09.02.2026
Verlierer im Super Bowl LX
Die New England Patriots standen im Super Bowl LX erneut auf der größten Bühne der NFL, verpassten gegen die Seattle Seahawks jedoch den erhofften Titelgewinn. Die Niederlage markiert einen weiteren Wendepunkt in der über sechs Jahrzehnte währenden Geschichte des Traditionsfranchises - geprägt von Dynastien, Brüchen und immer neuen Anläufen. Der Weg zurück an die Spitze bleibt offen.

Das offizielle Geburtsdatum der New England Patriots ist nach einigem Hin und Her der 16.November 1959. Billy Sullivan, ein Geschäftsmann aus Boston, gründet das Team, um an der NFL teilzunehmen. Die Liga verweigert ihm aber den Zutritt, da die vorherigen fünf Versuche, ein Franchise in Boston auf die Beine zu stellen, gescheitert sind.
Doch statt den Kopf in den Sand zu stecken, bewirbt er sich bei der neu gegründeten Konkurrenzliga, der American Football League. Dort erhält er einen der acht Plätze und geht unter dem Namen Boston Patriots an den Start. Der Beiname Patriots steht im Andenken an die Rebellen, die 1776 ihren Anteil zur Unabhängigkeit der USA beigetragen haben. Zudem entwirft Phil Bissell, ein Künstler der Zeitung Boston Globe, das Pat-Patriot-Logo.
Das Jungfernjahr verläuft für Sullivan, der sich die Anteile mit neun weiteren Personen teilt, und sein Projekt holprig. Besonders die Suche nach einem Stadion entpuppt sich als schwierig, in ihren ersten zehn Saisons spielen die Patriots in vier verschiedenen Arenen, unter anderem im Fenway Park der Baseballer von den Boston Red Sox.
Nichtsdestotrotz gelingt es Head Coach Mike Holovak im dritten Jahr ins Finale einzuziehen, das allerdings mit 10:51 gegen die San Diego Chargers verloren wird. Danach geht es jedoch sportlich bergab, bis 1975 gelingt es dem Team nur noch zweimal, eine positive Bilanz aufzuweisen. Immerhin stellen die Patriots in dieser Zeit in Wide Receiver Gino Cappelletti 1964 und Running Back Jim Nance 1966 zwei MVPs.
Im Frühjahr 1971 bekommt das Team einen anderen Namen. Ursprünglich plädiert Sullivan auf Bay State Patriots, aber die Liga boykottiert das Ansinnen. Also entscheidet er sich für New England Patriots, passend zum neuen Foxboro Stadium, das in der Region Neuengland steht und das Team wenige Monate später beziehen wird. Doch auch unter neuem Namen will der große Erfolg nicht so recht gelingen: Head Coach Chuck Fairbanks, der 1973 übernimmt, sorgt zwar wieder für positive Ergebnisse, doch trotz des ersten Division-Titels in der AFC East 1978 springt kein Playoff-Sieg heraus.
Erst unter Raymond Berry geht es bergauf. Der ehemalige Top Wide-Receiver wird während der 1984er Saison vom Special Coach für die Passempfänger zum Cheftrainer befördert. In seiner ersten kompletten Runde gelingen in den Playoffs Siege gegen die New York Jets, die Los Angeles Raiders und die Miami Dolphins, allerdings erweisen sich die Chicago Bears im Super Bowl als zu stark, gewinnen deutlich mit 46:10.

Aufgrund einiger schlechter Investments bleibt Sullivan in der Folge nichts anderes übrig, als die Patriots und das Stadion zum Verkauf anzubieten. Doch niemand ist bereit, 100 Millionen Dollar auf den Tisch zu blättern. Sullivan will deshalb 1988 mit dem Franchise an die Börse und dort 50 Prozent der Anteile veräußern. Die NFL blockiert das Vorhaben jedoch und setzt ein vierköpfiges Komitee ein, das komplette Handlungsbefugnis besitzt. Sullivan unternimmt einen letzten Versuch, sein Team zurückzugewinnen, aber der Plan, dass Reebok-Geschäftsführer Paul Fireman Anteile der Patriots übernehmen soll, scheitert. Stattdessen tritt Victor Kiam auf die NFL-Bühne, berappt 83 Millionen Dollar für die Patriots, ehe er 1992 das Franchise für 106 Millionen Dollar an James Orthwein weiterverkauft.
Quasi als erste Amtshandlung verpflichtet Orthwein in Bill Parcells einen der renommiertesten Trainer aller Zeiten. Innerhalb von zwei Jahren formt er aus einer der schlechtesten Mannschaften ein Playoff-Team - auch weil in Drew Bledsoe im selben Jahr ein starker Quarterback im Draft gezogen wird. Zudem will Orthwein das Team nach St. Louis umsiedeln, scheitert jedoch krachend. Da Robert K. Kraft, ein milliardenschwerer Unternehmer aus der Papier- und Verpackungsindustrie, seit 1988 das Stadion sein Eigen nennt und einem Buyout für die Stadionmiete nicht zustimmt, verkauft Orthwein das Franchise. Für 175 Millionen Dollar an: Robert K. Kraft

