23.07.2026
Karrierestart im Check
Es gibt Vergleiche im Sport, die Generationen überdauern. Michael Jordan oder LeBron James. Lionel Messi oder Cristiano Ronaldo. Novak Djokovic, Rafael Nadal oder Roger Federer. Und im American Football lautet die größte aller Fragen: Kann Patrick Mahomes eines Tages Tom Brady als besten Quarterback der NFL-Geschichte ablösen?

Tom Brady gilt für viele als der Greatest of All Time (GOAT) - und das absolut nicht umsonst. Mit sieben Super-Bowl-Titeln ist er nicht nur mit großem Abstand der erfolgreichste Quarterback aller Zeiten, sondern sogar als Individuum erfolgreicher als jedes einzelne Team der insgesamt 32 NFL-Franchises. Die New England Patriots und die Pittsburgh Steelers, die erfolgreichsten Organisationen der Ligageschichte, kommen jeweils auf sechs Super-Bowl-Siege. Brady steht für immer bei sieben.
Möglich wurde das dadurch, dass er seinen letzten Titel nicht mehr mit den Patriots, sondern mit den Tampa Bay Buccaneers geholt hatte, bei denen er die letzten drei Jahre seiner insgesamt 23-jährigen NFL-Karriere verbrachte und eben noch einmal zum König im American Football aufgestiegen war - Sieg im Heimstadion inklusive.
Bemerkenswert dabei: Als Brady seine Karriere endgültig beendete (nachdem er zuvor bereits einmal zurückgetreten und anschließend noch einmal zurückgekehrt war), war er 45 Jahre alt. Trotzdem spielte "TB12" weiterhin auf höchstem Niveau. Anders als bei vielen anderen Quarterback-Legenden wie Drew Brees oder Peyton Manning hatte man nie das Gefühl, dass Brady körperlich nicht mehr mithalten konnte. Selbst in seiner letzten NFL-Saison gehörte er noch zu den besten Quarterbacks der Liga und schien weiterhin nahezu über sein komplettes physisches Leistungsvermögen zu verfügen.
Doch gegen Ende seiner Karriere gab es eine Art Quarterback-Revolution in der NFL. Immer mehr Spielmacher begannen, das Spiel nicht nur mit ihrem Arm und ihrem Spielverständnis, sondern auch mit ihrer Athletik zu dominieren. Allen voran Raketenarm Patrick Mahomes, der nicht nur Woche für Woche für Highlights als Passer sowie als Lückenleser sorgte, sondern dabei auch so erfolgreich war, wie es die NFL-Welt zuvor nur von Brady gekannt hatte. Ihre beiden Karrieren überschnitten sich über einige Jahre, und auch direkte Duelle in den größten Momenten gab es.
Nach inzwischen neun Jahren auf höchstem Niveau lohnt sich deshalb ein Blick zurück: Welcher der beiden Quarterbacks war zu diesem Zeitpunkt seiner Karriere eigentlich erfolgreicher?
Denn ein direkter Vergleich zwischen Bradys kompletter 23-jähriger Karriere und Mahomes' aktueller Laufbahn ergibt wenig Sinn. Vergleicht man dagegen die ersten neun Spielzeiten miteinander, lässt sich gut einordnen, ob Mahomes aktuell auf Kurs ist, irgendwann tatsächlich in die GOAT-Diskussion einzusteigen - oder ob Brady selbst für den erfolgreichsten Quarterback seiner Generation bereits uneinholbar ist.

Schaut man zunächst ausschließlich auf die Hardware, also alle gewonnenen Titel und Awards, liegen beide Quarterbacks erstaunlich eng beieinander. Sowohl Brady als auch Mahomes gewannen in ihren ersten neun NFL-Jahren jeweils drei Super Bowls. Rein in der für viele wichtigsten Kategorie befinden sich beide also auf demselben Niveau.
Bei den individuellen Auszeichnungen liegt Mahomes sogar leicht vorn. "TB12" gewann in seinen ersten neun Jahren "nur" einen MVP-Award, Mahomes zwei. Außerdem sammelte Mahomes zwei First-Team-All-Pro-Nominierungen, Brady kam im gleichen Zeitraum lediglich auf eine. Zählt man zusätzlich die Second-Team-All-Pro-Auszeichnungen hinzu, steht Mahomes bei insgesamt drei All-Pro-Nominierungen, Brady bei zwei.
Auch bei den Super-Bowl-Teilnahmen spricht einiges für Mahomes. Neben seinen drei Titeln erreichte er den Super Bowl noch zweimal zusätzlich, verlor dort allerdings jeweils - 2020/21 überraschend deutlich beim Duell mit den Brady-Bucs (9:31) und erst Anfang 2025 beim Versuch Richtung Three-peat beim deutlichen 22:40 gegen die Philadelphia Eagles. Brady kam in seinen ersten neun Jahren auf einen Super-Bowl-Einzug weniger.
Dazu kommt eine weitere beeindruckende Mahomes-Serie, die allerdings zum Ende der vergangenen Saison mit dem Verpassen der Playoffs und seiner schweren Knieverletzung riss. Bis dahin hatte Mahomes in jeder seiner Spielzeiten mindestens das AFC Championship Game erreicht. Genauer gesagt erreichte er sogar immer mindestens die Overtime eines jeden Championship Games. Selbst wenn sein Team also den Einzug in den Super Bowl verpasst hatte, scheiterte es in den ersten Jahren seiner Karriere frühestens in der Verlängerung des Halbfinal-Spiels. Erst in der vergangenen Saison endete diese absurd starke Serie.
Rein anhand von Titeln, Awards und Auszeichnungen kann man deshalb durchaus argumentieren, dass Mahomes in puncto Hardware den erfolgreicheren Karrierestart hingelegt hat.
Wer dennoch für Brady argumentieren möchte, muss nicht weit zurückblicken. Im Super Bowl LV besiegte der Altmeister mit den Tampa Bay Buccaneers Mahomes und die Kansas City Chiefs klar mit 31:9. Bereits zwei Jahre zuvor hatte die NFL-Legende Mahomes in der Overtime des AFC Championship Games mit seinen Patriots ausgeschaltet. In direkten Playoff-Duellen steht Brady damit 2-0 gegen Mahomes.

