30.04.2026
Coaching Academy der Buccaneers
Zwei deutsche Coaches stehen vor einer außergewöhnlichen Chance: Luca Berdelmann und Phillip Perus gehören zu den 25 Finalisten der National Coaching Academy der Tampa Bay Buccaneers. Aus über 1000 Bewerbern ausgewählt, wartet Anfang Mai eine Woche im Herzen des US-Profifootballs auf sie. Eine Chance, die beide noch gar nicht richtig fassen können.

Was wie ein Karrieresprung klingt, fühlt sich für die beiden aktuell vor allem "komplett surreal" an. Doch hinter der Euphorie steckt ein klarer Plan: lernen, beobachten und möglichst viel für die eigene Entwicklung mitnehmen - und vielleicht sogar den nächsten Schritt Richtung NFL machen.
Aus zahlreichen Bewerbungen haben sich Luca Berdelmann und Phillip Perus durchgesetzt. Berdelmann ist Defensive Coach bei Rhein Fire und geht in seine zweite Saison bei dem Team aus der AFLE. Perus ist Strength & Conditioning Coach bei den Schwäbisch Hall Unicorns, einem der führenden Football-Programme Europas, und kam 2017 zum American Football. Damit treten sie in die Fußstapfen von Nadine Nurasyid, Henry Schlegel und Simon Bramberger, die 2025 Teil der Coaching Academy der Buccaneers waren.
Die Reise nach Tampa begann für beide mit einem intensiven Auswahlprozess. "Ich habe mich im November beworben, das war von den Unterlagen her relativ simpel. Motivationsschreiben, Lebenslauf und ein Empfehlungsschreiben", erklärt Perus.
Nach einer ersten Rückmeldung folgte eine zweite Runde mit Videoaufgaben. Während Perus als Strength & Conditioning Coach seinen eigenen Arbeitsansatz präsentieren musste, bekam Berdelmann als Defensivcoach eine klassische Football-Aufgabe: "Mir wurde ein Play zugeschickt, das ich analysieren sollte. Coverage, Pressure, was gut lief, was nicht und wie ich das coachen würde."
Monatelang blieb es danach ruhig, ehe Ende März die erlösende Nachricht kam. Dass sie zu den 25 Finalisten gehören, realisieren beide bis heute nur bedingt. "Man hat das noch nicht so richtig greifen können", sagt Berdelmann. "Ich glaube, das passiert erst, wenn man wirklich vor Ort ist."
Perus ergänzt: "Als ich gesehen habe, dass es knapp 1000 Bewerber waren, war ich erstmal durch. Dass man aus dieser Menge ausgewählt wird, ist eine Riesenehre."
In Tampa selbst steht für beide ein klarer Fokus im Vordergrund: maximale Lernbereitschaft. "Meine Priorität ist lernen, lernen, lernen", betont Perus. "Zu sehen, wie Profis arbeiten, welche Ressourcen sie haben und was wir davon vielleicht auf unsere Bedingungen übertragen können." Auch das Netzwerken spielt eine zentrale Rolle, sowohl mit NFL-Coaches als auch mit den anderen Teilnehmern.

Berdelmann verfolgt einen ähnlichen Ansatz, setzt dabei aber auch eigene fachliche Schwerpunkte. Besonders interessiert ihn die defensive Philosophie von Head Coach Todd Bowles. "Ich würde super gerne mehr über seine non-traditional Tampa-Coverages lernen und wie er sie aufbaut, welche Regeln dahinterstehen." Gerade moderne Defensivkonzepte wie variable Quarters-Strukturen oder komplexe Blitzpakete seien in Europa oft nur zeitverzögert verfügbar. "Man sitzt dort direkt an der Quelle. Das wäre natürlich mega, wenn man davon etwas mitnehmen könnte."
Auch für den Athletiktrainer der Unicorns eröffnet sich eine neue Perspektive. Im Strength-&-Conditioning-Bereich erwartet er vor allem Einblicke in die Arbeit mit Vollprofis. "Wie sieht die Periodisierung aus? Wie wird Trainingswissenschaft konkret im Kraftraum umgesetzt? Und welche Lösungen haben sich über Jahre bewährt?"
Der Austausch mit etablierten NFL-Strukturen sei dabei besonders wertvoll, nicht zuletzt wegen der deutlich größeren personellen und finanziellen Ressourcen. Neben dem sportlichen Input wartet auch ein hochkarätiges Umfeld. Namen wie Bruce Arians, Tony Dungy oder Ronde Barber stehen für jahrzehntelange Erfahrung auf höchstem Niveau.
Für beide Coaches ist das mehr als nur eine Weiterbildung. "Das ist definitiv auch ein Traum, der wahr wird", sagt Perus. "Diese Leute kennt man, sie dann live zu erleben, wird surreal."
Trotz aller Möglichkeiten bleibt der Blick auf die Erfahrung realistisch. Nach der Academy werden fünf Teilnehmer ausgewählt, die für weitere Erfahrungen ins Trainingslager des NFL-Teams aus Florida zurückkehren dürfen. Ein Gedanke, der präsent ist, aber nicht im Mittelpunkt steht.
"Natürlich denkt man darüber nach", gibt Perus zu. "Aber ich konzentriere mich darauf, in diesen sieben Tagen mein Bestes zu geben. Alles andere folgt dann."
Berdelmann formuliert es ähnlich: "Wenn es passiert, wäre es die Kirsche auf der Torte, aber ich mache mir keinen Stress. Ich will einfach hingehen, das Beste daraus machen und jeden Moment genießen."
Rückhalt erhalten beide aus ihren Organisationen in Deutschland. Sowohl bei Rhein Fire als auch bei den Schwäbisch Hall Unicorns war die Unterstützung sofort da. "Alle haben gesagt: Du musst das machen", berichtet Perus.
Auch Berdelmann hebt den Support hervor: "Von Anfang an komplett positiv, das war unglaublich."
So geht es für zwei deutsche Coaches in eine Woche, die ihre Karrieren nachhaltig prägen könnte. Zwischen NFL-Strukturen, modernsten Trainingsmethoden und internationalem Austausch steht dabei vor allem eines im Mittelpunkt: die Chance, den eigenen Horizont zu erweitern und vielleicht ein Stück näher an den Traum von der größten Football-Bühne der Welt zu rücken.
val