02.09.2019
NFL 2019: Wird Cleveland um Odell Beckham dem Hype gerecht?
Die AFC North genießt schon immer einen besonderen Ruf, speziell weil die divisionsinternen Gefechte meist roh und voller Emotionen daherkommen. Und auch 2019 im Zuge der 100. NFL-Saison versprüht diese Staffel ganz besonderen Reiz. Wie gut passt Lamar Jackson? Wie kommen die Steelers ohne zwei Bs aus? Und wie gut sind die Browns bei all der Star-Power?

Auch dank teils famosen Laufleistungen von "Running Quarterback" Lamar Jackson - der inzwischen 22-Jährige sprintete als Rookie bei 147 Versuchen (Rushing-NFL-Rekord unter Quarterbacks) über 695 Yards zu fünf Touchdowns (zehn Fumbles) und warf außerdem für 1201 Yards (sechs TDs, drei Interceptions, zwei Fumbles) - sprangen die Ravens 2018 auf den ersten Platz der AFC North. Prunkstück war dennoch die Defense um Star-Linebacker Terrell Suggs, der mit 36 Jahren und seit seinem NFL-Eintritt 2003 ununterbrochen für die Ravens gespielt hatte - und fortan tatsächlich nicht mehr Teil des Teams ist (Wechsel zu den Arizona Cardinals). Von den sechs verlorenen Spielen endeten vier mit höchstens einem Touchdown Rückstand. Warum? Weil Suggs (sieben Sacks), Za'Darius Smith (8,5 Sacks, zu den Packers gewechselt), C.J. Mosley (zu den Jets gewechselt) & Co. am Ende der Regular Season die wenigsten Yards (4687) und die zweitwenigsten Punkte im Schnitt (17,9, Chicago mit 17,7) zuließen.
Damit die Abwehr auch weiterhin so stark bleiben kann, hat man sich nach den Abgängen auch verstärkt - allen voran mit Star-Safety Earl Thomas von den Seattle Seahawks (2010-2018, 125 Regular-Season-Spiele, 664 Total Tackles, zehn Forced Fumbles, 28 Interceptions, zwei Touchdowns) und frischem Blut. Doch funktioniert das neue Gebilde? Kann Head Coach John Harbaugh (seit 2008 im Amt, Super-Bowl-Sieger 2012/13) mit seinen Coordinators die Qualität in der Defensive halten? Es könnte Probleme geben, sicherlich. Und das könnte wiederum zu Schwierigkeiten für das gesamte Team führen. Denn eines ist klar: Während in den vergangenen Jahren immer wieder die Abwehr Spiele allein entschieden hat, so muss das eventuell auch mal wieder von der Offense kommen. Und hier stellt sich ganz offen die Frage, ob allen voran Spielmacher Jackson bei all seiner läuferischen Qualität auch seinen Arm in den Griff bekommt. Allzu gut hat seine Passarbeit zuletzt nicht ausgesehen - und mit den Rookie-Receivern Marquise Brown oder Miles Boykin stehen ihm jetzt nicht die absoluten Top-Adressen zur Verfügung. Am Ende wird es deswegen vermutlich wieder auf einen bestens bekannten Dauerbrenner aus Baltimore ankommen: Justin Tucker. Der Kicker ist mit 90,1 Prozent Quote der sicherste Field-Goal-Schütze der NFL-Geschichte und hat seit 2015 (!) kein Field Goal innerhalb 50 Yards vergeben - geblockte Kicks ausgenommen. Kurios: Von inzwischen 242 Extrapunkten in seiner Laufbahn hat Tucker 241 verwandelt. Der einzige Fehlschuss ist letztes Jahr passiert.

Fragezeichen über Fragezeichen tun sich in Sachen "Steel City" auf. Das Positive vorneweg: Mit Trainer Mike Tomlin (47, seit 2007 im Amt, Super-Bowl-Sieger von 2008/09) hat Pittsburgh vorzeitig verlängert - und Star-Quarterback Ben Roethlisberger (zweimaliger NFL-Champion) erlebt im zarten Alter von 37 einen regelrechten Aufschwung (neuer Vertrag inklusive). "Big Ben" hat in seiner jüngsten, 15. Saison für 5129 Yards geworfen (persönlicher Rekord) und 34 Touchdowns erzielt (persönlicher Rekord) - und das, obwohl er noch vor einiger Zeit offen ans Karriereende dachte. So weit, so gut. Das kritische und "Terrible Towels" wedelnde Publikum ist allerdings erfolgsverwöhnt - gute Stats reichen da nicht aus. Deswegen hagelte es Kritik nach dem Verpassen der Play-offs. Eine Endrunde ohne das sechsmal im Super Bowl erfolgreiche Franchise? Jahr für Jahr undenkbar aus Sicht der Fans.
Und dass es 2019 für einen Spurt in die Play-offs reichen wird, liegt eben an der Qualität der Antworten auf die brennenden Fragen. Wie verkraftet das Team das endgültig zerstörte Puzzle aus den drei Bs "Big Ben", Running Back Le'Veon Bell (New York Jets) und Antonio Brown (Oakland Raiders)? Ist das Team ohne die schwierigen Star-Charaktere harmonischer? Kann sich der starke Wide Receiver JuJu Smith-Schuster (22) schon jetzt zum "Monster" entwickeln (bislang 2343 Yards und 14 Touchdowns in zwei Jahren)? Wer spielt hinter JuJu groß auf - Donte Moncrief, James Washington, Ryan Switzer? Kommt Running Back James Conner erneut gut zurecht (fast 1000 Yards und zwölf TDs in 2018)? Ist die Offensive Line um Tackle Alejandro Villanueva weiterhin eine der besten? Und ist die Defense weiterhin so gefährlich - allen voran T.J. Watt (Bruder von J.J. Watt und mit 13 Sacks sowie 118 Total Tackles in seinem zweiten NFL-Jahr) und Linebacker-Draft-Pick Devin Bush, die Hoffnung auf einen Nachfolger des seit langer Zeit verletzten Ryan Shazier? Sollte am Ende alles ineinander greifen und Pittsburgh auch Showdown-Matches gewinnen, dann kann es weit gehen. Schwächephasen und ganz besonders (neue, alte) Steelers-Streitereien könnten aber auch zum kompletten Gegenteil und damit erneut zu keinem Play-off-Ticket führen.