Allerdings lässt sich auch dieses Argument relativieren. Als die beiden sich erstmals in den Playoffs gegenübergestanden hatten, befand sich Mahomes gerade in seiner ersten Saison als Starter. Beim Super Bowl gegen Tampa Bay spielte er erst seine dritte Saison als Starting-Quarterback.
Brady dagegen hatte vor dem ersten direkten Playoff-Duell der beiden bereits fünf Super-Bowl-Ringe gewonnen und gehörte längst zu den erfolgreichsten Spielern der NFL-Geschichte. Während Mahomes also damals gerade erst begonnen hatte, Erfahrungen im Playoff-Football zu sammeln, war Brady bereits ein mehrfacher Champion. In einem Sport, der immer wieder mit dem Motto "Game of Inches" beschrieben wird, sollte man diesen Erfahrungsvorteil nicht unterschätzen. Gerade diese kleinen Details könnten am Ende den entscheidenden Unterschied gemacht haben. Und für den Umstand, dass der ehemalige Texas-Tech-Spieler 18 Jahre jünger ist als Brady, kann er schließlich nichts.
Hinzu kommt, dass Quarterbacks im Football nie direkt gegeneinander spielen. Anders als beispielsweise im Fußball stehen sich Aushängeschilder ihrer Teams wie Brady und Mahomes nie gleichzeitig auf dem Spielfeld gegenüber. Tatsächlich spielte Brady jeweils gegen die Defense der Chiefs, während Mahomes gegen die Defense der Patriots beziehungsweise Buccaneers antreten musste. Die oft zitierte Head-to-Head-Bilanz unter Quarterbacks besitzt deshalb im Football deutlich weniger Aussagekraft, als es auf den ersten Blick vermuten lässt.
Interessanterweise gibt es noch eine weitere Gemeinsamkeit zwischen Brady und Mahomes. Letzterer führte die Chiefs bereits zu drei Super-Bowl-Titeln, ehe ihn in seiner neunten NFL-Saison ein schwerer Kreuzbandriss stoppte.

