12.04.2026
Deutschlands NFL-Hoffnung
Ein Junge aus Köln auf dem Weg in die größte Football-Liga der Welt: Marlin Klein steht kurz davor, sich seinen NFL-Traum zu erfüllen. Der Tight End hat einen außergewöhnlichen Weg hinter sich, der ihn vom Fußballplatz über die Jugend der Cologne Crocodiles bis ins Trikot der Michigan Wolverines führte. Jetzt kämpft Klein im Draft-Prozess um seinen Platz in der wertvollsten Liga im Profisport.

Es gibt Wege in die National Football League, die vorgezeichnet sind. Und dann gibt es den von Marlin Klein. Vom Fußballplatz in der Domstadt, mit dem Traum vom Profivertrag beim 1. FC Köln, bis an die Schwelle zum NFL Draft. Heute zählt er zu den spannendsten deutschen Talenten und hat realistische Chancen, unter den Top 100 ausgewählt zu werden.
Dazwischen liegen Jahre voller harter Arbeit, ein Umzug in ein fremdes Land als Teenager, eine Sprachbarriere, ein National Championship mit Michigan und ein Touchdown vor über 100.000 Menschen. Kleins Geschichte ist mehr als Football. Sie ist ein Beweis für Charakter.
Die Grundlage für Kleins Karriere entstand in seiner Heimatstadt. Über seinen Vater fand er den Weg zum American Football und schloss sich den Cologne Crocodiles an. Unter anderem wurde er dort von RTL-Experte Jan Weinreich trainiert und entwickelte sich vom Fußballer zum Footballspieler.
Über das Programm "Gridiron Imports", bei dem der ehemalige NFL-Profi Björn Werner eine zentrale Rolle spielt, bekam er schließlich die Chance, den nächsten Schritt zu gehen. Als junger Teenager zog er nach Amerika und begann an der Rabun Gap-Nacoochee High School in Georgia, einem privaten Internat rund 160 Kilometer nördlich von Atlanta, den nächsten Abschnitt seiner Football-Karriere.
Was danach folgte, war ein echter Kulturschock. "Ich musste ein neues Leben anfangen, musste selber meine Unterwäsche waschen, selber aufwachen, um in die Schule zu gehen, selber zum Training kommen und einfach selber leben", erzählt Klein in einem Interview vor dem Combine. Doch das Schwierigste war etwas anderes: "Ich konnte kein Englisch, als ich hingezogen bin. Das war wahrscheinlich das Schwierigste - und das musste ich als erstes lernen." Ein Teenager aus Köln, allein in einem fremden Land, ohne Sprachkenntnisse. Größer kann der Sprung kaum sein.
Sportlich zahlte sich der Mut schnell aus. Klein spielte zunächst als Wide Receiver, sammelte starke Statistiken und zog mit seiner Entwicklung die Aufmerksamkeit zahlreicher College-Programme auf sich. Unter anderem Georgia, Florida State, Nebraska und Michigan buhlten um seine Unterschrift. Klein entschied sich für Michigan, auch wenn viele in seinem Umfeld ihm zu Georgia geraten hätten. Eine Entscheidung, die er bis heute nicht bereut.
An der University of Michigan entwickelte er sich zum Tight End mit NFL-Format, gewann mehrere Big Ten Championships und krönte seine College-Zeit mit dem Gewinn der National Championship. Klein war Team-Captain an einem der traditionsreichsten Football-Programme Amerikas, an dem einst unter anderem NFL-Legende Tom Brady seine College-Laufbahn begann.
Team-Captain im College Football an einer Top-Universität zu sein, ist eine Auszeichnung, die nur wenige Spieler erreichen. Bei den Michigan Wolverines hat sie einen noch höheren Stellenwert, da die Captains von den Spielern selbst gewählt werden. Als Deutscher in einem fremden Land diese Rolle zu übernehmen, macht die Ehrung noch besonderer. So besonders, dass sogar Tom Brady - die mit sieben Super-Bowl-Siegen ausgestattete NFL-Legende - den Kölner bei einem Treffen darauf angesprochen hat. Für Brady zählt diese Auszeichnung bis heute zu den größten seiner Karriere. "Ich war hier auch Captain. Ich habe so viele Dinge gewonnen, aber nichts kommt daran heran. Captain bei Michigan zu sein, war meine größte Ehre", berichtete Klein im Podcast von Fokus Football über Bradys Worte.
