäre unter diesen Voraussetzungen kaum umsetzbar.
Hinzu kommt ein weiteres Problem. NFL-Kader verändern sich praktisch jede Woche. Verletzungen gehören zum Alltag. Muss kurzfristig ein Free Agent verpflichtet werden, könnte dieser nicht einfach innerhalb weniger Stunden zum Team stoßen. Medizinische Untersuchungen, Vertragsunterzeichnungen und Anreise über den Atlantik würden den gesamten Prozess erheblich verkomplizieren.
Deshalb gilt innerhalb der Liga ein sogenanntes Block-Modell als wahrscheinlichste Lösung. Anstatt jede Woche den Atlantik zu überqueren, würde ein europäisches Team seine Saison in längeren Heim- und Auswärtsphasen absolvieren. Denkbar wären beispielsweise zunächst vier Heimspiele in Europa, bevor die Mannschaft für mehrere Wochen in die USA reist und dort einen kompletten Roadtrip bestreitet. Während dieser Zeit würde das Team dauerhaft in den Vereinigten Staaten trainieren und nicht nach jedem Spiel zurück nach Europa fliegen.
Noch effizienter ließe sich dieses Konzept mit einer kompletten Europa-Division umsetzen. Die europäischen Franchises könnten ihre Divisionsduelle zunächst weitgehend untereinander austragen, ehe komplette Blöcke von US-Teams für mehrere Wochen nach Europa reisen beziehungsweise die europäischen Mannschaften gemeinsam zu einer längeren Spielphase in die Vereinigten Staaten aufbrechen würden. Dadurch ließen sich die Belastungen durch Transatlantikflüge erheblich reduzieren und der Spielbetrieb deutlich effizienter gestalten.
Ein europäisches NFL-Team würde praktisch zwei Hauptquartiere benötigen. Neben dem eigentlichen Standort in Europa wäre eine dauerhafte Trainingsbasis an der US-Ostküste nahezu unverzichtbar.
Von dort könnten Trainingslager während längerer Roadtrips organisiert werden. Gleichzeitig ließen sich dort kurzfristige Spielerverpflichtungen deutlich einfacher abwickeln. Neue Spieler könnten medizinisch untersucht, unter Vertrag genommen und anschließend gesammelt zum Team gebracht werden. Eine solche Infrastruktur wäre vermutlich Voraussetzung für einen funktionierenden NFL-Alltag.
Die Zeitverschiebung könnte für die NFL sogar ein Vorteil sein. Bereits heute beginnen die International Games meist um 15 Uhr deutscher Zeit. In den USA entspricht das 9 Uhr morgens an der Ostküste und schafft ein exklusives TV-Fenster, bevor die regulären Sonntagsspiele starten.
Ein dauerhaftes europäisches Team würde seine Heimspiele vermutlich ebenfalls in diesem Zeitfenster austragen. Auswärtsspiele in den USA würden dagegen überwiegend am frühen Sonntagnachmittag stattfinden. Dadurch ließen sich extrem späte Kickoffzeiten für Spieler und Fans vermeiden. Spiele wie Monday Night Football mitten in der europäischen Nacht wären für eine Europa-Franchise wohl eher die Ausnahme.
Auch die Bye Week dürfte künftig deutlich strategischer eingesetzt werden. Sie könnte gezielt nach längeren Transatlantikreisen eingeplant werden, um Spielern zusätzliche Regenerationszeit zu ermöglichen.
Mindestens genauso kompliziert wie die Logistik wären die finanziellen Rahmenbedingungen. Spieler müssten in Ländern wie Deutschland oder Großbritannien deutlich höhere Einkommensteuern zahlen als in vielen US-Bundesstaaten. Gleichzeitig bleiben amerikanische Staatsbürger grundsätzlich auch in den USA steuerpflichtig.
Selbst bestehende Doppelbesteuerungsabkommen würden nicht verhindern, dass viele Profis unter dem Strich weniger Nettoverdienst hätten als bei einer Franchise in den Vereinigten Staaten.