Exakt dasselbe passierte Brady - auch er hatte sich in seiner neunten NFL-Saison einen Kreuzbandriss zugezogen. Die Patriots verpassten daraufhin ebenfalls die Playoffs.
Noch bemerkenswerter ist, dass sich diese Verletzungen jeweils in der Saison nach einer Super-Bowl-Niederlage ereigneten. Brady verlor im Jahr zuvor gegen die New York Giants das große Endspiel, Mahomes gegen die Philadelphia Eagles.
Hier beginnt allerdings der Teil der Karriere, der die Legacy des ehemaligen Patriots-Quarterbacks so einzigartig macht. Brady spielte insgesamt 23 NFL-Saisons und hat statistisch betrachtet zwei eigenständige Hall-of-Fame-Karrieren vorzuweisen, wenn man seine Laufbahn teilen würde.
Betrachtet man ausschließlich seine Karriere von 2000 bis einschließlich 2014, hat Brady hier bereits vier Super Bowls errungen. Allein dieser Abschnitt seiner Karriere würde wahrscheinlich ausreichen, um ihn als größten Quarterback aller Zeiten einzuordnen. Mit vier Titeln würde "TB12" gemeinsam mit Joe Montana und Terry Bradshaw die Rangliste auf der Quarterback-Position anführen.
Doch so beeindruckend dieser erste Karriereabschnitt auch war - das eigentlich Außergewöhnliche folgte erst danach. So absurd das auch klingen mag: Zwischen 2015 und 2022 - also im Alter zwischen 38 und 45 Jahren - gewann Brady noch einmal drei weitere Super Bowls.
Während viele der größten Quarterbacks der NFL-Geschichte ihre Karriere bereits in ihren späten Dreißigern beendet hatten, begann Brady in diesem Alter praktisch noch eine zweite Hall-of-Fame-Karriere.
Dass Mahomes im gleichen Alter noch einmal ähnlich erfolgreich sein wird, erscheint äußerst unwahrscheinlich. Genau deshalb könnte dieser Abschnitt von Bradys Karriere sogar der am meisten unterschätzte Teil seines Vermächtnisses sein.
Es gibt allerdings einen wichtigen Unterschied: Zwischen Bradys drittem und viertem Super-Bowl-Titel lagen neun komplette Saisons ohne Championship, ehe 2014 Nummer vier folgte. Genau darin liegt Mahomes' Chance.
Sollte es dem Aushängeschild der Chiefs, der erst kürzlich seinen ohnehin schon famosen Vertrag verlängert bekommen hat, gelingen, deutlich früher in seiner Karriere den vierten Ring zu gewinnen, könnte er den Rückstand auf Brady weiter verkürzen, bevor überhaupt die späten Karrierejahre beginnen. Denn darauf zu setzen, jenseits der 35 Jahre noch einmal drei Super Bowls zu gewinnen, dürfte kein realistischer Karriereplan sein.
Mahomes ist mittlerweile 30 Jahre alt und kehrt erstmals in seiner Karriere nach einer Verletzung dieses Schweregrads zurück aufs Feld.
Betrachtet man die Fakten, ist Mahomes zu diesem Zeitpunkt seiner Karriere zwar erfolgreicher und schneller unterwegs als Brady. Gleichzeitig stehen neben seinem Namen aber erst knapp 43 Prozent der Super-Bowl-Titel, die "TB12" gewonnen hat. Oder anders formuliert: Auf dem Weg zum GOAT-Status hat Mahomes noch nicht einmal die Hälfte dessen erreicht, was Brady am Ende seiner Karriere vorweisen konnte.

Wenn Mahomes Bradys Status wirklich gefährden will, muss er schnell wieder an die Brillanz seiner ersten Jahre anknüpfen. Vor allem muss der Spielmacher in Kansas City wieder das Niveau erreichen, das ihn zwischen 2018 und 2023 zum dominierenden Quarterback der NFL gemacht hat.
Betrachtet man nämlich isoliert die vergangenen beiden Spielzeiten, muss man festhalten, dass Mahomes erstmals nicht mehr auf seinem gewohnten Niveau gespielt hat. Gleichzeitig hat er dadurch auch den Status als bester Quarterback der NFL verloren. Das mag zunächst wie ein Hot Take klingen. Beschränkt man die Betrachtung allerdings wirklich nur auf die vergangenen beiden Jahre, gibt es nur wenige Argumente dafür, Mahomes weiterhin als besten Quarterback der Liga zu bezeichnen. Zumal die Konkurrenz groß ist - Stichwort Josh Allen (Bills), Lamar Jackson (Ravens), Joe Burrow (Bengals).
Allerdings wäre auch das eine sehr verkürzte Betrachtung. Denn davor liegen sechs Jahre auf absolutem Elite-Niveau - und sechs Jahre, die nicht nur individuell herausragend, sondern auch historisch erfolgreich waren.
Zurück deswegen zur eigentlichen Frage: Kann Mahomes Brady noch einholen? Dafür muss er zunächst wieder an die Form anknüpfen, die ihn zwischen 2018 und 2023 zum Maßstab der modernen NFL geformt hat. Nur dann hat das Chiefs-Ass eine realistische Chance, den größten Quarterback aller Zeiten tatsächlich noch einzuholen.
Vergleicht man heute ausschließlich die ersten neun Karrierejahre von Tom Brady und Patrick Mahomes, kann man durchaus argumentieren, dass Letzterer leicht die Nase vorn hat. Anders formuliert: Wenn man nur anhand des Karrierestarts entscheiden würde, wer der bessere Quarterback ist, wäre Mahomes die naheliegendere Antwort. Mehr MVP-Auszeichnungen, mehr All-Pro-Nominierungen und mehr Super-Bowl-Teilnahmen sprechen aktuell bei gleicher Anzahl an Super-Bowl-Titeln für den Chiefs-Quarterback.
Zoomt man allerdings auf die komplette Karriere von Brady heraus, bleibt der ehemalige Patriots-Spielmacher meilenweit voraus. Sieben Super-Bowl-Titel sind der Maßstab, an dem sich jeder Quarterback dank ihm in Zukunft messen lassen muss.
"TB12" hat die Messlatte für Quarterbacks so hoch gelegt wie kein Spieler zuvor. Mahomes ist der Erste, der überhaupt realistische Chancen besitzt, diese Marke irgendwann anzugreifen. Nach den ersten neun Jahren spricht vieles sogar für den Chiefs-Star. Doch am Ende wird die GOAT-Debatte oft nicht anhand von MVPs, All-Pro-Nominierungen oder spektakulären Würfen entschieden, sondern anhand von Vince-Lombardi-Trophäen. Und genau dort ist Brady trotz Mahomes' historischem Karrierestart noch immer das Maß aller Dinge.
val