08.04.2026
Kurze Arme, großes Problem
Vor dem NFL Draft durchlaufen die besten College-Spieler der Welt zahlreiche Tests, Interviews und Messungen. Und besonders eine Zahl kann dabei über Millionen von Dollar entscheiden: die Armlänge. Gerade in diesem Jahr betrifft das einige der spannendsten Prospects der gesamten Klasse.

Medizinische Untersuchungen, psychologische Tests, athletische Workouts beim NFL Combine oder beim Pro Day: Der Weg in die NFL ist gepflastert mit Interviews und Bewertungen. Doch eine Messung, die auf den ersten Blick unscheinbar wirkt, hat in der Realität weitreichende Konsequenzen für die Draft-Position und damit für die Karriereverdienste eines Spielers: die Armlänge. Gerade in der diesjährigen Klasse ist dieses Thema so präsent wie selten zuvor.
Bei Positionen in den sogenannten Trenches, also jenen Spielern, die direkt an der Line of Scrimmage agieren, ist Armlänge ein entscheidender Faktor. Als Offensive Lineman ermöglichen dir längere Arme, früher Kontakt mit deinem Gegenspieler aufzubauen und ihn auf Abstand zu halten, bevor er dich berühren kann. Wer längere Arme hat als sein Gegenspieler, kann den Kontakt früher und besser kontrollieren, was einen massiven Vorteil darstellt.
Auf der anderen Seite gilt dasselbe Prinzip spiegelverkehrt: Ein Defensive Lineman mit längeren Armen kann früher in den Kontakt gehen, dadurch Kontrolle gewinnen und sich so die Oberhand im Duell sichern. Deswegen existieren in der NFL-Evaluierung sogenannte Schwellenwerte für Armlänge. Einer der am häufigsten genannten liegt bei 33 Inches (83,8 cm).
Das ist der Wert, bei dem viele NFL-Teams historisch gesagt haben: Das ist die kürzeste Armlänge, die wir akzeptieren, um einen Spieler als Offensive Tackle zu betrachten. Eine Armlänge von 33 Inches ist also alles andere als ein Gütesiegel, sie ist die Minimalvoraussetzung. Wer darunter liegt, bekommt Fragezeichen hinter seine Positionszuordnung und wird häufig von der Tackle-Position nach innen auf Guard oder Center verschoben, wo die Schwellenwerte niedriger angesetzt sind.
Im Vorfeld des Drafts kursieren regelmäßig Perzentilwerte durch die Medien, die eine gemessene Armlänge mit Kontext versehen. Was ein Perzentil dabei genau bedeutet: Es gibt an, wie ein Spieler im Vergleich zu allen historisch gemessenen Athleten auf seiner Position abschneidet. Wer im dritten Perzentil liegt, hat kürzere Arme als 97 Prozent aller jemals auf dieser Position gemessenen Spieler. Es handelt sich also nicht um einen Durchschnittswert, sondern um einen direkten Vergleich mit der gesamten historischen Datenbasis.
Und genau hier wird es für mehrere der interessantesten Prospects des Drafts 2026 problematisch. Offensive Tackle Spencer Fano von Utah hat eine Armlänge von 32 1/8 Inches (81,6 cm), was ihn im dritten Perzentil unter allen Offensive Tackles einordnet. Defensive End Rueben Bain Jr. von den Miami Hurricanes kommt auf 30 7/8 Inches (78,4 cm), was dem ersten Perzentil unter Edge Rushern entspricht. Francis Mauigoa, ebenfalls Tackle aus Miami, misst 33 1/4 Inches (84,5 cm) und liegt damit im 19. Perzentil unter Offensive Tackles. Den historischen Tiefpunkt dieser Gruppe markiert jedoch Cashius Howell, Edge Rusher von Texas A&M, mit 30 1/4 Inches (76,8 cm). Ein Wert, der ihn im nullten Perzentil unter Edge Rushern platziert und damit zu den kürzesten Armen gehört, die in der Geschichte dieser Position jemals gemessen wurden.