Nach diesem sprichwörtlichen Kraft-Akt bleibt Foxborough die Heimat der Pats. Die stehen 1996 zum zweiten Mal im Super Bowl, wobei sich die Green Bay Packers als zu stark erweisen - 21:35. Parcells packt im Anschluss aufgrund eines schwelenden Streits mit Kraft seine Koffer, Pete Carroll wird sein (erfolgloser) Nachfolger. Der sagenhafte Aufschwung gelingt ab 2000 unter der Regie von Bill Belichick, der bei den New York Jets eigentlich Parcells beerben sollte. Diese Entscheidung entpuppt sich ebenso als Glücksgriff wie die Wahl von Tom Brady, der erst an 199. Stelle gedraftet wird.
2001 übernimmt der junge Quarterback während der Spielzeit für den verletzten Bledsoe, stürmt bis in den Super Bowl und sichert mit dem 20:17-Erfolg über die St. Louis Rams dem Franchise erstmals die Vince Lombardi Trophy. 2004 und 2005 gelingt dieses Kunststück erneut. Auch in der Folge sind Belichick, Brady und Co. nur ganz schwer bis gar nicht aufzuhalten. In der 2007er Saison gelingt dem Team fast die perfekte Runde, allerdings setzen die New York Giants im Endspiel den Patriots das Stoppschild vor die Nase - 14:17, auch wegen des legendären Helmet Catches von David Tyree.
2012 sind erneut die Giants der Super-Bowl-Verderber, gewinnen ebenso knapp 21:17. Zudem stellen sich die Patriots selbst ins Offside: 2007 sorgt die Spygate-Affäre wegen des illegalen Filmens von Signalen der gegnerischen Coaches für Aufruhr. Nach diesem Spionage-Vorfall folgt den Liebesgrüßen aus Foxborough 2015 der Deflategate-Eklat aufgrund von zu schwach aufgepumpten Bällen; Brady wird für vier Spiele aus dem Verkehr gezogen.

Doch das Erfolgsduo lässt sich nicht beirren: 2015 bejubeln Brady und Belichick mit Stars wie Rob Gronkowski und Julian Edelman Titel vier (28:24 gegen Seattle). 2017 dreht Brady im Super Bowl ein 3:28 in ein 34:28 nach Verlängerung gegen Atlanta, zwei Jahre später sichert er sich mit 13:3 gegen die LA Rams seinen sechsten Ring.
2020 verlässt Brady im Streit Belichick und die Patriots, die seither nur noch einmal in die Playoffs kommen. 2024 muss dann auch Belichick seinen Hut nehmen. Mike Vrabel tritt als schon zweiter Nachfolger ein schweres Erbe an.
Was danach folgte, war kein linearer Wiederaufstieg, sondern ein Neuanfang unter völlig anderen Vorzeichen. Die New England Patriots mussten sich neu erfinden - ohne Tom Brady, ohne Bill Belichick und ohne die Gewissheit, dass Erfolg in Foxborough automatisch folgt. Unter Mike Vrabel gelang dieser Umbruch schneller als erwartet: Zwei Jahre nach dem Abschied der prägenden Figuren Belichick stand New England wieder im Super Bowl.
Der Super Bowl LX markierte dabei einen sporthistorischen Einschnitt - erstmals seit 1986 bestritten die Patriots ein Endspiel ohne Brady als Quarterback. An seiner Stelle führte Drake Maye das Team auf die größte Bühne des Sports. Die Hoffnung, er könne der erste Patriots-Quarterback werden, der ohne Brady einen Super Bowl gewinnt, erfüllte sich jedoch nicht. Mit der 13:29-Niederlage gegen die Seattle Seahawks endete ein ambitionierter Lauf - und zugleich ein Finale, das zeigte, wie schwer es bleibt, an eine der größten Dynastien der NFL-Geschichte anzuknüpfen.
Die New England Patriots sind tief in Foxborough, Massachusetts, verwurzelt - eine Stadt mit 18.791 Einwohnern, deren Bevölkerung rechnerisch dreimal in das Gillette Stadium mit einem Fassungsvermögen von 65.878 Plätzen passen würde. Gegründet wurden die Patriots 1959, zunächst unter dem Namen Boston Patriots, den sie bis 1970 trugen. In bislang 56 NFL-Saisons qualifizierte sich das Franchise 28-mal für die Playoffs und erreichte zwölf Super Bowls, von denen sechs gewonnen wurden (2002, 2004, 2005, 2015, 2017 und 2019). Mit rund fünf Millionen Instagram-Followern sind die Patriots zudem die reichweitenstärkste Marke der NFL.
Head Coach 2025/26: Mike Vrabel (50) steht seit dieser Saison an der Seitenlinie, nachdem das einjährige Experiment mit Jerod Mayo gescheitert war. Vrabel kennt das Franchise bestens, zwischen 2001 und 2009 gewinnt er als Linebacker drei Super-BowlTitel. Nach seiner Spieler-Karriere wird er Trainer und erarbeitet sich in seiner fünfjährigen Amtszeit als Head Coach der Tennessee Titans einen exzellenten Ruf als Defensiv-Genie und Players’ Coach.
Star-Spieler 2025/26: Drake Maye (23) wird 2024 an dritter Stelle gedraftet, nachdem der Quarterback an der University of North Carolina herausstach. Bereits in seiner Rookie-Saison glänzt er trotz schwieriger Umstände und wird in den Pro Bowl gewählt. Trotz seiner geringen Erfahrung tritt er souverän auf, besticht durch genaue Pässe.
Legende: Tom Brady (48) ist bis 2019 das Gesicht der Patriots. Zwar wird der Quarterback erst an der 199. Stelle im 2000er Draft gepickt, doch das motiviert ihn zusätzlich. Nachdem er im zweiten Jahr den Startplatz übernimmt, führt er das Franchise zu sechs Super-Bowl-Titeln; die bis dato meisten in der NFL-Historie. Zudem ist seine Liste an individuellen Rekorden beinahe endlos, auch deshalb bekommt er den Beinamen GOAT: Greatest of All Time.
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mgs, smu