29.04.2021
21-Jähriger wird wohl First Overall Pick im NFL-Draft
Trevor Lawrence gilt als eines der größten Quarterback-Talente aller Zeiten und wird beim anstehenden NFL-Draft aller Voraussicht nach als erster Spieler gezogen. Was macht ihn so besonders?

Dass sich die großen Draft-Diskussionen dieser Tage nicht um Trevor Lawrence drehen, sagt eigentlich schon alles aus über seine Qualität. Niemand in NFL-Kreisen zweifelt ernsthaft daran, dass der 21-Jährige in der Nacht von Donnerstag auf Freitag der "First Overall Pick" wird - und das eigentlich schon seit gut zwei Jahren.
Als der Quarterback mit der markanten Haarmähne im Januar 2019 die Clemson University zur US-College-Meisterschaft führte, überschlugen sich die Medien. Nicht mal unbedingt, weil er soeben den größten Titel im College-Sport gewonnen hatte, sondern weil er ihn als erster Quarterback seit 34 Jahren gleich in seinem ersten College-Jahr gewonnen hatte - ein Jahr, in dem die meisten anderen Spieler eine "Redshirt-Saison" als Ersatz einlegen und an das höhere Level herangeführt werden. Lawrence nicht. Gerade einmal 19 Jahre alt geworden, war er schon der größte Star im College-Football - und ist es bis heute. Bis Donnerstag. Dann ist er mit nun 21 Jahren aller Voraussicht nach das neue Gesicht der Jacksonville Jaguars, die den ersten Pick des Drafts innehaben.
Lawrence ist einer, der in den vergangenen Jahren schon mit fast jedem Superlativ umschrieben wurde. Vom größten Talent seiner Generation ist die Rede, von einem, den es nur alle zehn, zwanzig Jahre gibt. Von einem Ausnahmekönner, einem geborenen Quarterback. Im Alter von sieben Jahren konnte er den Ball schon 35 Yards weit werfen und eine Spread-Offense dirigieren. In einem Spiel seiner Junior High School warf er für insgesamt 330 Yards - obwohl die Viertel nur acht Minuten lang waren.
Im College-Recruiting-Prozess wurde Lawrence als einer der besten High-School-Quarterbacks aller Zeiten bezeichnet - und jetzt als einer der besten College-Quarterbacks aller Zeiten. ESPN-Experte Mel Kiper, eine US-Institution in Sachen NFL-Draft, bezeichnet Lawrence als den viertbesten Spieler, den er in seiner Analysten-Zeit seit 1979 gescoutet habe. Vor ihm nur: John Elway, Peyton Manning und Andrew Luck. Zwei Legenden des Sports - und einer, der es hätte werden können, wenn ihm nicht das Verletzungspech einen Strich durch die Rechnung gemacht hätte.
Zwei der drei sind auch für die Bewertung von Lawrence von zentraler Bedeutung. Manning, First Overall Pick 1998 und fünfmaliger NFL-MVP, ist sein großes Vorbild. Wie der "Sheriff" einst für Tennessee trug er im College deshalb die Rückennummer 16. Zu Luck, First Overall Pick 2012 und 2019 nach vielen Verletzungen frühzeitig zurückgetreten, werden nun aber die meisten Parallelen gezogen, wenn Lawrences Spiel analysiert wird. "Ihre Fähigkeiten sind absolut vergleichbar", wird ein namentlich nicht genannter Scout eines NFL-Teams in einem Bericht auf nfl.com zitiert.

Lawrence verfügt mit knapp zwei Metern Größe über Gardemaße, er wirft präzise, verfügt über einen unheimlich kraftvollen Arm und eine hohe Spielintelligenz, ist außerdem durch seine Athletik ein sehr mobiler Quarterback. Oder, wie es NFL-Analyst Lance Zierlein ausdrückt: "Lawrence ist der ultimative Prototyp des heutigen Franchise-Quarterbacks." Also wie damals Luck.
Der Unterschied zwischen beiden: Lawrence war im College ungleich erfolgreicher. Eigentlich hat er nur gewonnen, sein ganzes Leben lang. Insgesamt 90 Partien hat der Modellathlet in High School und College als Starting Quarterback absolviert, 86 davon als Sieger beendet. Ein Regular-Season-Spiel hat Lawrence in seiner Karriere noch nie verloren.
In der NFL dürfte sich das nun recht schnell ändern. In Jacksonville wird er ein Team anführen müssen, das in der vergangenen Saison nur ein einziges Spiel gewonnen hat und zum qualitativen Bodensatz der Liga zählt. Eines, das in der Vergangenheit öfters früh im Draft gepickt und damit nicht immer gute Erfahrungen gemacht hat. Umso wichtiger dürfte dem Franchise, das in Urban Meyer nun auch einen neuen Head Coach hat, nun sein, nicht wieder einen Fehlgriff wie den 2014 an Nummer drei ausgewählten Blake Bortles zu landen.
Und natürlich gibt es auch im Fall von Lawrence kleinere Fragezeichen. So profitierte er im College von einer quarterbackfreundlichen Offense, die den meisten Gegnern auch abgesehen von ihm überlegen war. Außerdem werden sein Verhalten bei starkem Pass-Rush-Druck und inkonstante Würfe über die Mitte des Feldes von manchen Scouts als Schwachstellen angeführt.
Ein perfektes Prospect ist Lawrence also nicht. Aber an dieser Utopie eben viel näher dran als die meisten anderen. Und für die Jaguars eine vergleichsweise sichere Nummer. Denn anders als seine beiden Vorgänger als First-Overall-Pick, Joe Burrow und Kyler Murray, die in ihrem letzten College-Jahr plötzlich explodierten, hat Lawrence über drei Jahre hinweg höchstes Niveau gezeigt.
Zudem gilt er als einer, der über den Rand des Footballfelds hinausdenkt. Der 21-Jährige engagierte sich vergangenes Jahr aktiv für die "Black Lives Matter"-Bewegung, den Unterschriftsbonus wird er sich als Kryptowährung auszahlen lassen. Lawrence ist eine Marke - und das noch vor seinem ersten NFL-Spiel.
Michael Bächle