Um das in Relation zu setzen, lohnt sich ein Blick auf die Spieler, die auf ihren Positionen aktuell als die besten der Welt gelten. Myles Garrett, derzeit der dominanteste Defensive End der NFL, misst 35 1/4 Inches (89,5 cm), was dem 93. Perzentil entspricht. Trent Williams, in den vergangenen Jahren einer der besten, wenn nicht der beste Offensive Tackle der Liga, kommt auf 34 1/4 Inches (87,0 cm) und liegt damit im 59. Perzentil. Die Botschaft ist klar: Die besten Spieler der NFL bringen in der Regel nicht nur das Tape und die Athletik mit, sondern auch die körperlichen Voraussetzungen. Genau das ist bei den genannten Prospects in diesem Jahr nicht der Fall.

Um das zu veranschaulichen: Sollte Spencer Fano als Tackle gedraftet werden und in direkten Duellen auf Myles Garrett treffen, hätte dieser einen Armlängenvorteil von fast acht Zentimetern. Was zunächst vernachlässigbar klingt, gewinnt schnell an Bedeutung. Legen beide Spieler ihre Hände an die Shoulder Pads des Gegners und Garrett streckt seine Arme vollständig aus, kann Fano das Shoulder Pad seines Gegenspielers nicht mehr erreichen. Garrett kontrolliert damit Brust und Körper seines Gegenübers, während Fano aus rein genetischen Gründen kaum gegensteuern kann. Ein klares Rezept für Probleme auf Seiten von Fano und ein klarer Vorteil für Garrett.
Und hier kommt die NFL-Rookie-Gehaltsskala ins Spiel. Vereinfacht gesprochen ist jeder Pick im Draft an einen Vierjahresvertrag gekoppelt, dessen Höhe festgelegt ist und nicht verhandelt werden kann. Der First-Overall-Pick verdient über vier Jahre 54,6 Millionen Dollar, der fünfte Pick noch 45,6 Millionen Dollar. Der letzte Pick der ersten Runde, also Pick-Nummer 32, kommt auf 16,1 Millionen Dollar über vier Jahre. Die Zahlen fallen dabei rapide ab. Während der First-Overall-Pick im Schnitt 13,7 Millionen Dollar pro Jahr über seine ersten vier NFL-Jahre verdient, sind es für einen Spieler an Pick 32 nur knapp vier Millionen Dollar pro Jahr. Fällt man als Spieler auf Pick 50 ab, also tief in die zweite Runde, sind es plötzlich nur noch 2,4 Millionen Dollar pro Jahr.
Das Problem entsteht, wenn Teams aufgrund der kurzen Arme eines Prospects bezweifeln, ob er seine ursprüngliche Position in der NFL spielen kann. Offensive Tackles mit zu kurzen Armen werden häufig nach innen zur Guard-Position verschoben, wo die Armlängen-Anforderungen weniger streng sind. Defensive Ends ohne ausreichende Armlänge landen manchmal auf der Defensive-Tackle-Position. Beide Verschiebungen haben eines gemeinsam: Die Zielpositionen werden in der Draft-Hierarchie als weniger wertvoll eingestuft und entsprechend später ausgewählt. Wer als Tackle in den Top 5 der ersten Runde hätte gehen können, geht als Guard möglicherweise erst spät in Runde eins, mit einem deutlich niedrigeren Gehaltsanspruch.
Für Spencer Fano, Rueben Bain Jr., Francis Mauigoa, Cashius Howell und viele andere Nachwuchsspieler könnte der Unterschied zwischen ihrer tatsächlichen Spielqualität und ihrer Draft-Position in Pittsburgh schlicht an einem Körpermaß hängen, das sie nicht beeinflussen können.
Das ist die gnadenlose Realität des NFL Drafts: Nicht nur das Tape, nicht nur die Athletik, sondern auch das Maßband entscheidet darüber, in welcher Runde ein Name aufgerufen wird und wie viele Millionen Dollar damit verbunden sind.
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