Hinzu kommt ein weiterer Aspekt. Einige europäische Länder besteuern auch internationale Werbeeinnahmen ihrer Einwohner. Für NFL-Stars, die einen erheblichen Teil ihres Einkommens über Sponsoren generieren, könnte das einen Standort in Europa deutlich unattraktiver machen.
Noch komplexer wird die Situation beim Blick auf die rechtlichen Rahmenbedingungen. Der Tarifvertrag zwischen der NFL und der Spielergewerkschaft NFLPA basiert vollständig auf US-Recht. Europäische Arbeitsgesetze unterscheiden sich jedoch teilweise erheblich. Kündigungsschutz, Arbeitszeiten oder Urlaubsregelungen könnten mit den bestehenden NFL-Regularien kollidieren.
Hinzu kommt der NFL Draft. Während junge Spieler in den USA von der Liga einem Team zugeteilt werden, könnte dieses System nach europäischem beziehungsweise EU-Recht Fragen hinsichtlich der freien Arbeitsplatzwahl aufwerfen. Auch Visa- und Aufenthaltsgenehmigungen für Spieler, Trainer, Betreuer und deren Familien müssten dauerhaft geregelt werden.

Selbst wenn sämtliche organisatorischen Fragen gelöst wären, bleibt ein weiterer entscheidender Faktor. NFL-Profis können als Free Agents ihren Arbeitgeber frei wählen.
Viele Spieler dürften nur wenig Interesse daran haben, ihren gesamten Lebensmittelpunkt inklusive Familie dauerhaft nach Europa zu verlegen. Gerade etablierte Stars könnten deshalb eher US-Franchises bevorzugen. Eine einzelne Europa-Mannschaft hätte dadurch möglicherweise einen klaren Wettbewerbsnachteil auf dem Transfermarkt.
Auch deshalb erscheint eine komplette Europa-Division realistischer. Mehrere Teams würden den europäischen Markt attraktiver machen und gleichzeitig die sportliche Konkurrenz innerhalb Europas erhöhen.
London gilt als klarer Spitzenkandidat. Das Tottenham Hotspur Stadium wurde speziell für NFL-Spiele konzipiert und verfügt über die modernste Football-Infrastruktur außerhalb Nordamerikas. Zudem finden dort bereits seit 2007 regelmäßig Regular-Season-Spiele statt. Roger Goodell erklärte sogar, London könne langfristig zwei NFL-Teams tragen.
München hat sich mit dem überwältigenden Erfolg des ersten Deutschland-Spiels 2022 endgültig als Top-Standort etabliert. Deutschland gilt inzwischen als wichtigster Wachstumsmarkt der NFL auf dem europäischen Festland.
Frankfurt bringt mit seiner Football-Historie rund um Frankfurt Galaxy sowie einem der größten internationalen Flughäfen Europas ideale Voraussetzungen mit.
Madrid rückte durch die International Series im modernisierten Santiago Bernabéu unmittelbar in den Favoritenkreis auf. Ein Team dort würde der NFL gleichzeitig den Zugang zum spanischsprachigen Markt erleichtern.
Paris besitzt mit dem Stade de France sowie seiner internationalen Strahlkraft ebenfalls beste Voraussetzungen und wäre besonders für Sponsoren ein äußerst attraktiver Standort.
Dass Europa eines Tages eine eigene NFL-Franchise erhält, erscheint heute realistischer denn je. Roger Goodell macht aus seinen Expansionsplänen keinen Hehl und die stetig wachsende Zahl internationaler Spiele zeigt, wie ernst die Liga den europäischen Markt nimmt.
Dennoch entscheidet am Ende nicht die Begeisterung der Fans über den Erfolg eines solchen Projekts. Erst wenn Fragen rund um Logistik, Steuern, Arbeitsrecht, Spielergewinnung und Spielplanung gelöst sind, kann aus der Vision Realität werden.
Sollte dieser Schritt gelingen, dürfte es jedoch kaum bei einer einzelnen Mannschaft bleiben. Vieles spricht dafür, dass die NFL direkt mit einer kompletten Europa-Division den Sprung über den Atlantik wagen würde - und damit eines der größten Kapitel ihrer Geschichte aufschlagen könnte.
nkr