01.09.2026
Elite-Zahlen, wenig Hype
Wenn die NFL-Saison näher rückt, beginnt neben der Preseason auch die Zeit der großen Vorhersagen. Wer wird MVP? Wer holt sich den Offensive Player of the Year? Bei den Buchmachern stehen erwartungsgemäß die bekannten Superstars ganz oben. Doch die NFL wäre nicht die NFL, wenn am Ende immer alles nach Plan laufen würde. Abseits der großen Namen wartet ein Kandidat, den bislang kaum jemand auf dem Zettel hat - der aber das Potenzial besitzt, die Liga zu überraschen.

Jahmyr Gibbs, Bijan Robinson, Ja'Marr Chase, Puka Nacua, Justin Jefferson: Das sind laut den Buchmachern die wahrscheinlichsten Kandidaten auf den Titel des Offensive Player of the Year. Erweitert man die Liste, kommen Namen wie Christian McCaffrey, Jaxon Smith-Njigba und Saquon Barkley hinzu. Allesamt herausragende Spieler, die ihre Quoten nicht umsonst haben. Doch weiter unten auf der Liste schlummert ein Name, den kaum jemand wirklich auf dem Schirm hat: Nico Collins, Wide Receiver der Houston Texans.
Collins wurde im NFL Draft 2021 in der dritten Runde an Position 89 von den Houston Texans ausgewählt - ein vergleichsweise später Pick für einen Spieler, der heute in der Konversation um den besten Offensivspieler der Liga auftaucht. Die ersten beiden Jahre seiner Karriere verliefen unspektakulär, nie überstieg er die 500-Yard-Marke in einer Saison. Dann kam 2023, und in Houston gesellte sich ein gewisser C.J. Stroud zu ihm ins Team. Der frisch gedraftete Quarterback spielte eine historische Rookie-Saison, und Collins explodierte förmlich mit: 1297 Receiving Yards und acht Touchdowns zeigten der gesamten Liga, welches Potenzial in ihm steckt. Seitdem hat er in zwei weiteren Saisons die 1000-Yard-Marke geknackt.
Das Einzige, was Collins bisher wirklich im Weg stand, ist seine Gesundheit. Noch nie hat er eine komplette NFL-Saison über alle Spiele hinweg als Starter auf dem Platz gestanden. Das ist der eine Makel in einer ansonsten beeindruckenden Vita.
Rein vom Talent her gilt Collins für viele Experten als Top-12-Receiver der Liga. Und die Argumente dafür sind nicht schwer zu finden. 1,93 Meter groß, rund 100 Kilogramm schwer, schnell, sichere Hände, gutes Route-Running: Die Kombination aus Größe, Athletik und Technik erinnert in ihrer Bestform an einen Julio-Jones-Typ, ohne diesen Vergleich zu leichtfertig ziehen zu wollen. Es ist ein Receiver-Profil, das es in dieser Form selten gibt.

Wer über bloße Boxscore-Statistiken hinausschaut und sich tiefer in die Welt der Analytics bewegt, stößt auf eine Zahl, die Collins' Klasse besonders eindrücklich illustriert: Yards per Route Run. Die Metrik ist so simpel wie aufschlussreich: Sie dividiert die erzielten Receiving Yards durch die Anzahl der gelaufenen Routen und zeigt damit, wie effizient ein Receiver pro gelaufener Route agiert. Das macht sie zu einem der ehrlichsten Leistungsindikatoren auf der Position, denn sie belohnt nicht Volumen, sondern Wirkung. Ein Receiver, der in jedem Spielzug, den er spielt, eine echte Gefahr darstellt, wird hier sichtbar - unabhängig davon, wie oft er eingesetzt wird oder wie viele Pässe sein Quarterback in seine Richtung wirft. Kurz gesagt: Yards per Route Run misst, wie viel Ertrag ein Receiver aus jeder einzelnen Route herausholt.
Und hier ist Collins in den vergangenen drei Jahren schlicht elitär. 2023 lag sein Wert bei 3,10 - ligaweit Platz 2 unter allen Receivern mit mindestens 90 Targets. 2024 waren es 2,87 (Platz 3). Und selbst 2025, als die Texans-Offense als Kollektiv nicht wirklich überzeugte, stand Collins noch bei 2,35, was Platz 7 bedeutete. In zwei der vergangenen drei Saisons war er unter den besten drei Receivern der NFL in dieser Metrik, in der schwächsten dieser drei Spielzeiten immer noch in den Top 8. Das ist kein Zufall, das ist Klasse.
Das verändert die Fragestellung grundlegend. Es geht bei Collins nicht darum, eine hypothetische Breakout-Saison aus dem Nichts vorherzusagen. Der Breakout in die NFL-Elite hat längst stattgefunden. Die eigentliche Frage lautet: Was passiert, wenn Collins, der über mehrere Jahre auf Elite-Niveau effizient produziert hat, diese Leistung erstmals über eine komplette Spielzeit auf ein NFL-Spielfeld bekommt?
Und genau deshalb ist er als Kandidat für eine der spektakulärsten Offensiv-Saisons der NFL so interessant. Die Rahmenbedingungen für 2026 könnten kaum besser sein. Mit dem Ausfall von Jayden Higgins, der nach einem Kreuzbandriss die gesamte Saison verpasst, und weiteren Fragezeichen im Receiver-Room hinter ihm ist Collins die unangefochtene Nummer 1 der Texans-Offense. Das bedeutet mehr Targets, mehr Spielzüge - und gleichzeitig auch mehr Aufmerksamkeit. Diese Aufmerksamkeit kann für Receiver zu einem Problem werden, wenn sie nicht dominant genug sind, damit umzugehen. Collins fällt nicht in diese Kategorie.

