11.08.2026
Österreichischer O-Liner
Bernhard Raimann hat sich in den vergangenen Jahren zu einer festen Größe in der Offensive Line der Indianapolis Colts entwickelt. Im Interview spricht der österreichische Left Tackle über den mentalen Druck seiner Position, den besonderen Zusammenhalt innerhalb der Offensive Line und die Bedeutung von Quenton Nelson für seine Entwicklung in der NFL.

Herr Raimann, als Left Tackle haben Sie eine der wichtigsten Aufgaben in der gesamten Offense. Mental stehen Sie bei jedem Play unter Druck, weil ein Fehler von ihnen direkte Auswirkungen auf die Mitspieler haben kann. Wie gehen Sie mit diesem Druck um? Haben Sie Strategien entwickelt, um damit umzugehen?
Bernhard Raimann: Ja, Leistungsdruck ist auf jeden Fall da. Für viele Menschen ist es schwierig, damit umzugehen. Man glaubt oft, dass man damit alleine ist. Vor Spielen oder auch im Training macht man sich selbst klein, setzt sich unter Druck oder ist gestresst. Ich glaube, das passiert in der NFL sehr häufig, aber es wird nicht viel darüber gesprochen.
Für mich persönlich ist es wichtig, mich immer wieder daran zu erinnern, dass es eben nicht nur um mich geht. Es geht um uns fünf als Offensive Line und um uns als gesamte Mannschaft. Unser gemeinsames Ziel ist es, zu gewinnen. Wenn man sich das immer wieder vor Augen führt und versteht, dass nicht alles allein auf den eigenen Schultern lastet, sondern Football ein Teamsport ist, nimmt das auch den individuellen Druck. Man gibt sein Bestes für seine Teamkollegen und nicht nur für sich selbst.
Sie haben gerade angesprochen, dass ihr als Offensive Line als Einheit auftretet. Ihr seid Teil eines großen Teams, aber die fünf Offensive Linemen wirken oft enger verbunden als jede andere Positionsgruppe. Gerade in der NFL haben viele Spieler Familien und ein eigenes Privatleben. Wie schafft ihr es bei den Colts, trotzdem eine so enge Gruppe zu sein?
Bernhard Raimann: Das ist natürlich ganz wichtig. Wir gehen gemeinsam durch dick und dünn - meistens durch dick. Unter dem Jahr haben wir jede Woche unser traditionelles O-Line-Dinner, immer donnerstags. Das gibt es schon lange und ich glaube, das wird auch immer so bleiben.
Manchmal dürfen die Quarterbacks mitkommen, wenn sie brav sind, aber grundsätzlich ist das nur für die Offensive Line. Dazu kommen viele Kleinigkeiten: Während der Offseason oder in den OTAs trifft man sich auch am Wochenende, verbringt Zeit miteinander, geht golfen oder sitzt gemeinsam am Lagerfeuer und redet einfach. Am Ende der Saison machen wir meistens auch einen O-Line-Trip und fahren als Gruppe gemeinsam irgendwo hin.

In ihrer Offensive Line spielt auch Quenton Nelson. Die Frage haben Sie wahrscheinlich schon oft bekommen, aber wie ist es, neben einem Spieler wie ihm zu wachsen? Konnten Sie viel von ihm lernen? Und auf der anderen Seite haben Sie mit Tyler Warren einen ehemaligen Tight End neben sich. Wie ist es, mit den beiden zusammenzuspielen?
Bernhard Raimann: Ich finde, Quenton Nelson kann etwas ganz Besonderes. Er ist der beste Teamkollege, aber manchmal auch der kritischste Coach. Gerade als Rookie, wenn du das Dummy nicht richtig hältst, den Bag schlampig hältst oder nicht genau richtig stehst, ist er der Erste, der dich dafür ordentlich zusammenstaucht.
Auf der anderen Seite ist er aber auch immer derjenige, der hinter dir steht. Wenn du einen Fehler machst und der Coach emotional wird, baut er dich sofort wieder auf. Er würde dich sogar vor einem Coach oder vor anderen verteidigen. Er hat natürlich sehr hohe Ansprüche, aber sobald du dir seinen Respekt verdient hast, ist er der beste Teamkollege, den man sich wünschen kann.
Letztes Jahr seid ihr sehr gut in die Saison gestartet, konntet nach der Bye Week aber leider kein Spiel mehr gewinnen. Was ist damals während der Saison passiert? Und sehen Sie mittlerweile auch Verantwortung darin, als einer der erfahreneren Spieler die Mannschaft in solchen Situationen zu führen?
Bernhard Raimann: Ja, auf jeden Fall. Wenn du schon länger dabei bist und merkst, dass sich die Mannschaft in eine Richtung entwickelt, die man nicht haben möchte, dann spricht man das natürlich an. Man versucht, die Mitspieler so zu führen, wie man es selbst für richtig hält.
Am Ende hat es aber leider nicht funktioniert. Das fällt dann auf uns alle als Spieler zurück. Genau das spornt einen in der Offseason umso mehr an, noch härter zu arbeiten und sich noch besser vorzubereiten, damit so etwas in Zukunft nicht noch einmal passiert.
nkr