13.05.2026
Rookie im Gespräch
Felix Lepper stand in der Uniform der Kansas City Chiefs da, blickte sich um und merkte plötzlich, wie weit ihn sein Weg bereits geführt hatte. Vor wenigen Jahren begann er bei den Göttingen Generals mit Football, inzwischen hat der deutsche Offensive Lineman neben vielen Stationen in Europa zwei NFL Rookie-Minicamps erlebt: erst bei den Chiefs, danach bei den New York Giants.

Im Gespräch mit football-world berichtet Lepper über Playbook-Druck, lange Tage, harten Konkurrenzkampf und den Moment, in dem ihm nach dem Camp die Tränen kamen.
Das Draft-Wochenende begann für Felix Lepper vergleichsweise ruhig. Die ersten beiden Tage verfolgte er entspannt, freute sich über bekannte Namen, mit denen er noch kurz zuvor gemeinsam im International-Player-Pathway-Programm trainiert hatte, und wusste: Wenn sich für ihn eine Tür öffnet, dann vermutlich erst spät.
Am dritten Tag stieg die Anspannung. Lepper schrieb mit seinem Agenten, saß zu Hause mit Familie und Freunden auf dem Sofa und hoffte, dass sein Handy klingeln würde. Der Draft-Call blieb aus. Doch kurz darauf kam die Nachricht: Die New York Giants und die Kansas City Chiefs luden ihn zu ihren Rookie-Minicamps ein. Vor allem Kansas City kam überraschend. Persönlichen Kontakt mit den Chiefs hatte es vorher nicht gegeben. "Von daher kam das für mich in dem Moment schon sehr, sehr plötzlich und auch irgendwo unerwartet, aber mega cool", berichtet der Deutsche.
Viel Zeit zum Nachdenken blieb nicht. Nach dem Draft kamen die Tickets, kurz darauf saß Lepper bereits im Flieger. Missouri, Kansas City, Chiefs-Facility: alles war neu. Und doch fühlte sich die Umgebung für ihn schnell vertraut an. "Ich habe mich gleich ein bisschen heimisch gefühlt", erzählt er. Der erste Eindruck bei den Chiefs war trotzdem überwältigend. Als Lepper am Hotel ankam, hielten vor ihm mehrere Busse voller Spieler. Mehr als 100 Talente hatten ebenfalls eine Einladung erhalten.
Der erste Tag bestand aus medizinischen Checks, Meetings, ersten Gesprächen mit Coaches und dem Kennenlernen der Facility. Am Abend folgte ein besonderer Moment: ein Rookie Dinner im Arrowhead Stadium, gemeinsam mit Chiefs-Eigentümer Clark Hunt, allen Coaches und früheren Chiefs-Größen. "Das war auf jeden Fall ein sehr cooler Moment und eine unfassbare Ehre“, erzählt der 23-Jährige stolz.
Am nächsten Morgen begann der eigentliche Test. 5:30 Uhr aufstehen, Frühstück, Meetings, Installationen, Walkthrough, Training, wieder Meetings. Zurück im Hotel war der Tag noch lange nicht vorbei. Dort wartete das Playbook.
Für Lepper wurde schnell klar: In einem Rookie-Minicamp reicht Athletik allein nicht. Entscheidend ist, wer Informationen in kürzester Zeit aufnehmen, verarbeiten und auf dem Feld fehlerfrei umsetzen kann. Gerade in der Offensive Line bedeutet das: Calls verstehen, Fronts erkennen, Anpassungen mitdenken und dabei keine mentalen Fehler machen. Selbst der aufkommende Jetlag rückte in den Hintergrund. Zu groß war der Fokus auf die Chance, für die Lepper jahrelang gearbeitet hatte.
Die Atmosphäre im Camp beschreibt der 2,05 Meter große Offensive Tackle als angespannt und extrem fokussiert. Gedraftete Spieler, Undrafted Free Agents, Tryout-Spieler und Akteure mit NFL-Erfahrung kämpften um Rollen, Verträge und Aufmerksamkeit. Während man in anderen Teams oft schnell zusammenwächst, steht im Rookie-Minicamp vor allem eines im Mittelpunkt: Konkurrenz. Lepper selbst blendete deshalb vieles aus. Er achtete kaum darauf, welcher der gedrafteten Chiefs-Rookies besonders auffiel. Nicht aus Desinteresse, sondern weil jeder Rep zählte.
Der stärkste Moment kam für den gebürtigen Hessen nicht während einer Übung, sondern danach. Als das Camp vorbei war, stand er in der Uniform der Kansas City Chiefs da, blickte sich um und realisierte, was er erleben durfte: "Als das Camp vorbei war, hatte ich Pipi in den Augen."
Plötzlich ging es nicht mehr nur um den nächsten Rep oder das nächste Meeting. Es ging um den gesamten Weg: Göttingen, USA, ELF, IPP und nun um ein Wochenende bei einem der größten Teams der NFL. Für Lepper war dieser Moment unabhängig vom weiteren Ausgang wertvoll. Natürlich ging es um eine Chance auf mehr. Gleichzeitig war da aber auch das Gefühl, sich genau diesen Augenblick verdient zu haben. "Ich habe mich umgeguckt, habe gesehen, dass ich bei den Kansas City Chiefs bin, die Kansas City Chiefs Uniform trage und war so: Hierfür hast du gearbeitet. Egal wie das hier ausgeht, du hast alles gegeben. Und egal wie das hier ausgeht, du bist bereit für was auch immer noch kommt", so der Offensive Lineman.

Viel Zeit, das Erlebte zu verarbeiten, blieb nicht. Nach Kansas City ging es direkt weiter zu den New York Giants und damit in ein Camp, das sich deutlich anders anfühlte: kleiner, direkter, persönlicher. Während bei den Chiefs mehr als 100 Spieler dabei waren, schätzte Lepper die Teilnehmerzahl bei den Giants auf nur rund 30 bis 40. Für ihn bedeutete das: mehr Wiederholungen, engeren Austausch mit den Coaches und gleichzeitig noch mehr Sichtbarkeit bei jedem einzelnen Rep.
Die Erfahrung aus Kansas City half ihm. Beim zweiten Camp kannte der Deutsche Abläufe wie Meetings, Walkthrough und Film bereits besser. Auch der Austausch mit den Coaches war bei den Giants direkter, weil im O-Line-Room deutlich weniger Spieler saßen.
Gleichzeitig lernte Lepper auch die nüchterne Seite der NFL kennen. Nach dem Camp in Kansas City blieb kaum Zeit für individuelles Abschlussfeedback. Die Coaches erklärten, dass nun vor allem das Front Office entscheidet. Kurz darauf mussten die Spieler ihre Sachen abgeben und zum Bus Richtung Flughafen.
Für den 23-Jährigen ist das Teil des Geschäfts: hart, aber nachvollziehbar. Wie es weitergeht, war zum Zeitpunkt des Gesprächs noch offen. Von den Coaches habe er solides bis gutes Feedback erhalten, mit den Giants konnte er sich etwas intensiver austauschen. Sein Plan bleibt klar: weiter trainieren, bereit bleiben, abwarten.
In seiner Abizeitung schrieb Lepper einst, dass er sich später in der ELF oder NFL sehe. Die ELF erreichte er schneller als gedacht. Nun stehen zwei NFL-Rookie-Minicamps in seinem Lebenslauf. Was sein 18-jähriges Ich als Football Rookie dazu sagen würde? "Da müsste er sich, glaube ich, erstmal kurz hinsetzen", meint er lächelnd.
Marius Wimmler