16.04.2026
Experte mit NFL-Vergangenheit
Heute begeistert Kasim Edebali Fans am Mikrofon von RTL/NITRO, so auch beim Draft in der kommenden Woche. Doch als ehemaliger NFL-Profi kann Edebali auch Einblicke in die Gefühlswelt der Nachwuchstalente liefern: Von herben Enttäuschungen bis zu den steigenden Anforderungen in der US-Liga, der Hamburger ist bis heute hautnah dran an der besten Football-Liga der Welt.

Herr Edebali, wie bereiten Sie sich auf den Draft vor?
Natürlich war es noch einfacher, als ich selbst College-Kommentator war. Heutzutage lese ich mir erstmal alles durch. Von ESPN, CBS, Mock-Drafts und was die Profis sagen. Dann erstelle ich meine Top 50 und von denen gucke ich mir das Tape an. Wenn ich jetzt ein professioneller Scout wäre, würde ich bestimmt noch mehr Stunden investieren. Aber für die Berichterstattung interessiert vor allem das Skillset: Wie bewegt er sich? Was sind gute Attribute? Sind die Spieler stark, schnell, smart? Und solange du ein Verständnis dafür hast, kannst du damit gut arbeiten.
Wie sieht eine solche Spieler-Zusammenfassung am Sendetag aus - eine XXL-PDF?
Eigentlich genau so wie meine Game Day-Vorbereitung. Ich liebe es zu schreiben, zu schreiben, und nochmal zu schreiben. Dann habe ich es besser im Kopf. Und am Ende habe ich dann meine Top 32 Picks. Und daneben die Team-Needs. Das ist dann ein bisschen wie Memory, für mich macht das Sinn.
Sie haben selbst eine Vergangenheit in der Defense: Verfolgen Sie diese Rookies dann beim Draft auch am liebsten?
Was diesen Aspekt betrifft, bin ich natürlich etwas voreingenommen. Als Ex-Defensive-End schaue ich mir natürlich ganz besonders gerne neue DEs und Pass Rusher an. Dieses Jahr haben wir auch ein paar gute dabei. Für mich ist es spannend, deren Skillset und die Entwicklung der Athletik in den letzten Jahren zu beobachten.
Sie haben sich 2014 schlussendlich für die Saints entschieden, obwohl Ihnen andere Teams damals lukrativere Angebote gemacht haben: Was ist für Sie der entscheidende Faktor aus Spielersicht - wie entscheidet man, welches Team am besten zu einem passt?
Das ist ein sehr guter Punkt, weil grundsätzlich will jeder erstmal vom Board gehen. Aber mein Agent hat damals auch zu mir gesagt, ab Runde 5 willst du eigentlich nicht mehr gedraftet werden. Die 10, 20, 50.000 US-Dollar, heutzutage vielleicht 100.000, hören sich verlockend an. Aber dein Ziel ist es natürlich, in den finalen Kader zu kommen. Und wenn du fünfte Runde und weniger gedraftet wirst, ist es nicht sicher, dass du auch in den finalen Kader kommst.
Für mich deshalb viel entscheidender: Wie ist der Kader gebaut? Wie alt sind die Spieler auf meiner Position? Wie sind die Verträge verteilt? Und dann ist die Frage, wie hoch ist die Chance, dass du dich durchsetzen kannst. Ich weiß noch, damals haben mir die Giants und Texans rund 15.000 US-Dollar angeboten.
Am Ende hab ich aber für 2000 US-Dollar bei den Saints unterschrieben. Mein Agent meinte auch, Kasim hier kannst du dich durchsetzen. Jetzt heißt es, Gas geben und dem Coach zeigen, dass du in den finalen Kader willst. Diese Faktoren sind wichtiger als, wer dir das meiste Geld als Free Agent zahlt.
Wie groß war bei Ihnen die Enttäuschung nicht im Draft vom Board gegangen zu sein?
Ich glaube, es ist immer eine gewisse Enttäuschung da. Aber ich hatte ein paar sehr gute Menschen um mich herum, auch Coaches, Mentoren, Scouts. Anders als der Durchschnittsrookie mit 20/21 Jahren bin ich erst mit 24/25 in den Draft gekommen. Das heißt die Haltbarkeit meiner Football-Karriere war sowieso schon um die Hälfte kürzer als bei den meisten. Das hat mich automatisch unattraktiver gemacht. Hinzu kam, dass ich aus Deutschland kam und noch nicht so lange gespielt habe wie andere. Das wurde mir jedenfalls immer gesagt. Ich wusste immer, dass ich eine Chance bekommen werde. Mir war es egal, wo, wie und wann.

Dieses Jahr gibt es mit Marlin Klein einen Deutschen, der relativ hoch gehen könnte: Was bedeuten solche Eigengewächse für American Football in Deutschland?
Für mich ist das ganz wichtig. Ich lerne heute Jungs kennen, und die wollen auch alle gedraftet werden, weil sie Björn als Vorbild haben. Dasselbe gilt auch für die deutschen NFL-Spieler: Sie können sich gar nicht vorstellen, wie viele Kids diese Spiele angucken und sagen, eines Tages wollen sie auch auf diesem Feld stehen. Zu sehen, dass der Traum von der NFL nicht unmöglich ist. Darum geht es. Ist es einfach? Nein. Aber es ist machbar.