Die sicherlich größten Schlagzeilen der vergangenen Offseason produzierten die Browns - inklusive wahnwitziger Tage eines gewissen Damon Sheehy-Guiseppi. Dabei hat nicht nur der Transfer von Star-Receiver Odell Beckham Junior, der fortan an der Seite seines Kumpels Jarvis Landry hantieren und die Pässe von Kult-Quarterback Baker Mayfield fangen wird, für Furore gesorgt. Mit Freddie Kitchens hat Cleveland nach dem kuriosen Jahr 2018 mit den Entlassungen von Hue Jackson sowie Gregg Williams auch einen neuen Head Coach engagiert - dieser ist dabei binnen kürzester Zeit vom Trainer der Running Backs über den Offensive-Coordinator-Posten zum Chef aufgestiegen. Außerdem hat das Franchise aus Ohio, das zuletzt 2002 Play-off-Action erlebt und den letzten von acht NFL-Titeln 1964 verzeichnet hat, auch noch den in Ungnade gefallenen Running Back Kareem Hunt an Land gezogen. Dieser ist allerdings zunächst für acht Spiele von der Liga gesperrt worden.
Neben Beckham und Landry oder der Defense um Myles Garrett gilt das größte Hauptaugenmerk sicherlich Spielmacher Mayfield, der vergangenes Jahr als Rookie schnell zum Starter vor Tyrod Taylor (inzwischen bei den L.A. Chargers) ernannt wurde und ablieferte (14 Spiele, 3725 Yards, 27 Touchdowns, 14 Interceptions, vier Fumbles). Viele erhoffen sich nun den ganz großen Wurf vom Zweitjahres-Quarterback - und vor allem, dass er derjenige ist, der den 20-jährigen Fluch beendet. Hintergrund: Mayfield ist der 30. Starting Quarterback der Browns seit 1999 - und spuckt vor dieser 100. NFL-Saison große Töne: "Wir wollen im nächsten Jahr alles gewinnen." Sein Trainer Kitchens stimmt mit ein: "Ich will, dass jeder hier eines versteht: Unser Ziel mit den Cleveland Browns ist es, den Super Bowl zu gewinnen - das wird sich auch nicht ändern solange ich hier bin." Einfach wird das aber sicher nicht - weil das Team auch noch unter ganz besonderer Beobachtung und damit Druck stehen wird: In drei der ersten fünf Partien stehen exklusive Primetime-Matches an (bei den Jets, gegen die Rams, bei den 49ers).

Den schwersten Stand in der AFC North dürfte auch in diesem Jahr Cincinnati haben. Denn die Bengals haben sich nicht mit großen Namen der Free Agency verstärkt, haben eher gediente Spieler wie Tight End Tyler Eifert (seit 2013 im Team) gehalten, in die Jugend in Form von Rookies investiert - und dabei mächtig Pech gehabt. Denn First-Round-Pick Jonah Williams (1. Runde, 11. Stelle, Offensive Tackle) musste sich direkt einer Schulteroperation unterziehen und droht die komplette Regular Season zu verpassen. Williams reiht sich damit in die Liste der Rookie-Enttäuschungen der jüngeren Vergangenheit ein: Center Billy Price verpasste im letzten Jahr sechs Spiele mit einem gebrochenen Fuß, Wide Receiver John Ross kam 2017 auf null Catches, Cornerback William Jackson verpasste seine komplette Rookie-Saison 2016 und Left Tackle Cedric Ogbuehi fehlte 2015 elf Saisonspiele (Knie).
Ansonsten birgt das Szenario in Cincy aber auch Potenzial: Quarterback Andy Dalton (31) geht in seine neunte Saison, sitzt trotz der immer wieder aufkommenden medialen Kritik fest als Starter im Sattel, geht offenkundig relaxt in seine letzten beiden Vertragsjahre - und wird erstmals nicht mehr von Head Coach Marvin Lewis trainiert. Dieser wurde nach 16 Jahren als Trainer der Bengals entlassen. "Ich fühle keinen besonderen Druck, der auf mir lastet", sagt Dalton, der die letzten fünf Spiele der vorigen Saison mit einer Daumenverletzung verpasst hatte, das Team nach einem starken 4:1-Start auf 6:10 abrutschen sah und so zum dritten Mal in Folge die Play-offs verpasste. Nun unter Head Coach Zac Taylor (36) soll es mit Dalton (120 Spiele, 28.100 Yards, 188 Touchdowns, 104 Interceptions, 21 Fumbles) wieder besser werden - und dabei könnten in der Offense auch Running Back Joe Mixon (acht Touchdowns und 1168 Rushing Yards in 2018) und natürlich Star-Receiver A.J. Green helfen. Letzterer verpasst allerdings den Saisonstart, muss aufgrund einer Sprunggelenksverletzung noch aussetzen. Altbekannte Bengals-Sorgen eben.
mag