14.01.2021
Die Star-Quarterbacks der Saints und Buccaneers treffen sich
Gemeinsam bringen sie es auf 85 Jahre, 1152 Touchdown-Pässe sowie unglaubliche 159.562 Yards! Die Rede ist natürlich von Drew Brees und Tom Brady, zwei noch immer aktive Aushängeschilder der NFL, die sich nun erstmals in den Play-offs gegenüberstehen. Doch genau dort verfügt der eine Quarterback über weitaus mehr Erfahrung.

Auf den ersten Blick ist der Fakt, dass sich der am Freitag (15. Januar) 42 Jahre alt werdende Brees und der 43-jährige Brady im Jahr 2021 erstmals in den Play-offs der National Football League begegnen, etwas Ungewöhnliches. Schließlich spielt der eine schon seit 2001 erst für die San Diego Chargers (2001-2005) sowie seit 2006 für die New Orleans Saints, während der andere zwischen 2000 und 2019 erst Geschichte mit den New England Patriots geschrieben hat, um im Anschluss nochmals ein neues Abenteuer bei den Tampa Bay Buccaneers zu wagen (seit 2020). Der zweite Blick verrät aber, dass es bislang kaum möglich gewesen ist, dass sich die beiden Elite-Quarterbacks in der Endrunde begegnen.
Denn: Brady gewinnt mit den in der AFC ansässigen Pats unter Trainer-Ikone Bill Belichick sechsmal den Super Bowl, während Brees in der NFC mit den Saints nur einmal bis ins Endspiel vorstößt und dieses mit 31:17 gegen die Indianapolis Colts mit 31:17 am 7. Februar 2010 gewinnt sowie zum Helden einer damals wegen Hurrikan Katrina arg geplagten wie zerstörten Stadt aufsteigt. Erst im großen Endspiel des American Footballs kommt es Jahr für Jahr zum Duell zwischen dem besten AFC- und dem besten NFC-Team.
Inzwischen steht Brees, der sich im Vorfeld dieser Saison nach unschönen Aussagen in Richtung Black-Lives-Matter auch Kritik gefallen lassen musste, vor dem Karriereende. US-Medien spekulieren kräftig darüber, ob der vor Wochen auch wieder durch Verletzungen geplagte Routinier nach diesen Play-offs direkt einen Schlussstrich zieht. Das liegt auch daran, dass der vierfache Vater bereits einen Kommentatoren-Deal mit Sender "NBC" für die Zeit nach der Karriere unterzeichnet hat. Auf eine genaue Stellungnahme hat sich der Quarterback bislang aber noch nicht eingelassen, er fokussiert sich aufs Spiel.
Sein Gegenüber Brady, der sich mit seinen Bucs in der Nacht von Sonntag auf Montag (0.40 Uhr) in New Orleans blicken lassen wird, spielt derweil noch nicht mit Rücktrittsgedanken. Warum auch? Der sechsmalige Super-Bowl-Champion ist nach wie vor fit, sprüht mit seinen 43 Jahren weiterhin vor Tatendrang, ist erst vor dieser Saison nach Florida gekommen, findet sich inzwischen nach wegen Corona ausgefallener Vorbereitung bestens im neuen Team zurecht und hat sich in den letzten Wochen stets gesteigert.
Die letzten fünf Spiele hat "TB12" jeweils siegreich bestritten, dabei viermal über 300 Yards geworfen und insgesamt 14 Touchdowns bei nur einer Interception erzielt. Neben der ersten Play-off-Teilnahme von Tampa Bay seit 2007 hat der Oldie vergangene Woche mit dem 31:23 beim Washington Football Team seiner neuen Franchise zugleich zum ersten Play-off-Sieg seit 2002/03 verholfen (damals der Super-Bowl-Sieg).
Der sechsmalige Titelträger, von vielen auch als "GOAT" (Greatest Of All Time) betitelt, lässt die erst 1974 gegründeten Buccaneers also schon in seinem ersten Jahr vom zweiten großen Titel träumen - muss dafür aber eben an Brees vorbei.

Und das hat sich zuletzt nicht so leicht gestaltet: Denn die beiden NFC-South-Teams haben sich schon zweimal in der Regular Season gesehen, hier hat allerdings Brady erst mit 23:34 (Week 1) und dann sogar mit 3:38 (Week 9) das deutliche Nachsehen gehabt. Einziger Unterschied: Die Bucs haben sich seither merklich verbessert.
