08.09.2022
NFL 2022: Rams wollen Thron verteidigen - Quarterbacks müssen liefern
Ansprüche sind in dieser Division reichlich vorhanden, aber wie sieht die Realität aus? Sperren, Hammer-Schedules und Quarterbacks unter erhöhtem Druck können für Probleme sorgen. Die vier Teams der NFC West im kicker-Check ...

Wenn der amtierende Super-Bowl-Champion zugegen ist, steht die Division automatisch im Blickpunkt. Doch auch die 49ers und Cardinals aus der NFC West starten mit hohen Erwartungen in die Saison, mindestens ein tiefer Play-off-Run soll im Frühjahr 2023 herausspringen. In Seattle hingegen sehen die Vorzeichen gänzlich anders aus ...
Gründe, dieses Jahr nicht auf den amtierenden Super-Bowl-Champion zu setzen, sind schnell gefunden: Seit den New England Patriots 2004 und 2005 wartet die NFL vergebens auf eine erfolgreiche Titelverteidigung. Dazu kommt der schwerste Spielplan aller Teams auf die Rams zu, blickt man auf die gegnerischen Siegquoten des Vorjahres. Beispiel gefällig? Zwischen Woche acht und zwölf geht's gegen die 49ers, Buccaneers, Cardinals, Saints und Chiefs - Action und Drama à la Hollywood sind vorprogrammiert, die Vorjahresbilanz von 12:5 ein weiter Weg.
Dann wiederum reichen nur wenige Namen aus, die die Rivalen der NFC West und darüber hinaus die gesamte NFL erzittern lassen. Aaron Donald ist trotz seiner Rücktrittsgedanken zurück und geht auch diese Saison wieder auf Quarterback-Jagd. Cooper Kupp, letztes Jahr mit der Receiving Triple Crown für die meisten Passfänge, Passing Yards sowie Passing Touchdowns der Liga ausgezeichnet, wird mit Quarterback Matt Stafford erneut eine beeindruckende Chemie an den Tag legen, zumal mit Allen Robinson eine weitere gefährliche Passstation rekrutiert wurde. Und in der Defense wurde der Abgang von Von Miller durch Bobby Wagner (170 Tackles 2021, Karrierehöchstwert) kompensiert. Alles wichtige Bausteine, um einen weiteren tiefen Play-off-Run zu starten.
Eigentlich können die Arizona Cardinals frohen Mutes auf die kommende Spielzeit blicken. Die Offseason-Reibereien rund um Kyler Murray (entfolgte den Team-Accounts auf Social Media und löschte seine eigenen Cardinals-Posts) sind vergessen, der 25-Jährige hat seinen neuen Vertrag erhalten und lässt sich fürstlich entlohnen (Vertrag bis 2028, insgesamt 230,5 Millionen US-Dollar, davon 160 garantiert). Mit dem flinken Quarterback als Gesicht des Franchises soll es in eine erfolgreiche Zukunft gehen, der erste Play-off-Sieg der Kombination Cardinals/Murray ist fest eingeplant. Mit Zach Ertz, James Conner, Rondale Moore, Neuzugang Marquise "Hollywood" Brown (bereits zu Collage-Zeiten eine beliebte Anspielstation von Murray) und DeAndre Hopkins sind Murray offensiv in der Theorie kaum Grenzen gesetzt.
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Aber ausgerechnet Star-Receiver Hopkins schwebt als großes Fragezeichen über der Saison der Cards. Der Star-Receiver wurde nach der Einnahme von leistungssteigernden Mitteln von der NFL für die ersten sechs Spiele gesperrt. Wie sehr Murray auf die Hilfe von Hopkins angewiesen ist, zeigen die Zahlen der letzten Saison: Standen beide gemeinsam auf dem Feld, spielten die Cardinals erfolgreichen Football (acht Siege in zehn Spielen, Murray mit einem Passerrating von 106). Ohne Hopkins gingen beide Werte drastisch nach unten (nur ein Sieg in fünf Partien mit einem Passerrating von 81,2).