Woran liegt es, dass sich deutsche Spieler so schwer tun in den USA durchzusetzen? Muss das Niveau hierzulande noch steigen?
Die Förderung, die gerade in Europa passiert mit dem IPP etc., die ist so gut wie noch nie. Auch in der NFL Academy sehen wir ganz viele Talente. Aber in den letzten Jahren gab es schon Ebbe und Flut - wir hatten die ältere Generation mit Vollmer, Kuhn, Nzeocha, Johnson, Werner. Aber danach gibt es vielleicht mal ein paar Jahre, wo es weniger sind. Trotzdem glaube ich, wir machen einen guten Job in Europa. Die prozentuale Chance, dass man von der Highschool in die NFL kommt, ist absurd niedrig. Selbst vom College in die NFL. Aber wir haben hier genug Jungs, die das Talent haben.
Und wie sehen Sie die Chancen für den deutschen O-Liner Paul Rubelt, der z.B bei den Broncos zum Top 30 Visit eingeladen wurde. Würde er zu diesem Broncos Roster passen?
Ich habe ihn nicht so eng verfolgt, aber ich weiß ganz genau, Sean Payton ist immer jemand, der auf das Skillset eines Spielers schaut. Wenn er was in dir sieht, dann wird er dir eine Chance geben. Denver ist wunderschön, da kannst du mit deiner Familie hin - ich glaube das ist einer der besten Landing-Spots, wenn man es sich aussuchen könnte. Gerade wenn du ein Coaching-Staff hast, das dich nicht einfach plug and play reinsetzen will, sondern das deine Fähigkeiten maximieren will.
Passend dazu: Sie haben einmal gesagt, dass die NFL deutlich athletischer geworden ist - was müssen Talente sonst noch mitbringen, um sich in der Liga durchzusetzen?
Film don’t lie: Was immer du auf dem Feld produzierst, ist entscheidend. Natürlich wird auch unter die Motorhaube geguckt: wie lang sind seine Arme, wie groß sind seine Hände usw. Aber wenn du unter den Top 10 Draft Picks sein möchtest, müssen schon ein paar Attribute dabei sein. Wenn du in meiner Zeit eine 4.6 als Defensive End gelaufen bist, warst du ein absoluter Top-Athlet. Heutzutage laufen die auf dieser Position easy eine 4.3 oder 4.4. Man muss inzwischen schon den Speed mitbringen. Das liegt auch am System: vor 20, 30 Jahren hat man viele Laufformationen gesehen, da waren viele fleischige Jungs dabei. Heute ist selbst ein 150kg O-Liner so leicht auf den Füßen wie eine Ballerina. Pure Masse und Stärke reicht nicht mehr. Du musst schon mehr Gelenkigkeit mitbringen.
Spieler wie Makai Lemon werden vor dem Draft heiß diskutiert. Wären Sie ein General Manager: Was ist entscheidender - physische Voraussetzungen oder das richtige Mindset?
Schau dir Amon-Ra an, der ist nicht der Größte, aber mit welcher Einstellung auf dem Feld spielt der? Wir sagen dazu Dog-Mentality. Wenn du so jemanden wie Lemon in das richtige Scheme bringst, sein Skillset dafür nutzt, dass er sich freilaufen kann, dann ist er super gefährlich. Er ist einer meiner Lieblings-Receiver in diesem Draft und ich glaube, im richtigen Team kann er viel schaffen. Egal, ob er 1,95m groß ist oder 1,79m.
Kannst du schon verraten, was Football-Fans bei NITRO zum Draft erwarten dürfen?
Björn bringt die Snacks, Patrick bringt immer Lakritze mit wie ein Verrückter und ich habe die Protein-Shakes dabei (lacht). Es wird eine gute Sendung mit Live-Publikum bei uns im Kölner Sendezentrum und geiler Stimmung. Gerade zu der Sendezeit mitten in der Nacht, da werden wir losgelassen und können bisschen nerdiger als sonst über Football reden. Ich glaube, die Fans mögen das, wenn wir noch ein bisschen mehr in die Materie gehen.
Wie wird Ihr Sommer aussehen so ganz ohne Football?
Patrick und Björn - ich würde mich freuen, wenn ihr mich mal zu eurem Bromance-Urlaub einladet. Aber bei uns bleibt es so oder so busy, meine beiden Töchter spielen Basketball, da haben wir hier immer viel zu tun.
Freitag, 24. April, ab 01:00 Uhr (CET): Draft Tag 1 (Runde 1) im Free-TV bei NITRO und im Livestream auf RTL+
Samstag, 25. April, ab 00:30 Uhr (CET): Draft Tag 2 (Runden 2-3) im kostenfreien Livestream auf RTL+
Samstag, 25. April, ab 18:00 Uhr (CET): Draft Tag 3 (Runden 4-7) im kostenfreien "NFL Network"-Livestream auf RTL+
Tiziana Höll