"Seit dem letzten Aufeinandertreffen mit den Saints sind wir ein besseres Football-Team geworden", teilte Head Coach Bruce Arians jüngst gegenüber US-Medien mit. Allen voran Brady fühlt sich sicherer in der Pocket, wirft schneller, zielt genauer. Dazu kommt eben noch die unglaubliche Erfahrung des Altmeisters und langjährigen Patriots-Stars: Brady blickt bereits auf 42 Play-off-Partien (31:11 Siege) zurück, keiner hat mehr. Er steht bei 11.769 Play-off-Yards und 75 Play-off-Touchdowns, niemand kommt da auch nur ansatzweise ran. Und Brady hat in der Endrunde bereits 17 unterschiedliche Teams besiegt, kein NFL-Franchise im Gesamten hat je mehr Gegner geschlagen.
Die seit Monaten relativ konstanten und erfolgreichen Saints verfügen natürlich trotzdem über die Mittel und auch über die Erfahrung, dieses starke Brady-Team um eine gute Abwehr sowie Offensiv-Stars wie Mike Evans, Chris Godwin, Rob Gronkowski, Läufer Leonard Fournette oder auch den wieder sportliche Schlagzeilen schreibenden Antonio Brown zu Boden zu ringen. Allen voran, weil der vor kurzem noch wegen Rippenbrüchen und einer kollabierten Lunge geschonte Brees inzwischen abliefert (fünf TDs, keine Int. in den letzten beiden Partien) und außerdem seinen Star-Receiver Michael Thomas (73 Yards und ein TD in der Wild Card Round beim 21:9 gegen die Chicago Bears) neben Running Back Alvin Kamara oder "Taschenmesser" Taysom Hill zurück im Sichtfeld hat.
Über allem steht beim bevorstehenden Kracher aber der Vergleich zwischen dem Mann mit den meisten Regular-Season-Yards (80.358) und den zweitmeisten Regular-Season-Touchdowns (571) der bisherigen Geschichte (Brees) und dem Mann mit den zweitmeisten Regular-Season-Yards (79.204) und den meisten Regular-Season-Touchdowns (581). Letzterer hat allerdings eben schon deutlich größere Play-off-Erfolge zu Buche stehen, allen voran die sechs Super-Bowl-Ringe, von denen Brees "nur" einen sein Eigen nennen darf.
Deswegen ist der Respekt des Saints-Spielmachers, der inklusive eines College-Matches zwischen beiden in der Bilanz insgesamt mit 5:3 vorn liegt, vor seinem langjährigen NFL-Gefährten Brady auch groß. "Tom und ich verbindet eine Freundschaft, und wir haben beide großen Respekt voreinander." Aber natürlich seien seine sechs Titel außergewöhnlich. "Wir haben am vergangenen Montag untereinander auch schon hin- und hergeschrieben und über das Szenario, das sich jetzt ergeben hat, gescherzt", so Brees am Mittwoch (Ortszeit) gegenüber teaminternen Medien.
Er fügte an, dass er das erste Play-off-Duell mit Brady schon hat kommen sehen, als "TB12" vor der Saison bei den Bucs unterschrieben hatte. "Ich habe es mir ab diesem Zeitpunkt vorgestellt und mir gedacht, dass es passieren wird. Dieses Duell war einfach unvermeidlich. Und nun stehen am Wochenende tatsächlich 85 Jahre Football-Erfahrung auf dem Feld." Das sei doch was, auf das sich jeder in der NFL und jeder Football-Fan vor den Bildschirmen freuen könne.
Der auf seinen siebten Super-Bowl-Sieg im Tampa-Heimstadion (Spiel im Raymond James Stadium steigt am 8. Februar) hoffende Brady hat unterdessen vor dem Showdown der beiden künftigen "Hall of Famer" Humor an den Tag gelegt. Kurz nachdem das erste Play-off-Duell mit Saints-Ass Brees festgestanden hatte, teilte der NFL-Star eine Fotomontage auf Twitter, die die beiden Quarterbacks als alte Männer mit Bärten inklusiver grauer Mähne, bei Brees mit leicht lichtem Haar und Brille zeigt. "Geschichte steht bevor", lautet Bradys Text dazu im Design des in den USA beliebten "History Channels".
Markus Grillenberger