Ist der agile Spielmacher Murray wirklich sein Geld wert? Besonders der Saisonstart wird darüber Aufschluss geben und prägend sein, ob die Chance auf den ersten Play-off-Sieg der Kombo Murray/Cardinals überhaupt zustande kommt.
Von einer ruhigen Offseason konnte bei den 49ers keine Rede sein. Kurz vor dem Draft im April stellte Star-Receiver Deebo Samuel eine Trade-Forderung, mit der inzwischen fast obligatorischen Löschung aller Social-Media-Posts inklusive. Letztlich kam es zur Versöhnung und damit verbunden zum Zahltag für den 26-Jährigen, der mit einem neuen Dreijahresvertrag über 73,5 Millionen US-Dollar ausgestattet wurde. Damit kann Head Coach Kyle Shanahan auch weiterhin auf seinen variabelsten und auch produktivsten Offensivspieler bauen. Der "Wide Back", wie Samuel letztes Jahr aufgrund seiner ständigen Positionswechsel getauft wurde, steuerte neben sechs Touchdowns aus der Luft auch acht Rushing-TDs bei - Rekord für einen Receiver. Es wird spannend sein zu sehen, wie seine Rolle zukünftig aussieht, schließlich wanderte mit Mike McDaniel der Offensive Coordinator in Richtung Miami ab. Gerüchten, dass Samuel nicht mehr im Backfield eingesetzt werden möchte, widersprach der Pro Bowler.
Die zweite große Personalie des Sommers drehte sich darum, wer denn eigentlich die Bälle für Samuel & Co. servieren soll. Die Antwort lieferte Head Coach Kyle Shanahan unmissverständlich zu Beginn des Trainingscamps: "Das ist Treys Team." Trey Lance, im Draft 2021 an Position 3 gewählt, soll fortan das Quarterback-Zepter von Jimmy Garoppolo übernehmen. Dieser führte die 49ers zwar bis in das NFC Championship Game, für den ganz großen Wurf reichte es aber nicht. Nun soll der Lehrling Lance beweisen, dass er seinem einstigen Mentor Garoppolo enteilt ist. Und dieser sitzt ihm weiterhin im Nacken: Ein Wechsel kam nicht zustande, sein Vertrag in Kalifornien wurde stattdessen umstrukturiert. "Jimmy G" als Backup-Quarterback zu behalten, kann sich auch als Unruhefaktor entpuppen. Sollte Lance nicht die erhofften Leistungen abrufen, könnten Rufe nach einem QB-Wechsel schnell laut werden.
Eine Bürde, mit der der 22-Jährige umgehen muss.
Mit Quarterback Russell Wilson das Herzstück der Offensive sowie den alles überstrahlenden Franchiseplayer weggetradet, mit Bobby Wagner zudem das Aushängeschild auf der defensiven Seite des Feldes verloren. Seattle startet als krasser Außenseiter in die NFC West und blickt schon jetzt in Richtung Draft Class 2023, die Play-offs sind mit diesem Kader ein utopisches Ziel. Das Franchise steht vor einem kompletten Rebuild und einem Übergangsjahr. Dafür spricht auch, dass die Seahawks mit Geno Smith als Starting Quarterback und Drew Lock als Backup in die Spielzeit gehen werden, obwohl mit Baker Mayfield, Cam Newton oder Jimmy Garoppolo durchaus interessante Quarterbacks zumindest im Bereich des Möglichen gewesen wären.
Was also ist zu erwarten von diesem Team? Pete Carroll steht vor seiner 13. Saison als Head Coach der Seahawks und blickt wie üblich positiv in die Zukunft, von einem Rebuild will er nichts hören. Im Interview mit der "Sports Illustrated" spricht der 70-Jährige vom schnellsten Roster unter seiner Regentschaft. Auch die Tiefe des Kaders - verbunden mit dem einhergehenden Konkurrenzkampf auf allen Positionen - überzeugen den Oldie. Ob diese Faktoren allein ausreichen werden, um den Fans eine zufriedenstellende Saison zu bieten, darf - vor allem bei der divisioninternen Konkurrenz - durchaus angezweifelt werden.
jhm