Einer der emotionalsten Momente seiner Zeit bei den Wolverines kam direkt im ersten Spiel seiner letzten Saison. Im legendären "Big House", dem Stadion der Michigan Wolverines mit über 100.000 Zuschauern, fing er seinen ersten College-Touchdown. Seine Mutter war im Stadion, seine Freundin, sein Highschool-Coach. "Surreal. Das kann man mit Worten nicht beschreiben", sagt Klein. "Das war einer der schönsten Momente meines Lebens und wirklich ein Zeichen, dass sich die ganze harte Arbeit über die letzten Jahre ausgezahlt hat."

Daniel Jeremiah, einer der renommiertesten Draft-Experten der NFL, hat Klein genau beobachtet und beschreibt seine Stärken klar: "Klein hat den idealen Körperbau für einen Tight End. Er kommt schnell von der Line of Scrimmage weg und kann den Ball sauber vom Körper weg fangen." Besonders positiv bewertet Jeremiah Kleins Spiel in Bewegung: "Er sticht besonders hervor, wenn er in Bewegung ist. Am besten ist er, wenn er mit Tempo arbeiten kann. Er ist gut nach dem Catch und bringt eine wirklich gute Geschwindigkeit mit."
Gleichzeitig benennt Jeremiah klar, woran Klein noch arbeiten muss: "Was mir weniger gefällt, ist sein Spiel, wenn er zurück zum Quarterback arbeiten muss, also das Rein- und Rausgehen aus seinen Routen in diesen Situationen." Dennoch sieht Jeremiah großes Potenzial: "Ich glaube nicht, dass er schon der Spieler ist, der er einmal sein wird. Ich denke, da kommt noch mehr." Seine Prognose: dritte Runde, was einem Top-100-Pick entspräche.
Dane Brugler, Draft-Analyst von The Athletic, hat Klein als seinen zehntbesten Tight End dieser Klasse eingestuft und ihm ein Grade für die vierte Runde gegeben.
Auf dem Consensus Board, das die Einschätzungen zahlreicher Medien, Analysten und Draft-Experten bündelt, ist Klein aktuell auf Position 171 gelistet und damit der elftbeste Tight End der Klasse. Ein Pick in der 3. Runde würde einem Top-100-Pick entsprechen, während Position 171 einer Auswahl in der fünften Runde gleichkommt. Damit liegen Kleins realistische Chancen aktuell im Bereich zwischen Pick 75 und 175.
Auch wenn Klein auf dem Consensus Board aktuell in der fünften Runde eingeordnet wird, hat Draft-Experte Jeremiah mit seinem Drittrunden-Grade und dem Potenzial, das noch in Klein steckt, etwas angesprochen, das viele NFL-Teams ähnlich sehen dürften. Diese bekommen mit Klein nämlich nicht nur einen herausragenden Athleten mit dem idealen Körper für die Position, sondern einen Rohdiamanten, der erst als Teenager mit Football begonnen und es trotzdem geschafft hat, bei Michigan als Starter aufzulaufen und Team-Captain zu werden. Das spricht nicht nur für sein Potenzial, sondern auch für seinen Charakter. Diesen hat er noch einmal besonders eindrucksvoll unterstrichen, als er sich entschied, am Bowl Game teilzunehmen und zu spielen, obwohl alle anderen Team-Captains und Draft-Kandidaten genau das nicht taten.
Das Bowl Game, das Saisonfinale für Michigan außerhalb der Playoffs, stand unter schwierigen Vorzeichen. Sportlich ging es um nichts mehr, dazu belastete ein Skandal rund um den Head Coach die Stimmung im Team. Mit Interimstrainer und ohne jede Relevanz für den weiteren Saisonverlauf lautete die Ansage der Agenten an alle Draft-Kandidaten eindeutig: Das Verletzungsrisiko ist zu hoch - nicht spielen. Klein entschied sich als Team-Captain anders und lief mit seinen Teamkollegen auf. Seine Begründung: "Die Jungs waren mir wichtiger als meine eigene Karriere." Auch NFL-Teams haben diese Entscheidung registriert. Die Kombination aus Athletik, Geschichte, Charakter und Potenzial vereint Klein auf eine Weise, die im Draft-Prozess selten zu finden ist.
Der deutsche Tight-End-Hoffnungsträger Klein ist für viele noch kein fertiger NFL-Profi. Aber sein Potenzial ist immens - und was er an Charakter, Resilienz und Lernbereitschaft mitbringt, ist schwer zu messen und mindestens genauso wertvoll. Ein Junge aus Köln, der als Jugendlicher allein in ein fremdes Land gezogen ist, kein Englisch gesprochen und sich trotzdem bis in den NFL Draft gekämpft hat. Egal, was zwischen dem 23. und 25. April 2026 in Pittsburgh passiert: Diese Geschichte verdient Respekt. Und sie hat gerade erst begonnen.
val