Dazu kommt eine Defense, die vom Personal her zu den besten der gesamten Liga gehört. Nicht nur kann das einer Offense den Rücken freihalten, es kann auch dazu führen, dass die eigene Offense im Schnitt schlicht länger auf dem Platz steht als die eigene Defense, was zu mehr Chancen und Produktion führen kann. In einer AFC South, die im Ligavergleich als überschaubar stark gilt, sind die Texans klarer Favorit auf den Divisionstitel, was Spielzeit und Produktionsmöglichkeiten über eine volle Regular Season bedeutet. Das Offensivsystem befindet sich in seinem zweiten Jahr unter Coordinator Nick Caley, und Systeme funktionieren im zweiten Jahr erfahrungsgemäß deutlich geschmeidiger als im ersten.
Und dann ist da noch C.J. Stroud. Der Mann, der Collins 2023 zum Breakout verhalf und der sich 2026 in einem Contract Year befindet. Wer Stroud in seinen besten Momenten gesehen hat, weiß, wozu er fähig ist. Wer ihn zuletzt in den Playoffs gesehen hat, versteht die Fragezeichen, die aktuell rund um seine Personalie bestehen. Beides ist real. Aber ein Quarterback im letzten Jahr seines Vertrages, der schon bewiesen hat, dass er auf absolutem Top-Niveau performen kann und gleichzeitig etwas zu beweisen hat, weiß, dass seine nächste große Auszahlung davon abhängt, was er in dieser Saison zeigt. Das ist Motivation gepaart mit einem Skillset, das zu einer erneuten Leistungsexplosion führen könnte.
Nico Collins ist kein unbekannter Name, aber er ist einer, der in der Diskussion um die besten Receiver der NFL selten genannt wird. Und das durchaus mit Berechtigung, denn die Namen, die dort regelmäßig fallen - Chase, Nacua, Jefferson und andere - haben über mehrere Jahre auf höchstem Niveau konstant produziert und sich ihren Platz in dieser Konversation verdient. Collins hat das auf diesem Level noch nicht geschafft. Und genau deshalb hat er nur Außenseiterchancen auf den Award. Und das auch zu Recht.
Aber seine Effizienzwerte gehören ligaweit zur absoluten Elite, sein physisches Profil ist außergewöhnlich, und mit Stroud hat er einen Quarterback an seiner Seite, der weiß, wie man sein Talent optimal einsetzt. Liefert Stroud ab und findet zu alter Stärke zurück, bleibt Collins gesund und spielt auf seinem üblichen Niveau, dann reden wir am Ende der Saison vielleicht nicht mehr über einen Sleeper-Pick. Dann reden wir über einen der besten Receiver der Welt, der endlich die ganze Bühne bekommen hat, die er schon lange verdient. Und manchmal braucht es genau das: eine Saison, in der alle Puzzlestücke passen. Für Nico Collins könnte 2026 genau diese Saison sein.
val