29.07.2026
Ravens-Spielmacher über den 8-0-Start
Acht Spiele, acht Siege - und ein Quarterback, der sein Spiel komplett verändert hat. Russell Tabor spricht über den Erfolg der Munich Ravens, seinen Wandel vom Playmaker zum Game Manager und erklärt anhand von Sam Darnold, warum ein Quarterback nie allein über Sieg oder Niederlage entscheidet.

Russell Tabor gehört ganz klar zu den Gesichtern der bislang ungeschlagenen Munich Ravens. Acht Spiele, acht Siege - und eine Offense, die zu den gefährlichsten der EFA zählt. Doch wer den Quarterback heute spielen sieht, erlebt laut eigener Aussage einen völlig anderen Spieler als noch vor wenigen Jahren.
"Ich habe das Gefühl, heute einen völlig anderen Football zu spielen als noch vor zwei Jahren", sagte der Spielmacher der Münchner beim Midseason Talk der Ravens am Dienstag. Der Grund dafür sei eine bewusste Veränderung seiner Herangehensweise - weg vom spektakulären Big Play, hin zu mehr Geduld und Effizienz.
Die wohl einprägsamste Aussage des Quarterbacks fiel dabei mit einem Lächeln: "Langweilig kann sexy sein!" Was zunächst ungewöhnlich klingt, beschreibt genau die Philosophie, die Tabor mittlerweile verfolgt. Früher habe er häufiger versucht, Spiele mit spektakulären Aktionen zu entscheiden. Heute gehe es vielmehr darum, die einfachen Würfe zu nehmen, den Ball sicher zu verteilen und Fehler zu vermeiden - auch wenn "der alte Russell dennoch nie ganz verschwindet."
Den entscheidenden Anstoß zu dieser Veränderung gab Ravens-General-Manager und Quarterback-Coach Sean Shelton. Der 23-Jährige erklärte, dass Shelton ihn bewusst dazu gebracht habe, seinen Spielstil umzustellen und effizienter statt spektakulärer zu agieren.
Passend dazu nahm sich Shelton selbst auf die Schippe: Er sei "der langweiligste Quarterback aller Zeiten" gewesen. Genau diese Mentalität versuche er nun auch seinen Quarterbacks zu vermitteln - denn am Ende gehe es nicht darum, möglichst spektakulär auszusehen, sondern Spiele zu gewinnen.
Gerade in den entscheidenden Momenten einer Saison sei genau das der Unterschied. "Wenn die Lichter am hellsten leuchten, gewinnen nicht die Big Plays Spiele. Die Kehrseite eines Big Plays ist oft ein Turnover." Stattdessen wolle er "der Offense immer eine gute Ausgangslage verschaffen" und seinen Playmakern den Ball in die Hände geben.
Der Erfolg gibt dem Quarterback recht. Mit knapp 2000 Passing Yards - den zweitmeisten aller Quarterbacks der EFA -, 22 Touchdown-Pässen bei lediglich fünf Interceptions sowie drei weiteren Touchdowns per Lauf zählt Tabor bislang zu den effizientesten Spielmachern der Liga.
Um seinen Standpunkt zu verdeutlichen, zog Tabor, der in den USA selbst College Football auf höchstem Niveau spielte, einen Vergleich zur NFL und nannte Sam Darnold als Beispiel dafür, wie stark ein Quarterback auch von seinem Umfeld beeinflusst wird.
"Ich muss immer lachen, wenn ich NFL-Talkshows sehe. Ein Quarterback wird in eine schwierige Situation gedraftet und plötzlich heißt es: 'Sam Darnold ist der schlechteste Quarterback aller Zeiten.' Dann wechselt er das Team und auf einmal heißt es: 'Sam Darnold ist einer der Besten.'"
Für Tabor liegt die Wahrheit deutlich näher. "Es ist derselbe Quarterback - aber mit einem anderen Scheme und anderen Mitspielern." Der Vergleich unterstreicht, dass Football für ihn niemals nur vom Quarterback abhängt. Coaching, Playcalling, Receiver und Offensive Line seien mindestens genauso entscheidend für den Erfolg einer Offense.
Wie wohl sich Tabor aktuell hinter seiner Offensive Line fühlt, zeigte er mit einem augenzwinkernden Spruch. "Unsere Jungs blocken so gut - ich könnte da hinten zehn Sekunden stehen, mir ein Sandwich machen und den Ball trotzdem noch werfen."
Die Aussage sorgte bei den Anwesenden für Lacher, verdeutlichte aber gleichzeitig, wie viel Vertrauen der Quarterback in seine Mitspieler setzt.
Auch die Entwicklung der gesamten Ravens sieht der Quarterback als langfristigen Prozess. "Ich hatte in meiner Karriere fast immer das Gefühl, auf der David-Seite der David-und-Goliath-Geschichte zu stehen. Man kämpft gegen Teams, die einem überlegen erscheinen. Es fühlt sich gut an, jetzt auch mal selbst Goliath zu sein."
Dass München inzwischen als Titelkandidat gilt, sei jedoch keineswegs das Ergebnis eines einzelnen Transfers oder einer guten Offseason. "Das ist kein Team, das einfach talentierte Spieler gesammelt hat und deshalb 8-0 steht. Das ist ein Fünf-Jahres-Prozess."
Von der Organisation über das Coaching bis hin zur Kaderzusammenstellung greife inzwischen alles ineinander. "Wenn an jeder Stelle die richtigen Menschen sitzen, ist es wie ein Schwungrad. Jeder profitiert vom anderen."
Dass die Ravens bislang ungeschlagen sind, führt Tabor deshalb nicht auf einzelne Highlight-Plays zurück, sondern auf die Bereitschaft, den unspektakulären Weg zu gehen.
Statt schwierige Würfe zu erzwingen oder jede Aktion zum Big Play machen zu wollen, setzt der Quarterback heute auf Kontrolle, Geduld und konsequente Fehlervermeidung - auch wenn das nach außen manchmal weniger spektakulär wirkt.
Oder, wie Tabor es selbst auf den Punkt brachte: "Langweilig kann sexy sein."
Für ihn und die Ravens richtet sich der Blick nun auf den Saisonendspurt. Am Sonntag (2. August) empfangen die Münchner im Rahmen ihres "Hoamcomings" die Paris Musketeers zum letzten Heimspiel der regulären Saison.
Die Teilnahme am BIG4-Playoff-Wochenende in Frankfurt haben sich die Ravens bereits gesichert. Im abschließenden Hauptrundenspiel gegen Nordic Storm (7-1) geht es dann nur noch um den ersten Seed und damit die Spitzenposition vor den Playoffs.
Die Halbfinals finden am 15. und 16. August in der PSD Bank Arena in Frankfurt statt. Dort wollen die Ravens den ersten Playoff-Sieg der Franchise-Geschichte feiern und den Einzug ins Championship Game perfekt machen. Das Finale der Premierensaison der EFA steigt schließlich am 29. August im Tivoli Stadion in Innsbruck - ein Ziel, das die bislang ungeschlagenen Münchner unbedingt erreichen wollen.
mhh