17.10.2026
Radikaler Umbruch mit Methode
Fünf Spiele, fünf Niederlagen - auf den ersten Blick bietet die Saison der Miami Dolphins wenig Grund zur Freude. Bei genauerem Hinsehen vollzieht sich in Florida jedoch ein bewusster und methodischer Umbruch, der die Franchise für die Zukunft rüsten soll - und das ausgerechnet vor einem NFL Draft 2027, der schon jetzt als einer der stärksten Jahrgänge der vergangenen Jahrzehnte gilt.

Dass die Dolphins 2026 keine Playoff-Ambitionen verfolgen würden, war bereits vor der Saison absehbar. Rund 183 Millionen Dollar Dead Cap belasten das Franchise, maßgeblich verursacht durch die Vertragsfolgen rund um Tua Tagovailoa. General Manager Jon-Eric Sullivan und Head Coach Jeff Hafley entschieden sich bewusst für einen radikalen Schnitt: Spieler wie Tyreek Hill, Bradley Chubb und Tua Tagavailoa wurden bereits vor Saisonbeginn freigesetzt, um Cap-Compliance herzustellen und Platz für einen fundamentalen Neuanfang zu schaffen.
Wichtig dabei: Es handelt sich nicht um klassisches Tanking im Sinne absichtlichen Verlierens. "Wir werden sehr, sehr selektiv sein, wen wir hier in der Free Agency reinholen", betonte Sullivan bereits im Vorfeld und machte klar, dass Jugend und Charakter die zentralen Kriterien beim Roster-Aufbau bleiben. Nach 25 Jahren ohne einen einzigen Playoff-Sieg - zuletzt gelang dieser im Jahr 2000, noch bevor Hafley überhaupt seine Trainerkarriere begann - war ein derart tiefgreifender Umbruch überfällig geworden. Zwei Playoff-Teilnahmen unter der vorherigen Regie unter General Manager Chris Grier brachten am Ende null Siege in der K.o.-Runde, dafür aber einen Kader, der durch überteuerte Verträge für Spieler wie Hill, Tagovailoa, Chubb und Jalen Ramsey finanziell massiv belastet war.
Kaum ein Spieler verkörpert den Umbruch so deutlich wie Linebacker Jacob Rodriguez, in der zweiten Runde gedraftet. Bereits früh erhielt er den "Green Dot" auf dem Helm und damit die Verantwortung, die Defensiv-Calls von der Seitenlinie zu empfangen und an seine Mitspieler weiterzugeben. Mit bereits 57 Tackles nach fünf Spielen - darunter ein Franchise-Rookie-Rekord von 18 Tackles gegen Minnesota sowie 14 beim Debüt gegen die Raiders - führt Rodriguez aktuell die gesamte NFL in dieser Kategorie an. Hinzu kommen acht Tackles for Loss sowie eine spektakuläre Interception gegen die Chiefs. Rodriguez gilt bereits jetzt als einer der aussichtsreichsten Kandidaten für den Defensive-Rookie-of-the-Year-Award.
Auch an anderen Stellen des Kaders zeigen sich positive Entwicklungen. Erstrunden-Guard Kadyn Proctor, ursprünglich als weniger prestigeträchtige Wahl gegenüber dem damals ebenfalls verfügbaren Edge Rusher Rueben Bain Jr. kritisiert, zählt inzwischen zu den bestbewerteten Rookies der gesamten Liga - während Bain bei seinem neuen Team bislang sacklos blieb. Gemeinsam mit Left Tackle Patrick Paul bildet Proctor eine der stabilsten Linien-Kombinationen der vergangenen sieben Jahre bei den Dolphins.
Cornerback Chris Johnson, ebenfalls Erstrunden-Pick, zeigte nach wackligem Start zuletzt deutliche Fortschritte und hielt sich selbst gegen eines der besten Receiver-Duos der Liga bei den Bengals schadlos. Bei den Receivern sorgten Caleb Douglas (Franchise-Debütrekord mit 94 Yards bei fünf Catches) und Chris Bell für Achtungserfolge, auch wenn Verletzungen und fehlende Vorbereitung Douglas zuletzt ausbremsten.
Running Back Ollie Gordon II übernahm nach der frühen Verletzung von De'Von Achane die Führungsrolle im Backfield und lieferte mit 100 Rushing-Yards und einem Touchdown bei nur neun Läufen gegen Minnesota sein bislang bestes Spiel. Auch Safety Michael Taaffe (fünfte Runde) nutzte Verletzungen bei Kyle Louis und Trey Moore, um sich als Rotationsspieler zu etablieren.

Einzig an der Quarterback-Position bleibt die Entwicklung unklar. Malik Willis, im Frühjahr mit einem Drei-Jahres-Vertrag über 67,5 Millionen Dollar ausgestattet, zeigte bislang Probleme bei Entscheidungsfindung, Spielfeldübersicht und Timing beim Release - erste Fan-Rufe nach einem Wechsel zu Backup Kyle McCord wurden bereits laut. Gleichzeitig verfügte Willis vor seiner Zeit in Miami über gerade einmal sechs Karrierestarts in fünf NFL-Saisons, wodurch auch er selbst noch mitten im Lernprozess steckt.
Besondere Brisanz erhält die aktuelle Situation durch den bevorstehenden NFL Draft 2027, der schon jetzt - mit Talenten wie Arch Manning und Jeremiah Smith an der Spitze - als einer der stärksten Jahrgänge der vergangenen Jahrzehnte gehandelt wird. Die Dolphins, aktuell auf Kurs für einen Top-Pick, könnten durch die Kombination aus hoher Draft-Position und der bereits gewonnenen finanziellen Flexibilität (das Dead-Cap-Volumen soll 2027 auf rund 56 Millionen Dollar sinken, während Sullivan gleichzeitig mit knapp 111 Millionen Dollar Free-Agency-Spielraum - ligaweit der zweithöchste Wert - planen kann) in eine besonders günstige Ausgangslage geraten.
Fünf Niederlagen lassen sich nicht wegdiskutieren, und auch der bevorstehende Spielplan verspricht kaum Besserung. Dennoch lässt sich bereits erkennen, auf welchen Spielern die neue Ära aufgebaut werden könnte. Für Dolphins-Fans gilt damit vorerst: Trust the Process - auch wenn die Ergebnisse noch auf sich warten lassen.
mgs